Deutschlands größte Online-Dealer vor Gericht | Deutschland | DW | 04.08.2020
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Kriminalität

Deutschlands größte Online-Dealer vor Gericht

Darknet, Drogen, Bitcoin - mit diesen Zutaten machten sie "Chemical Revolution" zum größten Online-Drogenshop Deutschlands. Jetzt beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Dealer. Die Darknet-Ökonomie floriert weiter.

Der Prozess wird spektakulär. Allein wegen der Mengen, um die es geht: Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main sollen die elf Angeklagten mehr als 130 Kilogramm Amphetamin, 42 Kilogramm Cannabis, 17 Kilogramm kristallines Ecstacy, sechs Kilogramm Kokain, ein Kilogramm Heroin verkauft haben: Über ihre Handelsplattform "Chemical Revolution" im Darknet im Zeitraum von gerade einmal 18 Monaten zwischen September 2017 bis Februar 2019. Über eine Million Euro sollen die Beschuldigten mit Deutschlands größtem Online-Drogenhandel erlangt haben.

Online Drogenshops Chemical Revolution (BKA)

Wenn die Post die Drogen bringt - aus einer BKA-Präsentation

Insgesamt geht es um 320 Einzelstraftaten. Wegen der Größe des Verfahrens wurde ein Teil abgetrennt, sodass ab Mittwoch vor dem Landgericht Gießen zunächst nur gegen sieben Angeklagte verhandelt wird. Trotzdem sind so viele Menschen an dem Verfahren beteiligt, dass man in die Gießener Kongresshalle umziehen muss. "Die ist schon über 50 Jahre alt und denkmalgeschützt. Aber einen Strafprozess hatten wir hier noch nie", blickt Birgit Schulte zurück, stellvertretende Geschäftsführerin der Stadthallen GmbH.

Wie im Krimi

Die Angeschuldigten sollen dabei "an unterschiedlichen Stellen innerhalb der Lieferkette" tätig geworden sein, führt Staatsanwältin Julia Bussweiler von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Frankfurt gegenüber der DW aus: Vom Administrator der Plattform über Organisatoren bis hin zu Kurieren und Vertriebsmitarbeitern, die sich um Verpackung und Versand der Drogen gekümmert haben sollen. "Insofern konnten durch die Ermittlungen weitreichende Strukturen innerhalb der Online-Drogenszene aufgeklärt werden", freut sich die Frankfurter Staatsanwältin. 

Ausgehoben wurde "Chemical Revolution" im Frühjahr 2019. In einer Operation, die dem Drehbuch eines Krimis entsprungen sein könnte: Mit verdeckten Ermittlern und fingierten Drogenkäufen; mit Insidern, die der Polizei zuarbeiteten; mit internationaler Vernetzung und einem heute 27-jährigen Haupttäter, der von der Ferieninsel Mallorca aus die Geschicke des Drogenimperiums gesteuert haben soll. Und: Mit Tätern, die einander nicht persönlich kannten, sondern nur ihre Online-Pseudonyme und Spitznamen, wie Staatsanwältin Bussweiler hervorhebt.

"How To Sell Drugs Online (Fast)"

"Der Rauschgifthandel im Internet hat sich mittlerweile als fester Vertriebsweg für Drogen in Deutschland etabliert", hält das letzten September veröffentlichte "Bundeslagebild Rauschgift" des Bundeskriminalamts (BKA) trocken fest. Entsprechend weist die Kriminalstatistik für 2018 gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von "Rauschgiftdelikten im Kontext mit dem Tatmittel Internet" um 27,5 Prozent aus.

In der Populärkultur sind Online-Dealer ohnehin längst angekommen. Ende Juli lief die zweite Staffel der in Deutschland produzierten Netflix-Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)" an. Eine dritte Staffel wird produziert.

Online Drogenshops Chemical Revolution (BKA)

Bei Ausheben von "Chemical Revolution" wurden jede Menge Drogen beschlagnahmt

Warum Drogenhandel über das Internet attraktiv ist, wird in einer Europol-Studie von 2017 deutlich: Für Konsumenten entscheidend seien die Auswahl, die leichte Verfügbarkeit, die hohe Qualität, schreiben die Europol-Autoren. Käufer und Verkäufer schätzten die geringe Gefahr der Entdeckung wie auch die Abwesenheit von Gewalt. "Im Straßenhandel kommt es bekanntermaßen durchaus auch zu körperlichen Übergriffen unter Beteiligten. Auch diese Gefahr ist durch das alleinige Agieren am Rechner minimiert beziehungsweise ausgeschlossen", bestätigt Julia Bussweiler.

Studien belegen höhere Produktqualitäten bei den Drogenhändlern im Darknet gegenüber den Straßendealern. Aber auch höhere Preise. Bei den "Chemical Revolution"-Produkten vermerkten die Ermittler ebenfalls einen hohen Reinheitsgrad.

Kein Wunder, denn die Darknet-Marktplätze operieren so ähnlich wie Ebay: Als wettbewerbsorientierte, hochfunktionale Plattformen mit allen Kennzeichen moderner E-Commerce-Seiten - inklusive Kundenbewertungen. Die Online-Dealer müssen angesichts der großen Konkurrenz ihre Kundschaft bei Laune halten: Neben hoher Qualität etwa auch durch fachmännisch diskrete Verpackung und schnelle Lieferung.  

Dream Market Screenshot (Dream Market)

Wie bei Ebay: Screenshot der - mittlerweile geschlossenen - Darknetplattform "Dream Market"

Vorläufer "Silk Road"

Möglich wird dieses illegale Online-Ökosystem durch eine Kombination von Anonymisierungstechnik, Verschlüsselungssoftware und Kryptowährungen wie vor allem Bitcoin. Zuerst in großem Stil für illegalen Onlinehandel genutzt hat diese Technologien der US-Amerikaner Ross Ulbricht. 2011 startete er unter dem Decknamen "Dread Pirate Roberts" den Darknet Markplatz "Silk Road". In den knapp zwei Jahren seines Bestehens wurden über "Silk Road" Deals im Wert von rund 1,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt. 80 Millionen davon sollen in Ulbrichts Tasche geflossen sein, als Provision.

Als Ulbricht 2015 zu einer zweimal lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, waren angesichts der hohen Gewinnspannen schon längst Nachfolge-Plattformen im Darknet online. Allein die - offen zugängliche - Seite darknetstats.com listet aktuell zehn aktive Darknet-Handelsplattformen auf. Die jüngste davon ging erst im April 2020 in Betrieb.

Symbolbild Kurs Bitcoin (Imago/Michael Weber)

Kryptowährungen machen die illegalen Geschäfte in der Anonymität erst möglich

"Kein strafverfolgungsfreier Raum"

"Das Internet ist kein strafverfolgungsfreier Raum", hat BKA-Präsident Holger Münch wiederholt erklärt. Aber das Agieren der Täter im Darknet macht die Strafverfolgung schwer. Besonders, weil Drogenhandel ja ein "opferloses Verbrechen" ist, bei dem keine der beiden Parteien ein Interesse an einer Anzeige hat. Bussweiler bestätigt: Die im Tor-Netzwerk systemimmanente Verschlüsselung hindert die Ermittler daran, reale IP-Adressen zu erlangen. Entsprechend sucht man andere Ansatzpunkte. "Dazu werden beispielsweise Scheinkäufe auf den Drogen-Plattformen getätigt, um über die versendeten Pakete weitere Ermittlungsansätze zu erlangen", verrät die Staatsanwältin.

Immerhin gelang es deutschen Ermittlern neben dem Ausheben von "Chemical Revolution" im letzten Jahr auch, gemeinsam mit internationalen Partnern den Darknet-Marktplatz "Wall Street Market" vom Netz zu nehmen. Nach Polizeiangaben war es der weltweit zweitgrößte illegale Marktplatz im Darknet. Als er im Mai 2019 vom Netz genommen wurde, hatten über 5.000 Verkäufer mehr als 63.000 Verkaufsangebote eingestellt.

Die Europol-Einschätzung scheint sich zu bewahrheiten: Nach der sind Deutschland, die Niederlande und England die wichtigsten europäischen Länder für die Darknet-Drogen-Ökonomie.

Für den Gießener Prozess, der am 5. August beginnt, sind zunächst 14 Verhandlungstage angesetzt.

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