Die Türkei und der IS | Europa | DW | 05.11.2019
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Dschihadismus

Die Türkei und der IS

Auch die Schwester des ehemaligen IS-Anführers al-Bagdadi wurde nahe der türkischen Grenze in Syrien aufgespürt. Der Vorfall verunsichert die Bevölkerung - ignoriert die Regierung die Bedrohung durch den IS?

Als letzte Woche die US-Regierung verkündete, dass der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Bagdadi, im nordsyrischen Region Idlib durch einen Einsatz einer US-Spezialeinheit ums Leben kam, dürfte die Erleichterung in westlichen Staaten allgemein groß gewesen sein. In der türkischen Öffentlichkeit wirft der Aufenthaltsort al-Bagdadis jedoch Fragen auf: Wie kann sich einer der meistgesuchtesten Terroristen der Welt nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze unbemerkt aufhalten? In einer Region, die im Einflussbereich Ankaras liegt und in der sich türkische Streitkräfte und mit Ankara verbündete Milizen befinden. Wie heute türkische Behörden meldeten, hielt sich auch die 65-Jährige Schwester des Terrorführers ungefähr sechs Kilometer von der türkischen Grenze entfernt auf. Sie soll nahe der nordsyrischen Stadt Azaz von türkischen Behörden festgenommen worden sein.

Syrien | Schwester von Al-Bagdadi, Rasmiya Awad (DHA)

Auch die Schwester al-Bagdadis hielt sich nahe der türkischen Grenze auf

Ist das türkische Grenzgebiet der perfekte Unterschlupf für hochrangige IS-Terroristen? Die türkische Öffentlichkeit rätselt mehr denn je über das Verhältnis zwischen der Regierung und dschihadistischen Gruppierungen. Bereits vor der Eliminierung al-Bagdadis lautete der Vorwurf von Oppositionellen, dass Ankara sich im Syrischen Bürgerkrieg mit dem IS gemein gemacht habe: Verwundete Kämpfer, die sich in Krankenhäusern behandeln ließen, sowie Berichte über Waffenlieferungen an den IS haben in Teilen der türkischen Bevölkerung für Misstrauen gesorgt. Zudem stand immer wieder der Vorwurf im Raum, dass die Grenzpolizisten absichtlich IS-Kämpfer die türkische Grenze passieren ließen. 

Schaut Ankara einfach weg? 

Auch der Journalist und Experte für IS-Terrorismus, Erk Acarer, wundert sich darüber, dass sich weltweit gesuchte Terroristen an der türkischen Grenze aufhalten - obwohl es gerade das erklärte Ziel der türkischen Regierung sei, den Terror aus Nordsyrien zu verbannen. Er kritisiert zudem den laschen Umgang mit potentiellen Terroristen, die problemlos in die Türkei einwandern könnten: "Durch die Militäroperation in Idlib sind 3000 Syrer in die Türkei eingedrungen - die Behörden haben nicht einmal hingesehen."

IS in der Türkei Journalist Erk Acarer (Privat)

Die türkische Regierung schaut weg, meint der Journalist Erk Acarer

Der frühere stellvertretende Staatssekretär des türkischen Geheimdienstes MIT, Cevat Önes, betont, dass die türkische Regierung jetzt mehr gegen den Terror vorgehe. Die türkische Regierung kämpfe gegen al-Bagdadi und dschihadistische Gruppierungen "und die türkische Gesellschaft unterstützt diesen Kampf", machte Önes deutlich. 

Er räumte jedoch ein, dass es Zeiten gegeben habe, in denen die türkische Regierung die Bedrohung durch Dschihadisten unterschätzt habe. "Als der Bürgerkrieg 2011 losging, hat man die Grenzen nicht besonders gut kontrolliert." Darüberhinaus erinnert Önes daran, dass viele Terroristen über die Türkei in die Kriegsgebiete eingereist seien. "Es gab zurecht viel Kritik daran, dass die Grenzen nicht abgesichert wurden." Doch die Nachsicht mit dschihadistischen Terroristen habe man nun endgültig abgelegt. "Die Türkei bekämpft jetzt Terroristen. Das beste Indiz dafür ist die 'Operation Friedensquelle' [gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien, Anm. d. Red.]", so der ehemalige Geheimdienstler.

Eine tödliche Vernachlässigung

Kritiker und Oppositionelle argumentieren, dass der zeitweise unvorsichtige Umgang mit IS-Terroristen die Sicherheit der türkischen Staatsbürger aufs Spiel gesetzt habe. In trauriger Erinnerung geblieben, sind vor allem Terror-Anschläge, die im Jahr 2015 von Anhängern des IS ausgeführt wurden: Der Selbstmordanschlag von Suruc an der syrischen Grenze, der 34 junge Menschen tötete. Dann im Oktober 2015 der schwerste Terroranschlag der türkischen Geschichte: Vor dem Hauptbahnhof in Ankara reißen zwei Selbstmordattentäter ungefähr 100 Menschen in den Tod. Genauso blieb der Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen im Jahr 2016 im Gedächtnis, der mörderische Überfall auf den Istanbuler Nachtclub Reina in der Silvesternacht 2017 und viele weitere Anschläge, die in den Jahren 2015 bis 2017 vom IS verübt wurden.

Kritiker wie die Opferanwältin Nuray Özdogan sind sich sicher, dass einige Anschläge hätten verhindert werden können. "Der Anschlag von Ankara mit ungefähr 100 Toten hätte nicht stattgefunden, wenn zuvor eine ernsthafte Untersuchung des Anschlags von Suruc durchgeführt worden wäre." In 66 Geheimdienstberichten seien die Selbstmordattentäter von Ankara erwähnt worden, doch der Anschlag wurde dennoch nicht verhindert, erläutert Özdogan. Nach den IS-Anschlägen von Ankara, Suruc und Diyarbakir hätten Anwälte eine Untersuchung der Mitschuld des türkischen Staates an den Anschlägen gefordert, doch die Anträge wurden abgelehnt, berichtet die Juristin. "Viele Beweise für die Mitschuld des Staates konnten ohnehin nie vorgelegt werden, denn Polizei und Nachrichtendienste haben keine Informationen herausgegeben."

Die Islamisten-Szene floriert

Heute scheinen sich die türkischen Behörden besser auf die Bedrohung durch den IS eingestellt zu haben. Zumindest machten in den letzten Monaten einige Polizeioperationen gegen IS-Kämpfer Schlagzeilen in türkischen Medienberichten. Zuletzt machten Bilder von Festnahmen in Izmir, Adana oder in Istanbul die Runde. 

Türkei Cevat Önes (Necati Savas )

Ehemaliger Geheimdienst-Chef Cevat Önes: Man ist nachsichtiger geworden. Die Bedrohung wurde unterschätzt

Allerdings haben sich in den Jahren des Wegschauens in vielen türkischen Städten IS-Strukturen herausgebildet. Besonders in den Städten Hatay, Adiyaman, Gaziantep, Kilis oder Sanliurfa, die nahe an der syrischen Grenze liegen, aber auch in den Metropolen Ankara, Izmir und Adana ist die Präsenz des IS und seiner dschihadistischen Gemeinden spürbar. Sie tragen ihre fundamentalistische Ideologie selbstbewusst nach außen: Im Jahr 2015 zum Beispiel versammelten sich hunderte IS-Anhänger im Ömerli-Park bei Istanbul und hörten begeistert die Botschaft des bekannten IS-Predigers Halis Bayancuk, der öffentlich zum Dschihad aufrief. Ein Video von der Predigt schockierte viele liberale Türken - für sie war der Vorfall ein Sinnbild für einen zu nachsichtigen Umgang der türkischen Gesellschaft mit der Terrormiliz IS.

Der Tod Abu Bakr al-Bagdadis sorgt nun für Hoffnung, dass die Türkei wieder zu einer rein anti-dschihadistischen Mentalität zurückkehrt. Doch Experten zeigen sich eher kritisch und verweisen darauf, dass die Bedrohung durch den IS weiter bestehen werde. Denn auch wenn "die Ermordung des Führers einer terroristischen Organisation [...] eine erhebliche Schwächung der Organisation [verursache]", werde die Zustimmung zu der Ideologie in vielen Ländern - darunter auch die Türkei - weiterleben, prognostiziert Experte Önes. Dazu kommt, dass sich die Bedingungen für die Ausbreitung der IS-Ideologie durch den Syrischen Bürgerkrieg verbessert haben: Im Grenzgebiet zu Syrien haben sich, bedingt durch Masseneinwanderung, ein demographischer Wandel sowie wirtschaftliche Probleme eingestellt - ein Nährboden für Dschihadismus.