Die Krise des Priesters | Deutschland | DW | 18.04.2019
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Glauben

Die Krise des Priesters

Wenn ein Pfarrer angesichts der Kirchen-Skandale an der Arbeit verzweifelt, ist das kein Einzelfall. Thomas Frings ist trotz einer Krise Priester geblieben. Und er drängt auf neue Formen der Seelsorge.

Deutschland Münster Thomas Frings, Pfarrer (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Pfarrer Thomas Frings 2016 vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Münster

Der Missbrauchs-Skandal erschüttert die christliche Kirche. Debatten um das Zölibat und die stärkere Beteiligung von Laien beschäftigen in Deutschland viele Katholikinnen und Katholiken. Die Kirche befindet sich im Umbruch. Es ist nachvollziehbar, dass so mancher Pfarrer bei diesem Szenario seine Arbeit in Frage stellt.

Der Priester Thomas Frings ist einer von denen, die zweifeln. Er gab seine Arbeit als Pfarrer auf. "Ich war immer entweder der letzte oder der vorletzte in einer Gemeinde, ich konnte immer das Licht ausmachen. Kirche existierte weiter, aber die Pfarrgemeinde hörte auf", sagt er der DW.

Irgendwann wollte er nicht mehr der letzte Pfarrer sein, dem kein Priester mehr folgt. "Und ich investiere natürlich als Priester, als Pfarrer immer viel Engagement in die Form von Kirche. Das wollte ich irgendwann nicht mehr. Ich will nicht das ganze Leben lang immer letzter oder vorletzter gewesen sein." Frings hatte sich nicht in eine Frau oder einen Mann verliebt und gegen das Zölibat verstoßen. Nein, er wollte Priester bleiben, verzweifelte aber an der Struktur, mit Priestern als Einzelkämpfern Pfarreien im Stil vergangener Zeiten aufrechtzuerhalten. 

Aus, Amen, Ende?

Für Katholiken ist Frings ein großer Name. Der Priester ist ein Großneffe des Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings (1887-1978), der einer der wichtigsten deutschen Bischöfe des 20. Jahrhunderts war. Seit 2009 leitete er die Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster. Im Frühjahr 2016 zog er sich aus der Gemeinde zurück. Er ließ sich vom Münsteraner Bischof ohne finanzielle Bezüge beurlauben und ging für ein Jahr in ein kleines Kloster in den Niederlanden.

Herbstvollversammlung Deutsche Bischofskonferenz (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Zumindest da bleibt die Zahl stabil: die katholischen deutschen Bischöfe

Seine Entscheidung sorgte in der Gemeinde für Ärger und deutschlandweit für Aufsehen. "Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein", hieß der Titel eines Buches, in dem er seine Beweggründe schilderte. Nach 32 Jahren als Priester.

Damit steht Thomas Frings für einen wichtigen Aspekt der Kirchen-Krise in Deutschland. Nämlich für den Zweifel derer, die durchaus fromm und gerne Priester sind. Und auf die es derzeit ankommt. Bischöfe reden seit Jahren eifrig von Strukturreformen, gründen Großgemeinden oder sogenannte Seelsorge-Verbände. Aber viele Geistliche sehen sich zu sehr unter Druck. 

Traditionell feiern katholische Bischöfe weltweit am Morgen des Gründonnerstags Messe gemeinsam mit den Priestern ihres Bistums. Aber es werden immer weniger. Ende 2017 gab es in Deutschland noch 13.560 katholische Priester, viele von ihnen sind alt und pensioniert. Das sind so wenig wie nie.

Kirche anders denken

Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. 2017 ließen sich 74 Männer zum Priester weihen - in allen deutschen Diözesen, bei mehr als 10.000 Pfarrgemeinden. Im vergangenen Jahr ging die Zahl auf rund 60 geweihte Priester zurück. Zum Vergleich: 1995 waren noch 186 Männer zum Priester geweiht worden.

"Kirche, wie sie sich bei uns darstellt, hängt zu sehr an der Priesterfunktion", sagt Frings nun. Und wenn Kirche die Anzahl der Gemeinden nach der Anzahl der Priester ausrichte, "zäumen wir das Pferd von hinten auf. Inzwischen haben wir viele Getaufte und wenige Priester. Wir müssen Kirche anders denken lernen, von den Getauften her und nicht von den Geweihten."

Kardianl Frings setzte sich bei Adenauer für NS-Kriegsverbrecher ein (picture-alliance/K. Rohwedder)

Kardinal Josef Frings (1887-1978), hier (re.) neben dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer, war Erzbischof von Köln

Erschöpfung, Entpflichtung

Dass der 59-jährige Frings kein Einzelfall ist, zeigt ein Blick auf  das Internetportal der Kirchenzeitung des Bistums Münster. Ein Text trägt die Überschrift "Wut, Frust und Erschöpfung unter Seelsorgern im Bistum Münster". Ein Beitrag gleich darunter berichtet von einem bewährten Pfarrer, der den Bischof um Entpflichtung bittet und mit 53 Jahren eine Auszeit anstrebt. So etwas ist heutzutage nicht ungewöhnlich in der katholischen Kirche in Deutschland.

Thomas Frings selbst hat das Bistum Münster verlassen. Er spricht offen wie wenige katholische Geistliche über seinen Glauben und seine Zweifel. "Gott funktioniert nicht. Deswegen glaube ich an ihn", heißt der Titel seines neuen Buches (2019). Es geht ihm um einen Glauben über Konfessionsgrenzen hinweg.

Sendung und Suche

Seit einigen Wochen arbeitet Frings als Geistlicher in Köln. Er ist Priester im - so heißt die neue Form in der Domstadt - "Sendungsraum Köln-Innenstadt". Ein Zusammenschluss mit 38.000 Katholiken und 26 Kirchen, mit vielen Sozialeinrichtungen und neuen Versuchen geistlicher Angebote. "Klar ist, das territoriale Prinzip wird auch da nicht mehr funktionieren, sondern es ist eine Suche", sagt Frings. Aber hier werde in einem großen Team gemeinsam überlegt, wie Kirche künftig aussehen könne. Frings will mit den anderen seelsorgerlichen Mitarbeitern in der Kölner Innenstadt, Priestern, Laien, Ordensangehörigen, das Evangelium verkündigen und mit den Menschen leben, "nicht nur mit den Katholiken, sondern auch mit anderen suchenden Menschen. Wir wissen noch nicht, ob das gelingt. Wir suchen."

BdT Deutschland Neue Ansagen im Dom - auch auf Kölsch (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Umbruch im Schatten des Doms. Thomas Frings arbeitet nun in der Kölner Südstadt

Eigentlich klingt das nach Aufbruch, nach Wagnis. Frings bemüht einen bildlichen Vergleich, um seine Befindlichkeit zu verdeutlichen: "Wir suchen nach einem Bewässerungssystem für ein bestimmtes Gebiet. Die Schwierigkeit ist: Wir tun das in einer Situation der Kirche, in der der Grundwasserspiegel durch den Skandal, den wir erleben, noch einmal ruckartig abgesackt ist." Von ganz "schweren Startbedingungen" spricht er. Es passt zur Situation der Kirche in Deutschland 2019.