Deutschlands Wirtschaft fällt in Rezession | Wirtschaft | DW | 25.05.2023

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Konjunktur

Deutschlands Wirtschaft fällt in Rezession

Deutschlands Wirtschaft ist im ersten Quartal geschrumpft. Die hohe Inflation drückt die Konsumlaune und bremst damit die Konjunktur. Auch für das Gesamtjahr sind die Erwartungen gedämpft.

Die deutsche Wirtschaft ist im Winter in eine Rezession gerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. In einer ersten Schätzung Ende April war die Behörde noch von einer Stagnation der Wirtschaftsleistung zu Beginn des Jahres ausgegangenen.

"Nachdem das BIP bereits zum Jahresende 2022 ins Minus gerutscht war, verzeichnete die deutsche Wirtschaft damit zwei negative Quartale in Folge", sagte Behördenpräsidentin Ruth Brand. Schrumpft die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer technischen Rezession. Das bedeutet nicht, dass das Gesamtjahr negativ ist. Vor allem dank des milden Winters traten die schlimmsten Szenarien nicht ein - etwa ein Gasmangel, der tiefe Spuren hinterlassen hätte.

Experten zeigen sich nicht überrascht

Jens Oliver Niklasch von der LBBW ist nicht überrascht von der Entwicklung, nachdem es schon im März sehr schwache Zahlen gegeben habe. Allerdings findet er das Ausmaß der Revision erschreckend. "Die Frühindikatoren lassen erwarten, dass es im zweiten Quartal ähnlich schwach weitergeht", meint er. "Im Grunde eine erwartbare Stabilisierungsrezession nach den Zinserhöhungen der EZB. Aber auch eine gute Gelegenheit, uns fiskalisch und wachstumspolitisch ehrlich zu machen." Er plädiert dafür, nun in Deutschland über die mittelfristige Stärkung der Wachstumskräfte zu reden statt ständig über neue Belastungen für die Wirtschaft und fiskalische Wohltaten aus der Gießkanne.

Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank sieht düstere Wolken für das zweite Halbjahr aufziehen. "Dann sind die Nachholeffekte in der Industrie aufgezehrt und einen Ausgleich für den zu erwartenden fortgesetzt schwachen privaten Konsum und die angeschlagene Bauwirtschaft gibt es damit nicht mehr", so der Experte. "Der Schrumpfkurs der deutschen Wirtschaft wird sich im zweiten Halbjahr vermutlich fortsetzen."

"Die massiv gestiegenen Energiepreise haben im Winterhalbjahr ihren Tribut gefordert", kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Entwicklung.  Eine grundlegende Besserung sei nicht in Sicht, wie der Rückgang des Ifo-Geschäftsklimabarometers signalisiere.

Lubmin | Nord Stream 2

Krieg in der Ukraine und die folgende Angst vor Gasmangel haben die Energiepreise und die Inflation kräftig in die Höhe getrieben.

Aussicht auf das Gesamtjahr

Ein kräftiger Aufschwung ist vorerst nicht in Sicht. Die Bundesbank rechnet im Frühjahr zumindest mit einem leichten Wachstum. "Im zweiten Quartal 2023 dürfte die Wirtschaftsleistung wieder leicht ansteigen", heißt es im aktuellen Monatsbericht. Nachlassende Lieferengpässe, hohe Auftragspolster und die gesunkenen Energiepreise sollten dann für eine Erholung in der Industrie sorgen. "Dies dürfte auch die Exporte stützen, zumal die globale Konjunktur wieder etwas Tritt gefasst hat", erwartet die Bundesbank.

Für das Gesamtjahr sind die Aussichten für Europas größte Volkswirtschaft sind nach Einschätzung von Experten. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum um die Nulllinie herum bewegen dürfte. Der IWF ist damit pessimistischer als die Bundesregierung, die in ihrer Ende April vorgestellten Frühjahrsprojektion ein BIP-Plus von 0,4 Prozent erwartete. Die EU-Kommission rechnete in ihrer jüngsten Prognose mit einem Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent für Deutschland.

Inflation drückte auf Kauflaune

Der Privatkonsum fiel angesichts der Inflation als Konjunkturstütze aus. Sowohl für Nahrungsmittel und Getränke als auch für Bekleidung und Schuhe sowie für Einrichtungsgegenstände gaben die privaten Haushalte den Angaben zufolge weniger aus als im Vorquartal. Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist die hohe Teuerung eine Herausforderung: Sie zehrt an ihrer Kaufkraft. Die Menschen können sich für einen Euro weniger leisten. Auch der Staatskonsum gab nach, und zwar um 4,9 Prozent.

"Unter der Last der immensen Inflation ist der deutsche Konsument in die Knie gegangen und hat die gesamte Volkswirtschaft mit sich gerissen", meint Andreas Scheuerle von der DEKA Bank. Der Preisauftrieb schwächte sich zuletzt zwar ab. Die jährliche Teuerungsrate lag im April mit 7,2 Prozent aber immer noch auf vergleichsweise hohem Niveau. Eine schnelle und deutliche Wende zum Besseren sei abr nicht in Sicht, so Scheuerle. "Während die inflationären Belastungen langsam abklingen, wachsen diejenigen der restriktiven Geldpolitik. Das Gift der Inflation wird mit dem Gegengift hoher Zinsen bekämpft."

Offenes Portemonnaie mit Euroscheinen

Die hohe Inflation sorgt dafür, dass die Menschen real weniger im Portemonnaie haben

Positive Impulse aber düstere Erwartungen

Positive Impulse kamen nach Angaben der Statistiker zu Jahresbeginn von den Exporten und den Investitionen. Dabei stiegen die Bauinvestitionen auch wegen des günstigen Wetters als auch die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen, Geräte und Fahrzeuge. Allerdings hat sich die Stimmung in der deutschen Exportindustrie laut einer Umfrage des Ifo-Instituts merklich verschlechtert. Die Exporterwartungen der Unternehmen fielen im Mai auf 1,8 Punkte, von 6,5 Punkten im April, wie das Institut am Donnerstag mitteilte. Das sei der niedrigste Wert seit November 2022. "Die weltweiten Zinserhöhungen schlagen langsam auf die Nachfrage durch", erklärte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. 

Vor allem in der Autobranche verschlechterten sich die Erwartungen. Auch in der Metallbranche gehen die Hersteller von sinkenden Auslandsumsätzen aus. In der Chemischen Industrie und bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen halten sich die positiven und negativen Aussichten laut der Umfrage gegenwärtig in etwa die Waage. Die Hersteller von Geräten zur Datenverarbeitung sowie die Bekleidungsfabrikanten blicken hingegen optimistisch auf die Entwicklung ihres Auslandsgeschäfts.

iw/hb (dpa, rtr, afp)

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