Die Stimme der Flüchtlinge: Radiotraining im Rohingya-Camp | Asien | DW | 27.03.2018
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Asien

Die Stimme der Flüchtlinge: Radiotraining im Rohingya-Camp

Stundenlanges Warten auf Essen. Elefanten im Camp. Und eine Hochzeit. Geschichten aus dem Flüchtlingslager in Kutupalong, Bangladesch. Die DW Akademie bildet dort Rohingya zu Bürgerjournalistinnen und -journalisten aus.

Kutupalong Flüchtlinge Frauen (Andrea Marshall)

Für die Rohingya in Kutupalong ist Radio das ideale Medium: Viele der Flüchtlinge, vor allem Frauen, sind Analphabeten.

Was für ein Schock: Ein Elefant ist in das Flüchtlingslager eingedrungen und hat einen 12-jährigen Jungen getötet. Wie können sich die Camp-Bewohner schützen, wenn weitere Elefanten auftauchen? Die neu errichteten Hütten am Rand des Camps liegen schließlich auf der Wanderroute der Tiere. Dieses Erlebnis ist wohl eines der schlimmsten im Camp. Doch es gibt hier auch noch viele andere Geschichten, die es sich zu erzählen lohnt: Stundenlang stehen Menschen bei sengender Hitze Schlange für die Zuteilung von Reis, Linsen und Öl. Was geht in ihren Köpfen vor, woran denken sie? Und: Wie bereitet man eigentlich hier, in dieser unwirtlichen Umgebung, eine würdevolle Hochzeit vor, wenn sich zwei junge Flüchtlinge im Camp das Jawort geben?

Ein angehender Camp-Reporter führt ein Interview. (Andrea Marshall)

Ein angehender Camp-Reporter führt ein Interview.

Es finden sich hier unzählige Geschichten. Viele davon traurig, einige aber auch lebensfroh und leicht. All diese Themen, die die Menschen im Camp bewegen, wollen die Trainer der DW Akademie mit den Flüchtlingen aufbereiten und für das Radio erzählen. Die DW Akademie unterstützt das Community-Radio-Programm im größten und am dichtesten besiedelten Flüchtlingslager der Welt. Mehr als  680.000 Menschen leben nach Schätzungen der UN in diesem und den Nachbarcamps. Es sind  Menschen, die in der Grenzregion in Myanmar verfolgt und misshandelt wurden. Die miterleben mussten, wie Nachbarn, Freunde und Verwandte von Soldaten getötet wurden und die sich deshalb entschlossen, mit ihrem Hab und Gut über die Grenze zu fliehen. Beinahe täglich kommen neue Flüchtlinge an.

Blick über die provisorischen Hütten von Kutupalong (Andreas Lange)

Blick über die provisorischen Hütten von Kutupalong

Ein Stück Identität zurückgeben

Mitte März lief der erste knapp dreiwöchige Community-Radio-Workshop der DW Akademie mit jungen Rohingya. Ein Workshop, der viele Herausforderungen birgt. Junge Flüchtlinge sollen lernen, in Zusammenarbeit mit Radio Naf – dem einzigen Bürgerradio der Region – über das Leben im Camp zu berichten. Zwar wird in der Welt das Elend der Rohingya ausführlich thematisiert, die Alltagsgeschichten der Menschen selbst werden aber nicht erzählt.

Für diese Geschichten ist Radio das geeignete Medium: Schätzungsweise 70 Prozent der Rohingya sind Analphabeten. Von den Rohingya-Frauen kann fast niemand lesen oder schreiben. Und gerade sie sind auch noch besonders zurückhaltend, schweigen und verbergen sich, wenn sie direkt angesprochen werden. Manche haben noch nie in ihrem Leben Radio gehört oder einen Unterricht besucht. Wie kann man diesen Menschen beibringen, Radiogeschichten zu produzieren?

Tandem-Konzept

In der Praxis geht dann manches leichter als gedacht. Die Bereitschaft unter den Flüchtlingen, etwas zu lernen, ist riesig. Die Männer, die ein wenig lesen und schreiben können, tauen schnell auf und ziehen dadurch andere mit. Die Rohingya-Frauen lassen sich vor allem von den bangladeschischen Frauen ermuntern, sich zu beteiligen. Die Menschen in dieser Region sprechen denselben Dialekt, das erleichtert die Arbeit spürbar. Die englischen Anleitungen der Trainer müssen übersetzt werden.

Rohingya und Einheimische lernen, Geschichten aus dem Lager spannend zu erzählen. (Andrea Marshall)

Rohingya und Einheimische lernen, Geschichten aus dem Lager spannend zu erzählen.

Das Konzept des Trainings sieht vor, dass die Kurse je zur Hälfte mit Flüchtlingen und Einheimischen aus der Umgebung besetzt sind. Die Einheimischen arbeiten als ehrenamtliche Reporter für Radio Naf und organisieren Hörer-Clubs. Auch sie sollen von den Trainings profitieren und eine Mentorenrolle für die Flüchtlingsreporter übernehmen. Die Übungen und Geschichten werden in gemischten Reporter-Tandems recherchiert und erzählt. Das sorgt für Dynamik bei den Trainings und für große Akzeptanz der Trainings innerhalb und außerhalb des Camps.

Fitness im Saunazelt

Die wichtigste Aufgabe für die Teilnehmer des  Workshops ist es, ein Gespür für die Themen abseits der großen Konflikte zu entwickeln. So werden die Trainees ermuntert, unterhaltsame Stücke zu produzieren: Da gibt es das Porträt eines Musikers oder ein Streitgespräch zwischen Großvater und Enkel über dessen angeblich unangebrachte modische Frisur. Bei diesen Übungen schimmert die Lebensfreude durch, die die Menschen sich erhalten haben - allen dramatischen Umständen zum Trotz. Eine echte Herausforderung ist der Trainingsort. Der Workshop ist in einem Zelt aus Bambusstöcken und Plastikplanen direkt im Camp. Im Zelt steigen im Laufe des Tages  die Temperaturen auf Sauna-Niveau. Da wirken die gymnastischen Übungen in der Pause sehr erfrischend: Armrudern, Kniebeugen und Seitendehnungen werden bei den Teilnehmern zum Hit.

Ein Informationsstand von Radio Naf im Flüchtlingslager von Kutupalong. Die DW Akademie arbeitet mit dem lokalen Bürgerradio zusammen und bildet neben den Flüchtlingen auch Einheimische aus. (Andreas Lange)

Ein Informationsstand von "Radio Naf" im Flüchtlingslager von Kutupalong. Die DW Akademie arbeitet mit dem lokalen Bürgerradio zusammen und bildet neben den Flüchtlingen auch Einheimische aus.

Kein freies Stück Land

Für die nächsten Workshops muss ein neuer Trainingsort gefunden werden. Doch es herrscht große Platznot im Camp: Zelte oder Häuser könnten sofort errichtet werden, aber es gibt keine freien Grundstücke mehr in diesem inzwischen extrem dicht besiedelten Lager. Ein Problem, mit dem viele Organisationen zu kämpfen haben. Doch es wird auch immer wieder improvisiert. Und bis zum nächsten Training ist auch noch ein wenig Zeit.

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