Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Die guten Deutschen | Deutschland | DW | 07.03.2019
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Kolumne

Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Die guten Deutschen

Nach der Anreise mit Interflug ging es für Zhang Danhong weiter nach Westberlin und dann nach Köln. Hilfsbereite Menschen haben ihr den ersten Tag in Deutschland leicht gemacht, so dass sie sich schnell heimisch fühlte.

Frauke und Hannes kamen aus Mannheim. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität, sie war Apothekerin. Soviel wusste ich aus unserem kurzen Gespräch in der Interflug-Maschine, wo sie direkt vor mir saßen. Sie boten mir an, mich bis Hannover zu begleiten, wo sie dann in Richtung Mannheim umsteigen wollten. In meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich mir keine Gedanken gemacht, welche Odyssee ich mir mit der Entscheidung für Interflug eingebrockt hatte: Erst der Langstreckenflug von Peking nach Ostberlin, dann eine kurze Transitfahrt durch die Mauer von Ost- nach Westberlin, und als letzte Etappe die Zugfahrt von Westberlin nach Köln durch das Gebiet der DDR - also wieder zweimal durch die martialischen Sperranlagen. Ja, eine Reise mitten durch Deutschland war vor 30 Jahren längst nicht so einfach und selbstverständlich wie heute. 

Nachdem mich die Suche nach meinem Koffer eine Stunde gekostet hatte, war ich mehr als erleichtert, als ich Frauke und Hannes im Wartesaal für die Transitfahrt entdeckte. "Versprochen ist versprochen", lächelte mich Frauke an, als ob es das Selbstverständlichste wäre, auf eine wildfremde Chinesin zu warten, die ebenso gut in Ostberlin verschwunden sein könnte.

Berlin: Schon damals eine Chaos-Stadt

Es war am frühen Morgen des 1. Oktobers 1988, als wir in Westberlin ankamen. Über die Zustände der weltbekannten Metropole war ich mehr als entsetzt: zerschlagene Schaufenster und Glassplitter auf den Straßen. Fast entschuldigend erklärte mir Hannes: "Westberlin ist anders als die anderen westdeutschen Städte. Bestimmt hat hier gestern eine Demonstration stattgefunden."

Als erstes wollten die beiden Geld abheben, was aber nicht klappte - nach drei Wochen in China hatten sie schlicht ihre Geheimzahl vergessen. Als mir vor Kurzem dasselbe passierte, musste ich an Frauke und Hannes denken und tröstete mich, dass es sich also nicht unbedingt um eine Alterserscheinung handeln muss. Zum Glück besaß Frauke auch eine Kreditkarte, mit der sie unser Frühstück und ihre Bahntickets bezahlte.

Geldautomat (picture-alliance/dpa/T.Kleinschmidt)

Aus den Augen, aus dem Sinn - nach einer Fernreise kann man den PIN-Code schon mal vergessen haben

Von Grau zu Bunt

Die Hälfte der Bahnstrecke von Berlin nach Hannover führte durch die DDR. Die grauen Plattenbauten erinnerten mich an Peking. Auf einmal ging das Grau in Bunt über: gelbe, grüne und rosa Häuser mit lila, blauen und orangefarbenen Herbstblumen auf den Balkonen. "Wir sind nun in der Bundesrepublik", sagte Frauke mit einem gewissen Stolz. Sie hoffte vielleicht insgeheim, dass diese Farbenpracht meinen ersten Eindruck vom Chaos-Berlin verdrängen könnte.

Wahrscheinlich dachte ich unbewusst, dass nun nichts mehr schief gehen konnte und verfiel darüber in einen Tiefschlaf. Als ich von Hannes‘ sanftem Rütteln wach wurde, verstand ich zuerst gar nicht, warum lauter Langnasen um mich herumsaßen und wer dieser gut aussehende junge Mann war. "Ich störe Dich ungern", meinte Hannes: "Die nächste Station ist schon Hannover, wo wir aussteigen. Wirst Du in Köln abgeholt?" "Nein. Ich habe zwar in der Nähe von Köln einen guten Freund. In der Hektik habe ich ihn vor der Reise aber nicht mehr informieren können", antwortete ich etwas kleinlaut. "Du bist schon ein bisschen verrückt. Weißt Du das?" Hannes redete mit mir wie mit seiner kleinen Schwester: "Gib uns seine Telefonnummer. Wir werden ihn von Hannover aus anrufen. Wenn Du Glück hast, ist er bei diesem schönen Wetter nicht kurzfristig verreist."

Für die jüngeren Leser: Damals gab es kein Mobiltelefon, mit dem man von überall anrufen oder surfen kann. Das Internet startete übrigens erst drei Jahre später. Ich kramte die Telefonnummer von Klaus Reh raus, der kurz zuvor von seiner Firma nach Köln zurückbeordert worden war. Frauke und Hannes versprach ich, sie in Mannheim zu besuchen.

"Lei Feng" überall

Nun hatte ich das Zugabteil ganz für mich allein. Ich dachte nach über meinen ersten Tag in Deutschland und war unendlich dankbar, dass ich diesem Ostdeutschen und dem Mannheimer Pärchen begegnet war. Hilfsbereite Menschen nennen wir Chinesen gerne "Lei Feng", einen von Mao persönlich gelobten Muster-Soldaten aus den 1960er-Jahren, der seine Freizeit nur damit verbrachte, seinen Mitmenschen unter die Arme zu greifen. In Deutschland schien es ja von Lei Fengs geradezu zu wimmeln.

Archiv 1997 - China Peking - Filmplakat zu Lei Feng (picture-alliance/AP Photo/G. Baker)

Die Geschichte von Lei Feng wurde 1997 verfilmt

Konnten Frauke und Hannes von irgendeiner Hannoverschen Telefonzelle aus mit Klaus Reh sprechen? Wird er mich am Bahnhof erwarten? Der Zug näherte sich der Endstation - Köln. Von Weitem schon erkannte ich die Silhouette der Kathedrale. Die beiden Turmspitzen ragten in die Abendröte hinein. Ein atemberaubender Anblick! Eine ordentliche Dosis von Adrenalin schoss durch meinen Körper: Nun bin ich am Ziel, nun kann das Abenteuer beginnen! Fast fühlte ich mich schon ein wenig heimisch. War ich in meinem Vorleben vielleicht doch en echt kölsch Mädche?

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie "Deutschsein ist kein Zuckerschlecken" schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

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