″Die Nachtigall aus dem Maulbeergarten″ | Musik | DW | 23.09.2013
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Musik

"Die Nachtigall aus dem Maulbeergarten"

In Rumänien wird die Sängerin Maria Tanase verehrt wie eine Heilige. Ihre einzigartige Stimme und ihr Einsatz gegen das faschistische Regime sind bis heute unvergessen. Am 25. September wäre sie 100 Jahre alt geworden.

"Den, der liebt und verlässt, wird Gott strafen" (Cine iubeste si lasa) singt Maria Tanase: Mit diesem Fluch auf alle untreuen Seelen debütierte sie im Februar 1938 auf Radio Bukarest und legte damit den Grundstein für eine steile Karriere. Nur wenige Monate später stand sie schon auf angesagten Theaterbühnen der rumänischen Hauptstadt. Mit ihrer unvergleichlichen Stimme hatte sie ihre Landsleute im Sturm erobert.

Gesangstunde im Garten

Die kleine Maria wuchs in einem ländlichen Vorort Bukarests auf, wo ihre Eltern eine Gärtnerei betrieben. Ihr Vater, so erzählt man sich, stellte nur Frauen ein, die gut arbeiten und noch besser singen konnten. Abends dann erklangen auf der Veranda Lieder aus allen Ecken des Landes, die Maria begierig aufsog: Trinklieder, Wiegen- und Liebeslieder voller Sehnsucht, Zigeunerweisen und natürlich die Doina, der Blues Rumäniens. "Doina din Maramures" gehört zu dieser Gattung, in der die Sängerin ihre Stimme zu einer zu Herzen gehenden Klage erhebt.

Umjubelt im Paris des Ostens

Maria Tanase im Trachtengewand @Oriente Musik

Maria Tanase interpretierte die Lieder ihrer Heimat wie keine andere

Als Maria Tanase ihr Elternhaus verließ, tauchte sie im Herzen Bukarests in eine andere Welt ein. In den dekadenten 1930er Jahren galt die rumänische Hauptstadt als Paris des Ostens, wo Bourgeoisie und Intellektuelle sich in den Salons die Köpfe heiß redeten und Varietés und Theater regen Zulauf hatten. Ein Talent wie das von Maria blieb nicht lang unentdeckt. Alle anderen sangen nur die Lieder einer Region Rumäniens, sie hatte Lieder aus allen Ecken des Landes im Gepäck, von der Maramuresch bis Oltenien, von Siebenbürgen bis zur Walachei.

Mit ihrer Gabe, die Lieder zu ihrem ureigensten Vermächtnis zu machen, habe Maria Tanase dem zerrissenen Land auch eine nationale Identität geschenkt, urteilen Musikexperten. Sie sang mit ebensolcher Inbrunst traurige wie fröhliche Lieder und interpretierte Trinkweisen wie "Butelcuta mea" (Mein Weinfläschchen) so überzeugend, als ob sie selbst zu tief ins Glas geschaut hätte.

Eine magische Stimme

Ein großer Verehrer Maria Tanases war Constantin Brailoiu, Musikethnologe und Gründer des rumänischen Folklorearchivs. "Diese Frau hat die Volkslieder mit ihren Interpretationen ein zweites Mal erschaffen", hat er immer wieder betont. Auch im Ausland feierte Maria Tanase große Erfolge. In Istanbul erhielt sie die türkische Ehrenbürgerschaft, in den USA lag man ihr 1939 in New York bei der Weltausstellung zu Füßen. Niemand konnte sich der Magie ihrer Stimme entziehen, als sie das Lied "Lume Lume" über die Vergänglichkeit des Lebens anstimmte. Eine internationale Karriere blieb der Sängerin trotzdem verwehrt, zum einen war sie nach dem Zweiten Weltkrieg hinter dem Eisernen Vorhang gefangen, zum anderen trat sie ungern außerhalb Rumäniens auf; zu sehr litt sie unter Heimweh.

Mutiger Einsatz

Der rumänische Marschall und Politiker Ion Antonescu (l) mit Führer und Reichskanzler Adolf Hitler (r) in dessen Hauptquartier während des Zweiten Weltkriegs über Karten gebeugt. @picture-alliance/dpa

Ion Antonescu unterstützte Hitler

Als im Herbst 1940 der Diktator Ion Antonescu an die Macht kam und mit der faschistischen antisemitischen Legionärsbewegung paktierte, fiel Maria Tanase in Ungnade. Zu demokratisch orientiert war ihr Freundeskreis, zu vehement setzte sie sich dafür ein, dass jüdische Künstlerkollegen nicht in Arbeitslager deportiert wurden. Das Regime startete eine Verleumdungskampagne, sie erhielt Auftrittsverbot. Das Propagandaministerium wies sogar die Zerstörung all ihrer Rundfunkaufnahmen an, weil die Sängerin angeblich die rumänische Folklore verfälscht habe. Doch die meisten Lieder konnten gerettet werden, so auch "Trenule, masina mica". Darin schimpft eine Frau auf den Zug, der ihren Liebsten in die Stadt entführt, wo er monatelang arbeiten wird, während sie einsam zuhause auf ihn wartet.

Über den Tod hinaus

Moldawische Briefmarke mit Sängerin Maria Tanase @wikipedia

2008 auf einer Briefmarke verewigt: Maria Tanase

Als Maria Tanase im Juni 1963 mit 49 Jahren an Krebs starb, nahm ein ganzes Land von ihr Abschied. Schon am frühen Morgen waren Balkons und Fenster an der Strecke des Trauerzugs besetzt, zehntausende Arbeiter verließen die Fabriken; alle wollten die Sängerin auf ihrem letzten Weg zum Friedhof begleiten. In "Frica mi-e ca mor a moina" besingt Maria Tanase die Angst einer Frau, nach dem Tod vom Geliebten vergessen zu werden. Davor brauchte die Sängerin selbst sich nie zu fürchten: Ihren mutigen Einsatz für die Verfolgten haben ihre rumänischen Landsleute nie vergessen. Und ihre Musik hat sie unsterblich gemacht.

Lesetipp: In ihrem Buch "Die Nachtigall aus dem Maulbeergarten" (Maria Tanase - Privighetora Din Livada Cu Duzi) hat Maria Rosca der Sängerin ein musikalisches Denkmal gesetzt.

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