Die Türkei will zurück auf den Balkan | Wirtschaft | DW | 28.09.2018
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Westbalkan

Die Türkei will zurück auf den Balkan

Viele Balkan-Staaten haben eine türkische Geschichte: Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Albanien und der Kosovo gehörten lange zum Osmanischen Reich. Inzwischen schaut Ankara wieder begehrlich auf die Region.

Belgrad am Wasser Waterfront (Getty Images/A.Isakovic)

Baustelle Belgrad Waterfront (Aufnahme aus dem Jahr 2015)

Der türkische Anteil an Serbiens Außenhandel beträgt nur 3,5 Prozent, aber fast unbemerkt hat es Ankara inzwischen unter die zehn wichtigsten Handelspartner Serbiens geschafft. Ein Beispiel: Türkische Bauunternehmen bauen 20 Kraftwerke in Serbien, die sie auch betreiben werden. Im Kosovo gehört die Türkei bereits zu den Top 3 in der Liste der Handelspartner.

Die sich entwickelnden türkisch-serbischen Wirtschaftsbeziehungen konzentrieren sich auf den Energiesektor. Das sichtbarste Projekt dieser Zusammenarbeit ist die Gaspipeline zwischen beiden Ländern, die vom russischen Energieriesen Gazprom verlegt wird. 

Der westliche Balkan steht nur für einen kleinen Teil des türkischen Außenhandels, wenn man ihn mit dem Türkei-EU-Handel vergleicht, der einen Wert von 145 Milliarden Euro ausmacht. Doch unlängst sprach der türkische Präsident Erdogan davon, die Investitionen in Serbien auf fünf Milliarden Dollar (4,3 Milliarden Euro) auszubauen, im vergangenen Jahr waren es noch 1,7 Milliarden Euro gewesen. 

Allerdings stellt sich die Frage, wie Ankara dieses Versprechen einlösen will, schließlich hat die türkische Lira in diesem Jahr fast die Hälfte ihres Wertes im Vergleich zum US-Dollar eingebüßt. So merkte der serbische Handelsminister erst kürzlich an: "Wir sorgen uns, dass die Krise in der Türkei auch bei uns spürbar wird." 

Investitionen als Antwort auf innere Probleme?

Analysten verweisen darauf, dass die geschwächte Lira staatliche Ausgaben erschweren wird und damit weniger Kapital für Unternehmungen im westlichen Balkan zu Verfügung stehen wird. "Das heißt aber nicht notwendigerweise", schränkt Gareth Jenkins vom Institut für Sicherheit und Entwicklungspolitik ein, "dass private türkische Investitionen zurückgehen werden."

South Stream Pipeline Rohre der Gazprom liegen in Serbien bereit zum Bau. (picture-alliance/AP)

Rohre für die South Stream-Pipeline des russischen Gazprom-Konzerns

Und tatsächlich hat es in den vergangenen 18 Monaten einen deutlichen Anstieg bei den Auslandsinvestitionen des privaten Sektors in der Türkei gegeben - wohl eine Reaktion auf schwindende Gewinnmargen innerhalb der Türkei und auf die Sorgen wegen der türkischen Gesetzgebung. "Geld in relativ stabilen Anlagen auf dem Balkan zu parken, scheint vielen türkischen Geschäftsleuten eine gute Idee zu sein", sagt der in Polen lebende Balkan-Experte Jan Mus zur DW.

"Wir haben bisher noch keine negativen Entwicklungen im Geschäft der Türkei mit den Westbalkan-Staaten auf Grund der aktuellen Schwierigkeiten der türkische Wirtschaft gesehen", sagt Alper Ücok gegenüber DW. Er ist Repräsentant der TUSIAD in Berlin, der Türkischen Industrie- und Geschäftsvereinigung.

"Die Dimension von Handel und Investitionen ist einfach zu gering, als dass wir eine deutliche Reaktion in diesen Märkten messen könnten. So gesehen, haben die West-Balkan-Staaten noch einiges zu erwarten aus der Türkei", sagt Aleksandar Medjedovic vom türkisch-kroatischen Wirtschaftsrat in Istanbul. "Meine Schätzung ist: Wir werden noch mehr Investments aus der Türkei sehen. Nicht nur auf dem Balkan, sondern in ganz Europa."

Was will die Union?

Die EU ist in der Tat das ersehnte Ziel für viele türkische Investoren in Serbien. Aleksandar Medjedovic: "Die Türkei hat eine sich schnell entwickelnde Wirtschaft, eine starke Industrie und ausgeprägte internationale Handelsbeziehungen und ist stets auf der Suche nach neuen Märkten und Produktionsstätten. Länder wie Serbien, Kroatien oder Slowenien erscheinen da als Einfallstore, um näher am europäischen Kunden produzieren zu können."

Dennoch ist es mitunter nicht klar, ob die EU beunruhigt ist wegen der türkischen Interessen auf dem Balkan oder ob die Union eher die Folgen der türkischen Politik fürchtet, die sich immer mehr geopolitisch isoliert - und das in einem Gebiet, dass von Moskau und Peking genau beobachtet wird.

In einem ersten Treffen dieser Art seit 15 Jahren haben Vertreter der EU mit Kollegen aus Serbien, Albanien, Bosnien, Montenegro, Mazedonien und dem Kosovo gesprochen und man hat sich auf eine engere Zusammenarbeit geeinigt, um Migrationsbewegungen besser begegnen zu können. Gleichzeitig machten die EU-Vertreter aber klar, dass die Länder dieser Region nicht auf eine baldige EU-Mitgliedschaft hoffen dürfen. Serbiens EU-Aufnahme ist für 2025 geplant, zwölf Jahre nach Kroatien und zwei Jahrzehnte, nachdem Slowenien in die Union aufgenommen wurde.

Ankara will nicht spalten

In der Türkei wird argumentiert, dass die Interessen Ankaras auf dem Balkan nicht mit denen der EU kollidierten - man würde einander dort eher ergänzen. "Die Türkei ist nicht Russland", sagte Sinan Ülgen, türkischer Ex-Diplomat vom Think-Tank "Carnegie Europe" dem Magazin "Politico": "Die Türkei will keinen Keil zwischen die Balkan-Staaten und die EU treiben - im Gegenteil."

China und Russsland

China sieht die Region als einen Korridor nach Europa, als einen Teil der neuen Seidenstraße. Es gibt Projekte wie den Bau einer Brücke in Süd-Kroatien, Huawei will mit einer serbischen Telefongesellschaft zusammenarbeiten. Eine Autobahn soll gebaut werden, um Belgrad mit der Adriaküste zu verbinden.

Gleichzeitig investiert Russland in großem Stil, besonders auf dem Energiesektor. Es gibt geschätzt etwa 1000 Firmen in Serbien, die entweder teilweise oder ganz Russen gehören. Ihr Wert wird auf ungefähr fünf Milliarden Euro geschätzt.

Allerdings gilt auch: Vier der fünf größten Investoren in Serbien kommen aus der EU und der Handel des Landes mit Deutschland oder Italien allein ist umfangreicher als der mit Russland, obwohl es mit Moskau ein Freihandelsabkommen gibt. Die EU schätzt, dass auf ihre Mitgliedsstaaten im vergangenen Jahr rund 73 Prozent des Handels der nicht in der Union organisierten West-Balkanländer entfallen ist. Auf China und Russland entfielen nur jeweils etwa fünf Prozent.

Einer Untersuchung des Zentrums für Demokratie-Studien, das Russlands wachsendes Engagement in der Region beobachtet, kommt zu dem Schluss, dass die West-Balkan-Staaten anfällig für Druck aus Moskau sind. Das liege daran, dass die russischen Investments sich auf strategische Sektoren konzentrieren: Energie, Bankenwesen, Metallverarbeitung und Immobiliengeschäfte. 

In Serbien wird die russische Präsenz offiziell auf etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt, hauptsächlich im Energiesektor. Das sei wahrscheinlich eher eine Untertreibung, meint das Zentrum für Demokratie-Studien. In seinem Bericht heißt es: "Viele der russischen Direkt-Investitionen kommen von russisch kontrollierten Firmen, die Niederlassungen in EU-Staaten unterhalten, wie beispielsweise in Österreich und den Niederlanden." 

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