Die Deutschen streamen wie noch nie | Wirtschaft | DW | 23.01.2020
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Informationstechnologie

Die Deutschen streamen wie noch nie

Der Datenverbrauch erreicht immer neue Rekordstände. Das ist auch interessant, weil es unseren Wortschatz bereichert und darüber nachdenken lässt, was Kühlschränke und Smartphones gemeinsam haben - oder eben nicht.

Am Donnerstag meldete die Nachrichtenagentur dpa, dass in den deutschen Mobilfunknetzen im abgelaufenen Jahr mehr Daten verbraucht worden sind als je zuvor. Telefónica habe eigenen Angaben zufolge in ihrem O2-Netz erstmals die Grenze von einem Exabyte überschritten.

Würde ein einzelner Mensch diese Menge an Daten aufbrauchen, so die Agentur, könnte er damit beispielsweise 1,5 Millionen Jahre am Stück Musik streamen. Im Jahr zuvor habe der Datenverbrauch im O2-Netz noch bei 662 Millionen Gigabyte gelegen.

Die Telefónica-Zahlen zeigen auch, wie sich das Verhalten der Verbraucher verändert hat. Brauchte ein O2-Nutzer 2017 noch durchschnittlich 3,8 Gigabyte im Monat, waren es ein Jahr später schon 4,4 Gigabyte und 2019 sogar sechs Gigabyte pro Monat.

Nominierungen Golden Globes - Die zwei Päpste (picture-alliance/dpa/P. Mountain)

Eine Welt, in der angeblich sogar Päpste streamen ... (Filmszene mit Anthony Hopkins (r) und Jonathan Pryce)

Ein neue Dimension - ein neues Wort

Die neuen Dimensionen, in die die Kommunikationstechnik vordringt, erweitert auch den Wortschatz eines Durchschnittsdeutschen, der sich nur selten mit Zahlen beschäftigen muss, die mehr als sechs Nullen vor dem Komma aufweisen. Sogar Mitbürger, die ihr Leben beispielsweise als Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns fristen müssen, lernen nur in Einzelfällen auch das Rechnen mit acht Nullen. Ein Exabyte (EB) dagegen verfügt über 18(!) Nullen. Ein EB (also 10 hoch 18 Bytes) entspricht einer Million Terabyte (TB).

Wie groß der zivilisatorische Fortschritt ist, den die deutsche Menschheit 2019 so zurückgelegt hat, lässt sich am Unterschied zwischen Terabyte (das entspricht 10 hoch 12 Bytes ) und Exabyte verdeutlichen. Die Einheit für die Menge von 10 hoch 15 Bytes (Fachbegriff: Petabyte) ist nämlich locker ausgelassen worden. Diesem Terminus Technicus sind wir in der Informationstechnologie 2019 also nur als "übersprungener Größe" begegnet.

Die andern Großen sind dicht dahinter

So viel wie O2 haben die Konkurrenten Telekom und Vodafone nach eigener Darstellung noch nie erreicht. Die Deutsche Telekom liegt mit 900 Millionen Gigabyte Datenverbrauch in den vergangenen zwölf Monaten leicht hinter dem Münchner Wettbewerber, so dpa.

Der Verbrauch der Vodafone-Nutzer im mobilen Netz lag bei rund einer dreiviertel Milliarde Gigabyte. Das wäre umgerechnet etwa so viel, wie man brauchen würde, um mit einem Smartphone fast 90.000 Jahre am Stück Serien auf Netflix oder anderen Portalen zu streamen, erklärte ein Sprecher. Der Vodafone-Datenverbrauch sei 2019 um rund 40 Prozent gestiegen.

Im Datenrausch wächst auch der Energiebedarf

Etwas flapsig formuliert: 90.000 Jahre lang Netflix-Serien zu streamen, würde auch eine maximal hohle Fernsehjunkiebirne bersten lassen. Ernsthaft: Das würde kein Mensch überleben. Trotzdem lenkt das Beispiel "Streaming" den Blick auf einen meist unbeachteten Aspekt des Datenrausches: den Energieverbrauch.

Den riesigen Energiehunger des Streamings hat der französische Think-Tank The Shift Project untersucht und aufgedeckt, wie sehr der Energiehunger des digitalen Fortschritts massiv unterschätzt werden.

Symbolbild Serverraum (picture-alliance/KEYSTONE/G. Bally)

Die Arbeit (und der Energieverbrauch) beim Streamen findet im Verborgenen statt

Der Energieverbrauch steige, weil man seinen Computer mit all seinen Möglichkeiten heute stets mit sich herumtrage und dauernd benutzen könne. Gleichzeitig würde die in Anspruch genommene Infrastruktur (wer weiß schon genau, worauf eine App jeweils zugreift, wenn man sie nutzt) immer "unsichtbarer". Und das Arbeiten in einer Cloud würde die physische Realität einer digitalen Dienstleistung noch weiter verschleiern.

Sieger im Energievergleich: Der Kühlschrank

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass, sollte der Datenverbrauch auch in den kommenden Jahren so weiter steigen, in fünf Jahren bereits acht Prozent des Ausstoßes an klimaschädlichen Emissionen weltweit auf das Konto unseres Datenverbrauches gehen wird.

In Zeiten, in denen Waschmaschinen oder Kaffeeautomaten - im Gegensatz zu Smartphones - mit einem Energieverbrauchslabel ausgezeichnet werden müssen, an dem sich viele Kunden auch zu orientieren scheinen, zeigt die Rekordmeldung ein verstörendes Bild: Sind Kühlschränke etwa richtig "cool" und modernere Produkte als Smartphones?

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