″Die Schoah hatte eine Vorgeschichte″ | Aktuell Deutschland | DW | 09.11.2018
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Gedenken an die Pogromnacht

"Die Schoah hatte eine Vorgeschichte"

Die Pogrome des 9. November 1938 kamen nicht wirklich über Nacht. Die Bundeskanzlerin erinnert an den Werdegang bis zum "Zivilisationsbruch". Und leitet daraus die Verantwortung von Staat und Gesellschaft ab.

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Angela Merkel: "Die demokratische Mehrheit muss wachsam bleiben"

Es sind klare Worte der Kanzlerin: "Der Rechtsstaat darf keine Toleranz zeigen, wenn Menschen aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe angegriffen werden", sagt Angela Merkel bei der Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestages der Pogromnacht am 9. November 1938. Rund 1200 Menschen fasst die Synagoge in der Berliner Rykestraße, in der die Bundeskanzlerin spricht. Historiker schätzen, dass die Zahl der Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938 ähnlich hoch liegt. 

Auch heute gebe es wieder eine deutliche Gefahr für Juden zu spüren, sagt Merkel: Man erlebe "einen besorgniserregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und an anderen sicher geglaubten Orten der Welt bedroht."

"Es wird immer schlimmer"

Jüdische Mitbürger, die an der Gedenkveranstaltung teilnehmen, sind dementsprechend desillusioniert. "Leider hat man das Gefühl, dass es immer fromme Reden sind", sagt Iris Cohnen, die als Mitglied der jüdischen Gemeinde Düsseldorf extra nach Berlin angereist ist. "Es bewegt sich nicht echt was, und es wird leider immer schlimmer."

Eine Zeit lang habe sie das Gefühl gehabt, in Deutschland als Jüdin offen leben zu können. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf hatte in diesem Jahr auch erstmals am berühmten Karnevalsumzug mitgemacht. Für sie bleibt das eine einmalige Angelegenheit. "Die Bemerkungen und die Vorurteile, die sind einfach da", schildert sie ihre Erfahrungen. "Man kriegt schon Angst." Sie hofft, dass die mahnenden Worte der Kanzlerin Wirkung zeigen, denn: "Es wird nicht genügend gegen den Antisemitismus getan."

Judenhass auf der einen Seite, auf der anderen aber auchblühendes jüdisches Leben , wie man bei der Gedenkveranstaltung in der Gemeinde in der Berliner Rykestraße deutlich spüren kann: Es herrscht ein reges Treiben, die größte Synagoge Deutschlands ist gut gefüllt. An den Fenstern über dem Eingang der Synagoge drückten sich Kinder vor Beginn der Veranstaltung die Nasen platt.

Ohne Polizeischutz geht es nicht

Es sind einige der rund 500 Schüler, die in Volks- und Religionsschulen der Jüdischen Gemeinde Berlin gehen. Heute ist für die Veranstaltung ein ganzer Straßenzug abgesperrt, doch Polizeipräsenz für viele jüdische Schüler fast schon Alltag. Kaum eine jüdische Einrichtung in Deutschland kommt heute ohne Schutz aus. 

Engagierten Polizisten wie Wilhelm Krützfeld war es in der Nacht des 9. November zu verdanken, dass einige Berliner Synagogen nicht ausbrannten. "Viele werden sich fragen, ob sie den gleichen Mut besessen hätten", erinnert Zentralrats-Präsident Josef Schuster. Die Synagoge der Rykestraße konnte nur vor dem Ausbrennen bewahrt werden, weil der Brand die umliegenden Wohnhäuser gefährdete. 

Deutschland Dresden Gedenken an die Opfer der Pogromnacht (picture-alliance/dpa/M. Skolimowska)

Gedenken in Dresden: Eine Ordensschwester legt Blumen an der Stele im Brühlschen Garten nieder

Damals waren in Deutschland rund 1400 Synagogen und Tausende jüdische Geschäfte verwüstet worden. Merkel sagt, diesem Tag sei eine jahrelange Gewöhnung an die antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten vorausgegangen. "Aus Nachbarn wurden Täter und Verbrecher."

"Schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgung"

Heute entlade sich Judenhass zunehmend offen in teils ungehemmter Hetze im Internet wie auch im öffentlichen Raum, warnt Merkel. "Leider haben wir uns beinahe daran gewöhnt, dass jede jüdische Einrichtung von der Polizei bewacht oder besonders beschützt werden muss." "Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz."

Diese Form antisemitischer Straftaten wecke "schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgung in den 30er Jahren", sagt die Kanzlerin. "Der Staat muss entschlossen und konsequent gegen Verunglimpfung, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsradikalismus vorgehen."

Merkel warnt vor vermeintlich einfachen Antworten auf die Verunsicherung durch den technologischen Wandel und die Globalisierung. Dies ginge zu häufig auch mit einer Verrohung der Sprache auf der Straße und im Internet einher. "Das ist der Anfang, dem wir ganz entschieden entgegentreten müssen." Alle müssten sich Angriffen auf die "offene und pluralistische Gesellschaft" entschlossen entgegenstellen.

Opfer verhöhnen, Verbrechen relativieren

Der Zentralrats-Vorsitzende kritisiert in seiner Rede "geistige Brandstifter" im Bundestag, ohne die AfD namentlich zu nennen. Schuster sagt: "Vor nichts haben sie Respekt. Sie instrumentalisieren die mutigen Widerstandkämpfer der Weißen Rose für ihre Zwecke. Sie verhöhnen die Opfer und Überlebenden der Schoah, indem sie die NS-Verbrechen relativieren. Sie betreiben Geschichtsklitterung und wollen unsere Gedenkkultur zerstören."

An der Gedenkveranstaltung nehmen Vertreter des Judentums, von Bundesregierung, Bundestag, Kirchen und Gesellschaft teil, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Ausdrücklich nicht eingeladen hat der Zentralrat der Juden als Hausherr Vertreter der AfD.  Schuster: "Es wäre für die jüdische Gemeinde unerträglich gewesen, Vertreter dieser Partei unter uns zu wissen."

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