Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Die Außerirdische im Studentenwohnheim | Deutschland | DW | 21.03.2019
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Kolumne

Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Die Außerirdische im Studentenwohnheim

Nach dem ersten Wochenende in Köln bezog Zhang Danhong ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Doch lange hielt sie es dort nicht aus. Das lag vor allem an der für sie völlig ungewohnten Mischung von Menschen dort.

Am 3. Oktober 1988, dem Todestag des alten China-Freundes Franz-Josef Strauß (von dieser traurigen Nachricht erfuhr ich erst Wochen später), holte mich Stefan, der Sohn von Klaus Reh, ab und begleitete mich zuerst zum Unisekretariat und dann zum Studentenwohnheim in einem Vorort von Köln. Die sechsstöckigen Plattenbauten erinnerten mich zuerst an die DDR und dann an Peking. Der graue Himmel und die grauen Häuser bildeten eine seltsame Harmonie.

Ich hatte zwar nicht mit einem Fünf-Sterne-Hotel gerechnet, aber etwas Netteres hatte ich schon erwartet. Bunte Häuser, grüne Wiesen und vielleicht ein paar Blumen - solche Bilder hatte ich mit kapitalistischen Studentenwohnheimen verbunden. Stattdessen fand ich diesen sozialistischen Einheitsbrei vor. Die Studentenwohnheime an der Peking-Universität sahen jedenfalls einladender aus. Aber einstweilen war ich froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Mein Zimmer lag im vierten Stock, am Ende eines langen Ganges. Es war klein und mit dem Nötigsten ausgestattet. Das heißt: Ein schmales Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderschrank und ein Waschbecken - ohne warmes Wasser. Das war fern von jedem Luxus, aber im Vergleich zu meinem Studenten-Zimmer in Peking, das ich mit fünf anderen Frauen teilte, stellte das hier eine deutliche Steigerung dar. Vor allem aber: Unten saß keine strenge Aufsichtsdame, die dafür sorgte, dass alle männlichen Besucher vor elf Uhr abends das Haus verließen.

Fachwerk Quedlinburg (picture-alliance/imagebroker/GTW)

Solche Idylle hat die Autorin nicht erwartet, aber von den Plattenbauten war sie doch enttäuscht

Gemischte Wohnheime 

Noch am selben Tag stellte ich fest, wie lächerlich solche Gedanken waren. Denn wir waren nicht nur Mädels, deren Tugend gewahrt werden sollte. Die Männer, denen ich tagsüber begegnete, zahlten genauso Miete wie ich und mussten daher mitnichten vor Mitternacht verschwinden. Für mich als Chinesin, die strikte Geschlechtertrennung gewohnt war, war die neue Situation eine echte Herausforderung. Mehr als das, denn bald wurde mir klar, dass von mir quasi eine Umstellung von Null auf Hundert abverlangt wurde: Ich war nämlich die einzige Vertreterin meines Geschlechts auf der ganzen Etage und musste Küche, Toiletten und Duschen mit 15 jungen Männern aus aller Herren Länder teilen.

Die Internationalität zeigte sich nicht zuletzt an den Gerüchen in der Gemeinschaftsküche. Jedes Mal, wenn ich diesen schlecht gelüfteten Raum betrat, roch es nach undefinierbaren Gewürzen und Fleisch von mir unbekannten Tierarten. Mitunter wurde ich den Verdacht nicht los, dass hier schlicht verdorbene Lebensmittel zubereitet worden waren. Wie sehr habe ich in den ersten Tagen und Wochen in Deutschland die vertrauten Gerüche der chinesischen Küche vermisst!

Der andere Ort, an dem ich ab und zu das Atmen einstellte, war die Gemeinschaftstoilette. Das lag weniger an den Gerüchen, sondern eher an der Tatsache, dass es sich im Grunde um eine Herrentoilette handelte. Immer wenn andere mir rein zufällig folgten, wurde ich mucksmäuschenstill. Da wusste ich endlich, wozu das langjährige Schwimmtraining in China gut war - bis zu anderthalb Minuten konnte ich den Atem anhalten, ohne die Lunge zu belasten. Dabei war ich so froh, dass die deutschen Toiletten nichts mit den chinesischen Plumpsklos gemein hatten, auf denen man bei seinem Geschäft quasi auf dem Präsentierteller hockte - neben den sich gerade ebenfalls erleichternden Nachbarn sowie den Menschen in der Warteschlange davor.

Integrationsverweigerung auf ganzer Linie

Auch die Dusche bestand zu meinem Glück aus einzelnen Kabinen, so dass ein Mindestmaß an Privatsphäre gewahrt blieb. Dennoch wollte ich sicher gehen, dass sich keiner zeitgleich mit mir dort aufhielt. Das war nicht schwer: Schnell fand ich heraus, dass die Stunde zwischen 14 und 15 Uhr die günstigste Zeit zum Duschen war.  Im Grunde kann man die Menschheit in drei Duschgruppen teilen: die Morgenduscher (die meisten Deutschen), die Abendduscher (die meisten Chinesen) und die Mittagsduscher (die Langschläfer). Am frühen Nachmittag haben die meisten Studenten Vorlesungen oder sie liegen in der Sonne. Da Chinesen nicht stark schwitzen, konnte ich die Intervalle der Körperpflege etwas dehnen und zudem das Duschen auf meine vorlesungsarmen Tage verlegen.

Symbolbild Frau mit Laptop auf Wiese (Fotolia/Franz Pfluegl)

Bei gutem Wetter wird die Wiese zum Lieblingsaufenthaltsort für Studenten

Für die Männer auf der Etage wirkte ich vermutlich wie eine Außerirdische - die Frau, die nie kochte, nie duschte und nicht mal auf die Toilette ging. Ich suchte nicht nach Gesprächspartnern und lehnte ihre Angebote ab, mit ihnen auf Partys zu gehen. Mich plagte Heimweh und wollte am liebsten sofort nach Peking zurückfliegen. Als mein Zimmernachbar einmal um halb eins in der Nacht bei mir klopfte, weil er den Schlüssel vergaß, zog ich die Reißleine und bemühte mich direkt am nächsten Tag um eine andere Unterkunft.

Später habe ich erfahren, dass es in deutschen Studentenheimen gang und gäbe ist, auch nach Mitternacht noch an anderen Türen zu klopfen und das Vergessen der Schlüssel kein plumper Annäherungsversuch ist, sondern einfach zu einem chaotischen Studentenalltag gehört.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie "Deutschsein ist kein Zuckerschlecken" schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

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