Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Papa, der Möglichmacher | Deutschland | DW | 28.09.2018
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Kolumne

Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Papa, der Möglichmacher

Nach der Lektüre der chinesischen Version von "Faust" fand Zhang Danhong es doch schade, die Chance zum Erlernen der deutschen Sprache verpasst zu haben. Doch die nächste Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten.

Zhang Danhong (Volker Glasow)

Autorin Zhang Danhong im Brauhaus Sion in Köln

Die Auffassungsgabe einer Zehnjährigen reichte wohl nicht aus, um den Gehalt von Goethes "Faust" zu begreifen. Doch die leidenschaftliche Schönheit seiner Sprache spürte ich sogar durch die chinesische Übersetzung hindurch. Einmal war ich so vertieft in die Lektüre, dass ich in einen steinharten Kuchen hineinbiss, ohne zu merken, dass er innen von Ameisen ausgehöhlt war. Bezüglich chinesischen Kuchens habe ich immer schon die Vermutung, dass die Chinesen ihre ganze Phantasie und Kreativität in die vielfältige Küche stecken, nur um das Thema Backen eher stiefmütterlich zu behandeln. In meiner Kindheit kannten wir nur einen einzigen Kuchen - ein braunes, rundes Ding in der Größe eines Berliners. Dennoch galt er als Luxusartikel, dessen Genuss ausschließlich Kindern vorbehalten war. Selbst wenn dieses etwas süßliche Brot aufgrund seiner Härte schon als Waffe eingesetzt werden konnte, dachten die Kinder nicht daran, es wegzuwerfen. Erst als nur ein kläglicher Rest übrigblieb, wurde mir bewusst, dass ich gerade Tausende von Ameisen verzehrt hatte. Außer Entsetzen und Ekel hatte diese ungewollte Eiweiß-Zufuhr keine negativen Folgen für mich. Bis heute denke ich sofort an Ameisen, wenn ich "Faust" höre - eine pietätlose Zwangsneurose, ich weiß.

Die Lektüre hat bei mir noch etwas anderes ausgelöst - die Sehnsucht nach der deutschen Sprache, die mich sogar durch die Übersetzung berührte. Welche ästhetische Kraft müsste da wohl das Original haben? Liegt das an der Sprache oder an Goethes Dichtkunst? Oder an beidem? Wenn mein Großvater väterlicherseits etwas mehr Geschick als Bauer gehabt und keine Saisonarbeiter angestellt hätte, säße ich jetzt im hellen Klassenzimmer der Fremdsprachenschule und wäre vielleicht schon in der Lage, deutsche Kinderliteratur zu lesen. Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie Groll gegenüber meinem unbekannten Opa.

Goethe in der Campagna Gemälde von J H W Tischbein (Imago/United Archives International)

Von 歌德 (Ge De, chinesisch für Goethe) war Zhang Danhong schon als Kind fasziniert

Neues Zeitalter angebrochen

Als meine Gedanken um Goethe, Großvater, Faust und Ameisen kreisten, flüsterte mir mein Vater an einem Oktoberabend 1976 ins Ohr, dass die Viererbande zerschlagen und die Kulturrevolution beendet sei. Alles werde wieder gut, strahlte er übers ganze Gesicht. Damals konnte ich nicht ahnen, dass sich dadurch das Tor der Fremdsprachenschule bereits zwei Jahre später wieder für mich öffnete - einen Spalt weit zumindest.

Ich stand kurz vor der Aufnahmeprüfung für die Mittelschule. Diese Schulen wurden nach dem Bildungschaos der chinesischen Kulturrevolution wieder klassifiziert in Schwerpunktschule der Stadt, Schwerpunktschule des Bezirks und normale Mittelschule. "Schwerpunkt" steht hier für gute Qualität. Je mehr Kinder einer Grundschule von einer Schwerpunktschule der Stadt aufgenommen werden, desto kräftiger kann sich der Grundschuldirektor auf die eigene Schulter klopfen. Doch dann kam die Fremdsprachenschule allen Schuldirektoren in Peking in die Quere: Noch vor den Aufnahmeprüfungen startete sie ein eigenes Auswahlverfahren und wollte die besten Absolventen der Grundschulen für sich gewinnen.

Mein Herz machte einen Sprung, als ich davon hörte. Statt eines Gesinnungstests der Großfamilie sollte diesmal nur die Leistung zählen. Ich werde eines der drei von der Schule empfohlenen Kinder sein, die am Auswahlverfahren teilnehmen dürfen - davon war ich fest überzeugt. Doch ich irrte mich. Zu Hause konnte ich die Tränen der Enttäuschung nicht mehr zurückhalten.

Mein Wunsch sei ihm Befehl

Mein Papa gehört zu der Sorte von Vätern, die ihre höchste Erfüllung darin sehen, die Tochter glücklich zu machen. Schon am nächsten Tag suchte er den Direktor meiner Grundschule auf. "Ihre Tochter ist die einzige Schülerin in diesem Jahrgang, die es sicher auf eine Schwerpunktschule der Stadt schaffen wird. Wir wollen sie nicht vorher hergeben für die Fremdsprachenschule", erklärte der Direktor unverblümt. Mein Vater wandte ein, dass im Vordergrund doch eher die Zukunft seiner Tochter stehen sollte, und nicht eine bessere Statistik für die Schule. "Aber Ihre Tochter wird die Prüfung der Fremdsprachenschule ohnehin nicht bestehen. Von den 5000 zur Auswahl zugelassenen Schülern werden nur 72 aufgenommen", versuchte es der Direktor mit einer anderen Strategie. "Dann kann sie doch erst recht zugelassen werden, da haben Sie doch gar nichts zu verlieren", gab mein Vater nicht nach. Schließlich kam er mit einer Empfehlung der Schule nach Hause.

Zhang Danhong mit ihrem Vater im Jahr 1967 (Privat)

Von Anfang an ein starkes Bündnis: Papa Zhang mit der Autorin vor dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Als nachgeschobene Kandidatin fand ich im Prüfungsraum weder Tisch noch Stuhl vor. Während für mich ein Platz improvisiert wurde, stand ich vor rund 30 ehrgeizigen Konkurrenten und versuchte, so selbstbewusst wie möglich ihren neugierigen Blicken zu begegnen. Ich fühlte mich wie in einem Hindernislauf, dessen Ziellinie so nah und doch wieder so fern wirkte.

Wochen später gratulierte mir der Schuldirektor zum zweiten Platz unter den 5000 Prüflingen mit sehr gemischten Gefühlen. Auch ich war weit entfernt von einer euphorischen Stimmung. Mein Ziel, Deutsch zu lernen, war ja erst zu einem Viertel erreicht. Denn ich konnte ebenso gut in die englische, französische oder japanische Klasse eingeteilt werden.

Die Besten in die deutsche Klasse

Papa schwang sich wortlos aufs Fahrrad und raste quer durch die Stadt Peking zur Fremdsprachenschule. Ich gehörte damals zu der Sorte von Töchtern, die fest daran glauben, dass ihr Papa alles für sie erreichen würde. So ist es auch gekommen. Als mein Vater nach dem Tagesausflug heimkehrte, las ich in seinem Gesicht voller Staub und Schweiß: Mission accomplished!

"Eigentlich musste ich gar nichts tun", erzählte er: "Die zuständige Frau sagte mir, dass Du bereits für die deutsche Klasse vorgesehen bist." Der Grund: Deutsch sei unter den vier Sprachen die schwierigste, deswegen habe die Deutschlehrerin darauf bestanden, die besten drei Schüler von vorneherein unter ihre Obhut zu nehmen.

 

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie "Deutschsein ist kein Zuckerschlecken" schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

In der nächsten Folge gibt sie uns einen Einblick, wie vor 40 Jahren in Peking die deutsche Sprache gelehrt und gelernt wurde.

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