Die lange Suche der Flüchtlinge nach ihren Liebsten | Deutschland | DW | 30.08.2016
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Deutschland

Die lange Suche der Flüchtlinge nach ihren Liebsten

Trotz sinkender Flüchtlingszahlen suchen immer mehr Menschen nach ihren Angehörigen. Der DRK-Suchdienst hat eine beachtliche Erfolgsrate und hofft, mit einem speziellen Internetportal noch besser helfen zu können.

Bei Farhad S. hat es funktioniert. Der 26-jährige Afghane hatte fünf Jahre keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter und den drei Geschwistern - sie hatten die Passage von der Türkei nach Griechenland auf getrennten Booten angetreten. Er schaffte es schließlich bis nach Deutschland. "Ich habe drei Jahre lang versucht, über Facebook und Twitter irgendeinen Hinweis auf sie zu finden - umsonst", erzählt Farhad. Schließlich wurde er auf den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) aufmerksam gemacht. "Die haben mein Foto mit dem Hinweis, dass ich meine Familie suche, ins Internet gestellt und kurz darauf haben sie sich tatsächlich gemeldet." Die Vermissten waren wieder nach Afghanistan zurückgekehrt. "Wir hatten uns viel zu erzählen", kommentiert er die ersten Telefonate mit ihnen trocken.

Portät Afghane Farhad S. in Berlin (Foto: DW/H. Kiesel)

Farhad wurde auf der Flucht von seiner Familie getrennt

Wie Farhad wenden sich immer mehr Flüchtlinge an den Suchdienst des Roten Kreuzes. "Wir haben im ersten Halbjahr 2016 bereits 1401 neue Anfragen und bis zum Jahresende erwarten wir rund 3000", erläutert DRK-Präsident Rudolf Seiters in Berlin. Gegenüber dem Jahr 2015 mit 1636 Anfragen sei das eine Steigerung von rund 90 Prozent, so die Hilfsorganisation. Und das, obwohl die Flüchtlingszahlen stark gesunken sind. "Flüchtlinge stellen ihre Suchanfrage beim DRK erst dann, wenn sie einigermaßen Fuß gefasst haben", erklärt Seiters. Vor allem Afghanen würden um Hilfe bei der Ermittlung ihrer Familienangehörigen nachsuchen, aber auch viele syrische, eritreische, somalische und irakische Familien. Etwa der Hälfte der Suchenden konnte der DRK-Suchdienst Hinweise auf Verwandte geben, so der DRK-Präsident.

Neues Internetportal mit hohen Datenschutzanforderungen

Große Hoffnungen setzen die Vermissten-Sucher des Roten Kreuzes auf ein Internetportal mit der Adresse TraceTheFace.org - es war auch der Schlüssel zu Farhads erfolgreicher Kontaktaufnahme. Dabei wird ein Bild der suchenden Person veröffentlicht mit einem Hinweis nach der Verwandtschaftsbeziehung zum gesuchten Familienteil. "Alles andere bleibt vertraulich, um die beteiligten Personen zu schützen", führt der stellvertretende Leiter der DRK-Suchdienst-Leitstelle, Ronald Reimann, aus. Seit 2013 seien auf der Seite, die vom Vermisstendienst des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) betrieben wird, 1249 Fotos veröffentlicht worden, 521 davon allein von der deutschen Sektion der Hilfsorganisation. "Bisher konnten 20 ansonsten aussichtslose Suchfälle über die Bildsuche geklärt werden", freut sich der DRK-Funktionär.

Italien Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Foto: picture-alliance/dpa/A. Warmuth)

Minderjährigen, die nach ihren Angehörigen suchen, steht eine besonders geschützte Datenbank zur Verfügung

Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter 15 Jahren steht außerdem eine besonders geschützte Online-Plattform bereit, bei der nur Rotkreuz-Mitarbeiter Einsicht in die Fotodatenbank haben. Das soll Missbrauch vorbeugen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres seien schon über 500 Anfragen gestellt worden, mit denen von oder nach Minderjährigen geforscht wurde.

Deutschland Rudolf Seiters in Berlin (Foto: DW/H. Kiesel)

DRK-Präsident Rudolf Seiters macht sich für eine Datenbank unidentifizierter Toter stark

Die Fotosuche hat sich nach Angaben Reimanns als besonders hilfreich bei schwierigen Fällen erwiesen, bei denen es keine Klarheit über Daten der Vermissten gebe. Oft seien Geburtsort und –datum nicht eindeutig zu ermitteln, auch die Übertragung der Namen aus anderen Schriftsystemen bereite Probleme. "Allein zum Vornamen Mohammed gibt es circa 70 verschieden Schreibweisen", erklärt Reimann. Da die Internetanbindung in den Herkunftsländern oft schlecht ist, werden die Fotos häufig in den Einrichtungen der jeweiligen Rotkreuz-Gesellschaften ausgehängt. Im Sudan gehen Helfer mit Bildbänden von Haus zu Haus auf die Suche nach vermissten Angehörigen.

Forderung nach Datenbank für Tote

Auch wenn der Suchdienst des DRK vielen Flüchtlingen bei der Suche nach ihren Familienangehörigen helfen konnte - oft war es eine traurige Botschaft. "Denken Sie an die Tausenden, die bei der Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa ums Leben gekommen sind", sagt DRK-Präsident Seiters. Um auch auf diesem Gebiet mehr Klarheit zu schaffen, fordert er, eine europaweite Datenbank für unidentifizierte Tote einzurichten. Der Bedarf danach sei heute größer denn je, das Projekt sei aber aus Kostengründen von der EU nicht umgesetzt worden, klagt Seiters. Aber die zentrale Erfassung der Unglücksopfer sei nötig, auch um den Familien "ein Begräbnis ihrer Liebsten zu ermöglichen".

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