Die Macht der Emotionen: Wutbürger und Hoffnungsträger | Deutschland | DW | 06.03.2019
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Ausstellung über 100 Jahre "Macht der Gefühle"

Die Macht der Emotionen: Wutbürger und Hoffnungsträger

Im digitalen Zeitalter geht es vor allem um Emotionen, im sozialen Netzwerk bei Twitter, Instagram oder Facebook. Aber Gefühle haben schon immer die Wahrnehmung der Menschen bestimmt, wie eine Ausstellung zeigt.

Deutschland - Graffiti Angst in Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg (picture alliance/dpa/W. Steinberg)

Mit diesem Foto beginnt die Ausstellung "Die Macht der Gefühle - Deutschland 19/19"

Wütende Demonstranten hier, Polizisten mit Helm und Schutzschild dort. Im Hintergrund ein Wasserwerfer, im Vordergrund ein junger Mann mit einem Plakat: "Liebe" steht da drauf. In großen, dicken Buchstaben und das gleich zweimal. Niemand soll seine Botschaft übersehen in dieser Stimmung aus Wut und Angst, Hoffnung und Empörung. Es ist der Tag vor dem G20-Gipfel in Hamburg 2017. Das Bild stammt von der Foto-Künstlerin Regina Schmeken. Es schmückt die jetzt in Berlin eröffnete Ausstellung "Die Macht der Gefühle. Deutschland 19/19".

Ermöglicht wurde die Foto-Schau von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Gemeinsam nehmen sie die Zeitspanne von 1919 bis heute in den Blick. Ein Jahrhundert, das in Deutschland mit der ersten parlamentarischen Demokratie beginnt. In einer Zeit, als Europa nach dem Ersten Weltkrieg am Boden liegt – und sich dennoch Hoffnung regt auf eine bessere, friedlichere Zukunft. Diese Hoffnung wird aber immer wieder enttäuscht. Und auch heute, 100 Jahre später, löst Europa höchst unterschiedliche Gefühle aus. Symptomatisch dafür ist der Brexit. 

Es beginnt mit Angst und endet mit Zuneigung

Die Historikerinnen Ute und Bettina Frever haben sich 20 Überschriften ausgedacht - von A wie Angst bis Z wie Zuneigung - und lassen darunter deutsche und internationale Geschichte Revue passieren. Jedes einzelne Gefühl ist mit sieben Bildern illustriert. Ergänzt durch kurze, einordnende Texte sowie Video- und Audiodateien, die man mit dem Smartphone scannen kann. Manche Motive sind weltberühmt, etwa der sozialistische Bruderkuss zwischen den Staatschefs der Sowjetunion und der DDR, Leonid Breschnew und Erich Honecker im Jahr 1979. Eine Foto-Ikone, die der russische Maler Dimitri Vrubel nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 an der East- Side-Gallery verewigt hat.

Bruderkuss Berliner Mauer (picture-alliance/dpa)

Der Bruderkuss zwischen Leonid Brechnew (l.) und Erich Honecker auf dem Mauerrest der East Side Gallery in Berlin

Auch weitere 30 Jahre später hat das Bild nichts von seiner vielschichtigen Kraft verloren. Touristen aus aller Herren Länder machen an diesem bemalten Mauerrest Selfies – und interessieren sich so vielleicht auf Umwegen für ein vergangenes Kapitel Weltgeschichte. In der Schule empfänden junge Menschen Geschichte oft als "dröge", sagt Bettina Frewert. Ziel der Ausstellung sei es, den Blick zu weiten "und über die Emotionen persönlich zu berühren und Geschichte neu betrachten zu können".

Die Ausstellung kann weltweit bestellt werden

Und das könnte gelingen, weil die Ausstellung nicht nur in Berlin zu sehen ist. Das Konzept ist genial einfach: Ob Schule oder Heimatmuseum, Botschaft oder Goethe-Institut – jeder kann das Poster-Set für maximal 50 Euro ordern. Neben der deutschen Fassung gibt es fünf weitere Sprachen: Arabisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. Schon jetzt gibt es über 50 Bestellungen.  In Europa beginnt die Liste alphabetisch mit Albanien und endet in Ungarn. Weltweit kann man die "Macht der Gefühle" in vielen Ländern auf fast allen Kontinenten sehen. Lediglich Afrika ist noch ein weißer Fleck.  

Merkel und Macron Gedenkstätte Compiegne Erster Weltkrieg | Waffenstillstand 1918 (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Angela Merkel und Emmanuel Macron in der Nähe von Compiègne, wo 1918 der Erste Weltkrieg beendet wurde

Auf dem aktuellsten Bild der Ausstellung ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu sehen. Sie erinnern am 10. November 2018 nahe der Stadt Compiègne an das Ende des Ersten Weltkriegs. Eine Geste, in der sich mehrere Gefühle mischen: Trauer und  Empathie, Vertrauen und Zuneigung. Von vielen Fotografen festgehalten und schon jetzt auf einer Stufe mit dem Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterand auf dem Soldatenfriedhof Douaumont 1984. Ein Bild, das auch gut zu der Ausstellung gepasst hätte.

Das "Wunder von Bern" und ein Kultauto namens "Käfer"

Thematisch geht es bei "Macht der Gefühle" aber um weit mehr als um Politik. In der Rubrik "Begeisterung" ist das "Wunder von Bern" fotografisch in Szene gesetzt. Der völlig unerwartete Triumph Deutschlands bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Mannschaftskapitän Fritz Walter auf den Schultern seiner Fans – auch das eine Ikone der emotionalen Fotografie, die es in mehreren Varianten gibt. Das Gefühl "Stolz" manifestiert sich in einem VW Käfer. Das Kult-Auto wurde allein bis 1955 eine Million Mal verkauft.

75 Jahre Volkswagen (picture-alliance/dpa)

Der erste Käfer wurde 1938 gebaut, der millionste lief 1955 vom Band und bis 2003 waren es über 21 Millionen

Wenn es um "Wut"  und "Hass" geht, dreht sich seit einigen Jahren vieles um Flucht und Migration. Protest unter dem Motto "Merkel muss weg" ist in Deutschland fast schon an der Tagesordnung und spiegelt sich entsprechend in der Ausstellung wider. Aber auch die Willkommens-Kultur kommt vor: Am Beispiel von Bürgern, die Flüchtlinge im Flensburger Bahnhof mit einem Büffet begrüßen.

"Teil eines Umbruchs, der gerade stattfindet"

Schirmherr der Ausstellung ist Außenminister Heiko Maas. Dessen Abteilungsleiter für Kultur und Kommunikation, Andreas Görgen, betrachtet Deutschland als "Teil eines Umbruchs, der gerade stattfindet". Und dabei spielen Gefühle eine wichtige Rolle. Sie seien eine "Ressource sozialen Verhaltens". Und das äußert sich sehr unterschiedlich.

Görgen nennt ganz konkret die Proteste der "Gelbwesten" in Frankreich, allgemein die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Italien und den USA. Und er verweist auf "nationalistische Gefühle oder Ressentiments in anderen, weiter östlich gelegenen Staaten". Die Deutschen seien da aber weder "Avantgarde noch allzu weit hinterher in dem Sinne, dass wir viel rationaler wären als die Anderen".

Gefühle in der Blase 

Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur glaubt, dass Gefühlsregungen oft davon abhingen, "in welcher Blase man sich befindet". Wenn man nur da unterwegs sei, wo Angst, Wut und Zorn eine besondere Rolle spiele, bekäme man eben nur das mit. Sie selbst findet in der Ausstellung über die "Macht der Gefühle" das Plakat zum Thema "Hoffnung" am schönsten. Der Grund: "Wir haben doch immer die Hoffnung, dass das, was mir machen, nicht ganz vergeblich ist."          

 

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