Die Folgen des Falls Maria für Sinti und Roma | Deutschland | DW | 05.11.2013
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Deutschland

Die Folgen des Falls Maria für Sinti und Roma

Der Zentralrat der Sinti und Roma ist nach der Berichterstattung im Fall der angeblich gestohlenen vierjährigen Maria in Griechenland besorgt. Alte Vorurteile seien hier neu geschürt worden.

Die Geschichten reichten weit zurück, erläutert der Historiker und Vorurteilsforscher Wolfgang Benz in ungeschönten Worten: "War früher ein Kind verschwunden, glaubte man, entweder die Juden hätten es gestohlen und geschlachtet. Oder aber die Zigeuner hätten es getan, um das Kind für kriminelle Dinge zu missbrauchen." Noch 1946 sei es deshalb zum Beispiel in Polen zu einem Pogrom mit 40 bis 50 ermordeten Juden gekommen.

Der Historiker Wolfgang Benz und der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma Romani Rose (Foto: dpa)

Wolfgang Benz und Romani Rose

Der nun der von manchen Medien hochgespielte Fall der vierjährigen Maria in Griechenland, die allein, weil sie blond und blauäugig ist, von der Polizei aus den "Klauen der Zigeuner" befreit wurde, zeige für ihn eines, so Benz bei einer Pressekonferenz des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma am Dienstag (05.11.2013) in Berlin: "Das Sujet Zigeuner hat in Europa wieder Konjunktur." Durch Überfremdungsängste der EU-Bürger seien Feindbilder reaktiviert worden. Die "Zigeuner", wie Angehörige der Sinti und Roma im deutschsprachigen Raum diffamierend genannt werden, seien "zivilisationsfeindlich und nicht integrierbar".

Der "kleine blonde Engel", wie die griechische Presse Maria nannte, war im Oktober bei einer Polizei-Razzia in einem Roma-Camp wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens aufgefallen. Der Verdacht der Kindesentführung stand im Raum. In deutschen, europäischen und selbst US-amerikanischen Medien sorgte das Thema für Top-Meldungen. Es habe "haarsträubende Artikel" von einzelnen Journalisten gegeben, kritisiert der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Romani Rose. Hunderte Eltern mit vermissten Kindern meldeten sich. Später stellte sich heraus, dass Maria von ihrer leiblichen Roma-Mutter aus finanzieller Not an Zieheltern gegeben wurde.

Vorwurf: Medien haben Rassismus befördert

"In ganz Europa und auch international wurde die gesamte Roma-Minderheit pauschal stigmatisiert und kriminalisiert; weltweit wurden verschwundene Kinder bei Roma vermutet", so Rose. In Serbien hätten Skinheads eine Roma-Familie attackiert, deren Kind blond ist. In Irland seien blonde Kinder aufgrund von "Beobachtungen aus der Bevölkerung" von ihren Eltern getrennt worden. Diese Polizeiaktionen und die Medienberichterstattung, die auf "rassistischen Grundmustern" basiert hätten, so Rose, seien der Grund dafür, weshalb nun "die gesamte Minderheit in Deutschland und Europa zu leiden habe". In Deutschland leben nach Schätzungen etwa 100.000 Sinti und Roma, in der EU rund sechs Millionen.

Sichtlich aufgebracht berichtet Rose von Kindern von Sinti und Roma, die in der Schule gefragt wurden, ob sie gestohlen wurden oder selbst stehlen würden. "Wir sind wieder an den Pranger gestellt", kritisiert der Zentralrats-Vorsitzende. Darüber hinaus sei es aber auch eine Frage der Rechtsstaatlichkeit, dass das angenommene Verhalten von Einzelnen nicht zu einer rassistischen Einschätzung einer ganzen Minderheit führen dürfe. Deshalb fordert Rose die Politik auf, deutlichere Signale gegen Antiziganismus, also gegen Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma, zu setzen: So solle der Bundestag eine Expertenkommission einsetzen, um die "Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma in Deutschland zu dokumentieren". Einmal pro Legislaturperiode solle dem Bundestag dazu ein Bericht vorgelegt werden.

Bei einem gemeinsamen Besuch im Konzentrationslager Dachau habe ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel zudem ein Gespräch nach der Bundestagswahl in Aussicht gestellt, so Rose. Einen konkreten Termin dafür gebe es noch nicht. Außerdem kündigt Rose an, im Fall Maria der griechischen Regierung seinen Protest gegen das Verhalten der Behörden und Medien über die Botschaft in Berlin übermitteln zu wollen. Dass Sinti und Roma im Krisenland Griechenland als "Sündenböcke" herhalten müssten, sei ein "Skandal für Europa". Das Thema Armutsmigration nach Deutschland dürfe "nicht auf dem Rücken einer Minderheit ausgetragen" werden

Mehr Hilfe für Armutsflüchtlinge

Spielende Roma-Kinder (Foto: AFP/Getty Images)

"Wir sind wieder an den Pranger gestellt"

Vor einigen Tagen hatte Rose bereits in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" davor gewarnt, "immer nur einen Teil der Roma ins Blickfeld zu nehmen". Man müsse unterscheiden zwischen den in "Anonymität Lebenden und denen, die ein ganz normales Leben in Deutschland führen".

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hatte jüngst vor mehr Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme gewarnt. Hintergrund war ein Gerichtsurteil, wonach EU-Bürgern ohne Arbeit, die sich schon lange in Deutschland aufhalten, ein Recht auf die sogenannte Hartz-IV-Unterstützung zugesprochen wurde.

Die jüngst stark angestiegene Einwanderung von Armutsflüchtlingen aus Ländern wie Bulgarien und Rumänien, wo viele Sinti und Roma leben, so Rose, sei politisch gewollt. Die Politik müsse mehr dafür tun, die Probleme der Flüchtlinge zu lindern. Und Medien und andere Teile der Gesellschaft wie die Kirchen seien gefragt, "Feindbilder in den Köpfen der Menschen zu beseitigen", so Wolfgang Benz.