DFB-Elf: Warum der Umbruch so schwer fällt | Sport | DW | 20.11.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fußball

DFB-Elf: Warum der Umbruch so schwer fällt

Die deutsche Nationalmannschaft beschließt ein historisch schlechtes Jahr mit einem weiteren Dämpfer: Ein sicher geglaubter Sieg gegen die Niederlande wird noch verspielt. Die Beteiligten üben sich in Zweckoptimismus.

Timo Werner zuckt mit den Achseln. Welche Schulnote er dem deutschen Länderspieljahr geben würde, will ein Reporter vom Leipziger Stürmer wissen. Werner überlegt kurz, wie er diese Frage vielleicht doch umschiffen könnte und entscheidet sich dann doch für ein ehrliches Wort: "Durchgefallen." Ganz offensichtlich steht er auch kurz nach der Dusche immer noch im Eindruck eines Spiels, das kurz vor dem Abpfiff vergeigt wurde und viel erzählt über das Jahr des DFB. Hoffnungsvoll und voller Potenzial, aber auch schlampig umgesetzt und das Ergebnis stimmt einfach nicht. "2018 war sehr enttäuschend", fährt Werner fort und versucht dann doch noch etwas Positives zu erkennen: "Wir haben einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, haben die richtigen Schlüsse aus der verkorksten WM gezogen und wenn das Glück wieder auf unserer Seite ist, werden wir auch solche Spiele wieder gewinnen."

Es kann nur besser werden, so die verbreitete Meinung in den Katakomben der Schalker Arena. Das Unentschieden gegen die Niederlande sei "eine bittere Pille", gibt Thomas Müller zu, hält aber fest: "Wir spielen füreinander, man sieht, dass der Trend stimmt." Auch Manuel Neuer und Toni Kroos äußern sich ähnlich. Es klingt nach Zweckoptimismus. Doch der ist tatsächlich begründet.

Sané mit dem Trotz des Ausgebooteten

Denn der emotionale Dämpfer, den das 2:2 nach 2:0-Führung gegen die Niederlande darstellt, überdeckt in der Tat die zarten Triebe eines Neuanfangs. Der 3:0-Sieg gegen Russland vergangene Woche mag ein ziemlich einfacher gewesen sein, angesichts der russischen Verlegenheits-Elf. Doch er hat seine Wirkung nicht verfehlt. Das DFB-Team wirkte gegen die Niederlande gleich zu Beginn selbstbewusster, gefestigter. Die Entstehung des 1:0 war ein Beleg dafür: Nach einem Ballverlust von Joshua Kimmich behielt Mats Hummels die Übersicht und klärte vor dem heranstürmenden Ryan Babel mit einer Ruhe, wie er sie zuletzt oft vermissen ließ. Im direkten Gegenzug nutzte Timo Werner mit seiner Schnelligkeit einen Moment der Desorganisation in der niederländischen Abwehr und zog einfach mal ab - und drin war der Ball (9.). Genau das hatte man länger nicht vom Leipziger gesehen, der gerne ein weiteres Mal quer legt und damit zuletzt meist scheiterte. Und nur rund zehn Minuten später das nächste Tor: gefühlvolle Flanke von Kroos, gekonnte Annahme und Dribbling von Leroy Sané, ein trockener, abgefälschter Flachschuss - das 2:0 (20.) Und klatschend erhob sich das deutsche Publikum, das bis dahin so unterkühlt wirkte wie die Außentemperaturen in Gelsenkirchen.

Leroy Sane (picture-alliance/AP Photo/M. Probst)

Schoss das 2:0: Leroy Sané

Einer, der besonders viel Applaus bekam war Sané. Und das lag nicht am Heimvorteil: Geboren in Essen durchlief er die Schalker Jugend, bis 2016 war die hiesige Arena noch sein sportliches Zuhause. Nein, es lag auch an seiner Spielweise. Ballverteiler im Mittelfeld, Ideengeber, blitzschneller Konterstürmer: Sané schlüpfte in viele Rollen und spielte sie richtig gut. Fast schien es, als wolle er mit jedem seiner Hackentricks, Strafraumtänzchen und Tempoläufe erneut beweisen, wie falsch die Entscheidung des Bundestrainers, ihn bei der WM zuhause zu lassen, doch war. Wie motivierend eine Ausbootung doch sein kann.

Löw und die Veränderungen

Joachim Löw hat das Glück, dass ihm für sein reichlich spät gestartetes "Projekt Umbruch" genau im richtigen Moment junge, motivierte, schnelle und spielstarke Spieler zur Verfügung stehen. Die waren zwar auch schon vor der WM da, fanden aber noch keine große Beachtung, siehe Sané. Und manch einer - das sei zu Löws Ehrenrettung gesagt - machte auch erst nach der WM einen deutlichen Schritt nach vorne wie zum Beispiel Serge Gnabry oder Kai Havertz.

Gegen Ende eines völlig verkorksten Jahres sind sie tatsächlich zu erkennen, die Weichenstellungen Richtung Zukunft: Startelf-Chancen für junge und vor allem schnelle Offensivkräfte, die Neuformierung der zuletzt bedenklich wackelnden Abwehr, Denkpausen für einige Etablierte wie Jérôme Boateng oder Thomas Müller und nicht zuletzt das Loslassen vom überholten Konzept Ballbesitzfußball. Allerdings stellt sich eine Frage: War das ein bewusster, freiwilliger Umbruch?

Joachim Löw, Bundestrainer (Getty Images/Bongarts/L. Schulze)

Will nun den "Umbruch": Joachim Löw

Van Dijk als Stimmungskiller

Lange, sehr lange, schien sich Löw gegen solcherlei Veränderungen herumzudrücken. Auch nach dem denkbar schlechtesten WM-Abschneiden (Gruppenletzter in der Vorrunde) hielt Löw an seinen Weltmeistern fest, egal, ob die sich als zu langsam, zu selbstgefällig oder zu notorisch schwach im Abschluss präsentiert haben. Erst nach einem weiteren Tiefschlag (Gruppenletzter in der Nations League Gruppe A) setzte sich offenbar auch bei Löw die Erkenntnis durch, dass ein "Weiter so" weder funktioniert, noch dem Publikum zu vermitteln wäre.

Schließlich sprechen auch die Tausenden leeren Plätze bei den Spielen in Leipzig und Gelsenkirchen eine eindeutige Sprache. Dass in der lange eher höhepunktarmen zweiten Halbzeit gegen die Niederlande tatsächlich wieder eine La Ola-Welle getragen von 42.000 Menschen durch die Schalker Arena schwappte, darf durchaus auch als positives Signal gewertet werden.

Die gute Stimmung fand dann aber doch noch ein jähes Ende. Erst überwand Quincy Promes DFB-Keeper Manuel Neuer mit einem effetvollen Schlenzer und in der Schlussminute erzielte Virgil van Dijk per Volleyabnahme noch den Ausgleich. Stellungsfehler und eine viel zu passive Defensive - und dahin war er, der lange sichergeglaubte Sieg. "Ein komisches Gefühl, weil wir eigentlich ein erfrischendes Fußballspiel gezeigt haben. Und dann steht es auf einmal 2:2 und der Schiri pfeift ab. Da fühlt man sich wie im falschen Film", rätselte Jubilar Thomas Müller nach seinem 100. Länderspiel, dass leider wieder kein Glückliches für ihn war. "Vielleicht passt das ganz gut in Jahr 2018." Es ist eines, das man beim DFB nun ganz schnell abhaken möchte.

Die Redaktion empfiehlt