Die Pest - vergessen aber nicht ausgerottet | Wissen & Umwelt | DW | 08.07.2020
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Die Pest - vergessen aber nicht ausgerottet

Im Spätmittelalter wurde die gefährliche Bakterienerkrankung zum Inbegriff tödlicher Epidemien. Erst mit der Entdeckung der Antibiotika verlor sie ihren Schrecken. Aber es kommt dennoch immer wieder zu Ausbrüchen.

Anfang Juli sind drei Fälle der Beulenpest in der Mongolei und einer in der Inneren Mongolei (China) aufgetreten. Am ersten Wochenende des Monats erkrankte in der nordchinesischen Provinz ein Hirte. Am Montag darauf in der Mongolei ein 15-jähriger Junge, der Murmeltier-Fleisch gegessen hatte. Bereits in der Woche zuvor waren zwei Menschen in der mongolischen Provinz Khovd erkrankt. Und dereits im vergangenen Jahr war ein Ehepaar in der Mongolei nach dem Verzehr eines Murmeltieres gestorben. 

Die Gesundheitsbehörden haben in den betroffenen Gebieten das Jagen und den Verzehr von jenen Tieren verboten, die die Seuche übertragen könnten - das gilt besondere für  Murmeltiere. 

Infizierte Tiere auf fast allen Kontinenten - aber nur wenige infizierte Menschen

Obwohl die Pest heutzutage gut medikamentös kontrollierbar ist, kommt es in bestimmten Weltregionen immer wieder zu Infektionen. Das liegt daran, dass der Erreger ein natürliches Reservoir in bestimmten Tieren hat. In Asien sind das etwa Murmeltiere, in den USA Präriehunde bzw. Erdhörnchen. Auch Katzen können sich als Zwischenwirt anstecken.

Weitere Endemiegebiete sind etwa die Demokratische Republik Kongo und insbesondere Madagaskar. Auch in Peru, Bolivien und den USA ist es immer wieder zu Infektionen gekommen. 

Der Pesterreger kommt heute noch in Wildtierpopulationen im südlichen Afrika vor, in Nord- und Südamerika und in Russland und Asien. Meist sind Ausbrüche in diesen Weltregionen jedoch schnell eingegrenzt. Selten erreichen sie überhaupt niedrige zweistellige Infektionszahlen. 

Sonderfall Madagaskar

Die ostafrikanische Insel ist einer der letzten Orte der Welt, in denen es immer wieder zu folgenschweren Pest-Ausbrüchen kommt. Die letzte schwere Epidemie hatte dort im August 2017 begonnen. Die Gesundheitsbehörden erklärten sie Ende November 2017  für überstanden, gingen aber weiterhin vom Auftreten vereinzelter Fälle aus. Die Pest tritt dort üblicherweise saisonal zwischen September und April auf. 

Madagaskar Ausbruch derr Pest (picture-alliance/abaca/H. Rafalia)

Müllmänner versuchen in Antananarivo eilig Säuberkeit zu schaffen, um Nagetiere von Menschen fernzuhalten.

Vom 1. August bis zum 27. November 2017, waren 209 Menschen an der Krankheit gestorben und 2417 erkrankt.

Die Epidemie der Lungenpest hatte in der nordöstlichen Provinz Toamasina begonnen, sich dann aber schnell auch auf die Hauptstadt Antananarivo ausgedehnt. 

Lungenpest – Ansteckung durch die Luft

Die Pest kann in verschiedenen Formen auftreten. Sie haben allerdings alle den gleichen Erreger: das Bakterium Yersinia pestis.

Tritt die Erkrankung als Lungenpest auf - wie zuletzt in Madagaskar - können sich die Menschen untereinander anstecken. Aber die Lungenpest ist nicht so hochinfektiös wie etwa eine Grippe. Die Erreger sterben an der Luft allerdings relativ schnell ab. 

Damit eine Lungenpest sich ausbreiten kann, müssen sich Menschen auf jeden Fall sehr nahe kommen, etwa in stark bevölkerten Großstädten. Lungenpest-Ausbrüche beim Menschen beginnen oft, wenn Erstinfizierte engen Kontakt zu Tieren haben, die bereits an Lungenpest erkrankt sind.

Beulenpest - Ansteckung durch Flöhe

Lungenpest tritt in Nagetier-Populationen fast immer in Verbindung mit einer vorangegangenen Beulenpest-Epidemie auf. Auch Menschen können direkt an Beulenpest erkranken. Das geschieht fast immer durch den Biss eines Rattenflohs, der den Erreger vom Nagetier auf den Menschen überträgt.

Die große europäische Pestepidemie zwischen 1346 und 1353, die jeden dritten Menschen das Leben kostete und damit etwa 25 Millionen Todesopfer forderte, war vermutlich vor allem eine Beulenpest-Epidemie.

Wahrscheinlich reisten die infizierten Nagetiere und ihre Flöhe an Bord von Handelsschiffen. So brachten sie das Bakterium aus Asien zunächst ins sizilianische Messina. Von dort aus griff die Pest rasend schnell um sich. Unhygienische Lebensverhältnisse begünstigten die Verbreitung. Die damals unwissenden und abergläubischen Menschen konnten dem Erreger praktisch nichts entgegensetzen. 

Symbolbild Murmeltier (picture alliance/Arco Images/Sunbird Images)

Süß aber nicht ungefährlich: Murmeltiere in China und der Mongolei tragen den Erreger oft in sich.

Kurze Inkubationszeit - schneller Tod

Zwar können Ärzte die Pest heutzutage gut mit Antibiotika behandeln, allerdings sinken die Heilungschancen rapide, wenn zu viel Zeit verstreicht.

Besonders bei einer Lungenpest-Infektion müssen die Patienten sofort zum Arzt. Die Inkubationszeit beträgt zwischen einem und drei Tagen. Wird die Erkrankung nicht sofort behandelt, verläuft sie fast immer tödlich. Im letzten Stadium der Erkrankung tritt blutiger Husten auf. Erst dann besteht für andere Menschen Ansteckungsgefahr. 

In der Geschichte gibt es nur wenige Beispiele, in denen sich eine reine Lungenpest-Epidemie überregional ausgebreitet hat. In der Regel brach die Krankheit so schnell aus, dass Patienten keine weiten Strecken mehr reisen und Menschen in anderen Städten infizieren konnten. 

Und in fast allen bekannten Fällen, wo durch Lungenpest-Epidemien viele Opfer zu beklagen waren, betraf es Menschen, die in extrem engen, überfüllten und unhygienischen Behausungen lebten.

Anders ist es bei der Beulenpest: Infizierte Nagetiere tragen den Erreger lange Zeit in sich und Flöhe können immer wieder Menschen infizieren. Da Nagetiere den Erreger fast einen Monat in sich tragen können, bis sie sterben, kann eine Epidemie leicht von einer Rattenpopulation auf die nächste überspringen. So konnte sich der "Schwarze Tod" im Spätmittelalter in Europa ausbreiten.

Die Inkubationszeit nach einem Flohstich kann beim Menschen stark variieren. Manchmal dauert es nur wenige Stunden, bis ein Patient Symptome zeigt. Es kann aber auch eine Woche dauern.

Erste Symptome wie bei einer Erkältung

Zunächst ist eine Pest-Erkrankung schwer von einer Grippe zu unterscheiden: Es kommt zu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Patienten klagen über Schwindel und Bewusstseinsstörungen.

Typisch für eine Beulenpest sind die stark angeschwollenen Lymphknoten, die unter den Achselhöhlen, am Hals und in den Leisten zu dicken Beulen werden. Aufgrund innerer Blutungen werden diese Beulen später dunkel, wie ein Bluterguss.

Treten die Pesterreger - zum Beispiel beim inneren Aufbrechen von Pestbeulen oder auch durch äußere Verletzungen - in die Blutbahn ein, kommt es zu einer Pest-Sepsis. Diese Form der Blutvergiftung verläuft unbehandelt so gut wie immer tödlich.  

Bei einer Lungenpest kommt es zu Atemnot und schwerem, schmerzhaften Husten. Die Lippen färben sich blau. Am Ende dringt Blut in die Lunge ein. Beim Husten wird dunkles bis schwarzes Blut abgehustet. Nach wenigen Tagen kommt es unbehandelt zum Kreislaufversagen. Der Patient stirbt.

Warum brechen Epidemien plötzlich ab?

Seit der Entwicklung des Antibiotikums Streptomycin 1943 haben Ärzte ein wirksames Mittel gegen den Pesterreger in der Hand. Aber auch zuvor gab es immer wieder lange Perioden, in denen nach einer Epidemie kaum oder keine Pestfälle mehr auftraten. Diese Perioden konnten auch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte andauern.

Möglicherweise liegt das unter anderem daran, dass Menschen nach einer relativ mild verlaufenden Anfangsinfektion eine Immunität entwickeln können.

Darauf basieren auch verschiedene Impfungen gegen die Pest. Es gibt sie bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert. Allerdings werden diese in der Praxis kaum genutzt, weil sie nur wenige Monate wirksam sind. Zudem wirken sie ausschließlich gegen die Beulenpest, nicht gegen die Lungenpest. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine Impfung nur für Risikogruppen wie Jäger oder Landwirte in Gebieten, in denen infizierte Nagetiere leben.

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