Die Exotin unter den Truckern | Deutschland | DW | 14.10.2019
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Mobilität

Die Exotin unter den Truckern

Weil jedes Jahr 30.000 LKW-Fahrer in Rente gehen, droht in Deutschland der Versorgungskollaps. Händeringend suchen Speditionen nach Personal, doch der Markt ist leergefegt. Jetzt sollen Frauen die Lücke schließen.

Vielleicht muss man so gelassen sein wie Kathi Radtke, um als LKW-Fahrerin zu arbeiten. Die 36-Jährige schlängelt sich frühmorgens mit ihrer Ameise, dem Elektro-Stapler, durch die engen Gassen des Speditionslagers in Eschweiler bei Aachen. Überall türmen sich mannshoch verpackte Pakete auf Holzpaletten, Kollegen schwirren wie fleißige Bienen umher, und Auftrag Acht auf ihrem Zettel, eine Lieferung von Amazon, ist unauffindbar.

Deutschland Eschweiler | Hintzen Logistik | Kathi Radtke, LKW-Fahrerin (DW/O. Pieper)

Kathi Radtke lädt ihre Ware auf den LKW, möglichst so, dass das Gewicht auf der Ladefläche gleichmäßig verteilt ist

Die Zeit drängt, in einer Stunde soll ihr erstes Paket ausgeliefert sein, aber Radtke ist die Ruhe selbst. Minuten später gibt die Zentrale grünes Licht, ohne das Paket loszufahren. Radtke sichert die Waren mit Metallstangen, damit sie nicht umkippen, und schwingt sich in die Fahrerkabine ihres Zwölftonners. "Das ist jetzt meine Zeit, mein Hobby, das ist meins", erklärt die vierfache Mutter und startet gut gelaunt den Motor ihres Trucks.

Job und Familie erfordern perfekte Organisation

Kathi Radtke ist schon lange auf den Beinen: Sie hat ihre Kinder im Alter von vier, sieben, neun und 16 Jahren geweckt, ihnen das Frühstück gemacht, Pausenbrote geschmiert und sie zum Kindergarten und in die Schule gefahren. Viele andere würden über eine so hohe Belastung klagen, Radtke kennt so etwas nicht. "Man darf sich als Frau nicht einreden lassen, dass man das mit Familie nicht hinbekommt. Man muss es durchziehen und nicht darauf hören, was andere sagen", betont sie ein wenig stolz.

Deutschland Eschweiler | Hintzen Logistik | Kathi Radtke, LKW-Fahrerin (DW/O. Pieper)

Unverwechselbar der LKW von Kathi Radtke: Zwölf Tonnen kann der Truck laden

Heute hat die LKW-Fahrerin Lochbleche, kistenweise Weingummi für den Supermarkt und 1200 Kilo Spezial-Klebstoff geladen. Radtke lebt ihren Traum. "Manche Kinder haben früher mit Lego Duplo gespielt, ich immer mit Lastern", erinnert sie sich. Am Steuer zu sitzen sei für sie immer ein wenig ein Gefühl der Freiheit, auch wenn es derzeit nur in die benachbarten Orte geht.

Ruhe, Organisationstalent und Freundlichkeit sind für Radtke unabdingbar: "Ich vertrete schließlich meine Firma mit meinem Auftreten." Und das Wichtigste: "Man muss diese Arbeit lieben. Sonst ist man in dem Beruf falsch." Das Problem der Branche ist nur: Immer weniger Menschen lieben diesen Job, der Fachkräftemangel nimmt dramatische Formen an.

Verzweifelt Fahrer gesucht

Nur wenige können das besser einschätzen als Heidi Radler. Als sie 1999 bei der Spedition Hintzen anfing, gab es im Familienunternehmen ein kleines Büro und gerade einmal acht Fahrer. 20 Jahre später sind es 90, die im Minutentakt Waren in die Eifel, nach Aachen und Köln ausliefern. Doch LKW-Fahrer zu finden wird immer schwieriger: "Der Wettbewerb ist knallhart, und es ist schwierig, zuverlässige Mitarbeiter zu finden. Und dann ist es auch schwer, gute Fahrer zu halten", klagt die Assistentin der Geschäftsleitung.

Heidi Radler Transportunternehmen (Michael Strauch)

Heidi Radler von der Spedition Hintzen in Eschweiler

Ein Drittel der LKW-Fahrer in Deutschland ist 55 Jahre und älter. Laut einer Studie der Weltbank könnten in zehn Jahren hierzulande 150.000 Fahrer fehlen, auch die Fahrer aus Osteuropa können diese Lücke nicht mehr schließen. Hinzu kommt: Die Branche hat ein akutes Nachwuchsproblem.

Früher bildete die Bundeswehr LKW-Fahrer aus, und diese konnten direkt bei der Spedition einsteigen, heute gibt es das nicht mehr. "Sie müssen also entweder eine dreijährige Ausbildung machen oder aber den Führerschein privat zahlen. Der kostet zwischen 4000 und 5000 Euro, wer kann das aufbringen?", fragt Radler. Und dann ist da noch die ungewisse Zukunft, Stichwort autonomes Fahren. Schon in wenigen Jahren könnten auch in Deutschland viele Lastwagen ohne Fahrer unterwegs sein.

LKW-Fahrer haben schlechten Ruf

Heute aber gilt noch: Ohne LKW-Fahrerinnen wie Kathi Radtke würde Deutschland nicht funktionieren. Sie sind ein kleines, aber wichtiges Rad in einer gigantischen Logistikmaschine, in der der Online-Handel stündlich wächst mit dem Wunsch, sein Päckchen kurz nach dem Mausklick auspacken zu können.

Deutschland Stau auf der Autobahn (Imago/M. Schwarz)

Stau auf der A2 am Kamener Kreuz: Deutschland braucht seine LKW-Fahrer, schimpft aber gleichzeitig über sie

Trotzdem haben die Fahrer ein miserables Image: "Der Beruf LKW-Fahrer ist allgemein nicht anerkannt," sagt auch Heidi Radler, "da heißt es, sie sind lästig, stören auf der Autobahn und produzieren Staus. Und machen außerdem die Umwelt kaputt." Ihre Spedition machte deswegen aus der Not, kaum männliche Fahrer zu finden, eine Tugend. Das Logistikunternehmen bildet eine Berufskraftfahrerin aus und stellte mit Kathi Radtke eine vierfache Mutter an.

Mehr Frauen ans Steuer

"Ich hatte mich bei 20 Speditionen beworben. Zwölf haben noch nicht einmal geantwortet, bei den anderen acht hatte ich Vorstellungsgespräche. Und die Spedition Hintzen war die einzige, die mich anstellen wollte", erinnert sich Radtke. Die Arbeitszeiten sind mit 35 Stunden in der Woche exakt auf sie zugeschnitten, Kathi Radtke gehört damit zu den Paradiesvögeln in der Branche: Gerade einmal 1,7 Prozent beträgt der Frauenanteil unter den LKW-Fahrern.

Deutschland Eschweiler | Hintzen Logistik | Kathi Radtke, LKW-Fahrerin (DW/O. Pieper)

Kathi Radtke liefert ihre letzten Waren aus. Danach muss sie direkt los und ein Kind vom Kindergarten abholen

Die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreckt immer noch viele Frauen ab. "Außerdem müssen Sie sich in einer Männerdomäne behaupten, und das ist oftmals nicht lustig. Da müssen sie als Frau schon sehr viel Selbstbewusstsein haben," erklärt Heidi Radler.

Akzeptanz für Frauen wächst, aber dickes Fell ist nötig

Um Kathi Radtke muss sie sich da keine Sorgen machen. "Als LKW-Fahrerin muss ich damit klarkommen, wenn da mal ein blöder Spruch kommt", sagt sie mit einem Schmunzeln. Ein Kunde sagte ihr geradeheraus, Frauen gehörten nicht hinter das Steuer eines LKW, ein Arbeitskollege kritisierte ihre Arbeitszeiten.

"Dem habe ich dann gesagt, dafür sieht dein Kontostand auch anders aus, dann war Ruhe." Seit einem halben Jahr sitzt sie jetzt hinter dem Steuer ihres Trucks, "mittlerweile werde ich akzeptiert und respektiert", so Radtke. Kann Deutschland also wirklich den Fachkräftemangel bei LKW-Fahrern abfedern, indem mehr Frauen eingestellt werden? Ja, ist sich Kathi Radtke sicher, aber die Speditionen müssten umdenken: "Sie müssen familienfreundlicher werden und zum Beispiel Mütter erst ab 9 Uhr losschicken."

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