Deutschlands Exportüberschuss bleibt hoch | Wirtschaft | DW | 07.08.2018
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Handel

Deutschlands Exportüberschuss bleibt hoch

Die Exporte aus Deutschland sind in der ersten Hälfte des Jahres wieder kräftig gestiegen. Zwar zogen die Importe noch stärker an. Der deutsche Exportüberschuss aber bleibt hoch - und die Kritik daran wird lauter.

Insgesamt gingen im ersten Halbjahr Waren "made in Germany" im Wert von 662,8 Milliarden Euro ins Ausland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts war das ein Plus von 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

Besonders deutlich stiegen die Ausfuhren in die Länder der Europäischen Union (plus 5,4 Prozent). Im Handel außerhalb der EU gab es ein Plus von 1,9 Prozent.

Im Monatsvergleich sieht das Bild weniger deutlich aus. Im Juni blieben die Exporte verglichen mit dem Vormonat unverändert, die Importe legten aber um 1,2 Prozent zu.

In den ersten sechs Monaten des Jahres stiegen die Einfuhren nach Deutschland um 4,8 Prozent auf 541,3 Milliarden Euro. Auch wenn das Importplus gewachsen ist, bleibt der Handelsüberschuss Deutschlands in der ersten Jahreshälfte damit sehr hoch und schlägt mit 121,5 Milliarden Euro zu Buche.  

Hamburg Containerschiff Hanjin Europe (Imago/Hoch Zwei Stock/Angerer)

Exporte im Werte von fast 663 Milliarden Euro - hier im Hamburger Hafen.

Kritik vom IWF

Der hohe Exportüberschuss Deutschlands stößt seit langem international auf Kritik. Politiker wie Volkswirte fordern immer wieder, Deutschland müsse seine hohen Exportüberschüsse verringern. Zuletzt wies der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Maurice Obstfeld, Deutschland wegen seines anhaltend großen Handelsdefizits eine Mitschuld für wachsende Krisengefahren und Handelskonflikte in der Welt zu.

In einem Beitrag für die Zeitung "Die Welt" schrieb Obstfeld, Länder wie Deutschland ergriffen "allenfalls zaghafte Maßnahmen", um ihre Überschüsse zurückzuführen.

Deswegen gehe die Entwicklung zwischen Ländern mit Exportüberschüssen und anderen mit einem Minus immer weiter auseinander. "Damit steigt das Risiko von Störungen durch Währungs- und Vermögenspreisanpassungen in verschuldeten Ländern zum Schaden aller."

Zwar gehe von dem Ungleichgewicht noch "keine unmittelbare Gefahr" aus. Doch die Weichen stünden "auf eine weitere Ausdehnung - und damit auf eine mittelfristige Bedrohung der globalen Finanzstabilität", heißt es in dem Zeitungsbeitrag vom Montag dieser Woche.

Kein Zeichen von Stärke

Auf die anhaltende Kritik von US-Präsident Trump an Deutschlad geht der IWF-Volkswirt nur indirekt ein. Länder wie Deutschland mit einem hohen Handelsüberschuss, schreibt Obstfeld, können, "wie man derzeit sieht, leicht zur Zielscheibe protektionistischer Maßnahmen ihrer Handelspartner werden". Der US-Präsident begründet auch gegen Deutschland gerichtete höhere Zölle unter anderem mit "unfairen" Exportüberschüssen. 

IWF Wachstumsprognose Maurice Obstfeld (Getty Images/AFP/M. Riley)

IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld

Nach Berechnungen des IWF war Deutschland 2017 für immerhin 20 Prozent der weltweit aufgehäuften Leistungsbilanzüberschüsse verantwortlich. Erst mit einigem Abstand folgt China (elf Prozent) auf Platz zwei.

Mit Blick auf Deutschland schrieb der IWF-Volkswirt, ein hoher Exportüberschuss sei "nicht unbedingt ein Zeichen von Stärke, sondern ein Beleg heimischer Investitionsschwäche und einer Sparquote, die über das hinausgeht, was wirklich notwendig ist".

Obstfeld empfahl den Deutschen, durch sinnvolle staatliche Ausgaben die heimische Nachfrage anzuschieben, insbesondere über Zukunftsinvestitionen. Auch seien höhere Lohnabschlüsse in Deutschland sinnvoll.

"Der IWF hat recht"

In Deutschland findet solche Kritik Gehör, zumindest bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung: "Der IWF hat recht", sagte Fabian Lindner, Volkswirt bei der Böckler-Stiftung, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Und auch US-Präsident Trump habe hier mit seiner Kritik recht: "Andere Länder erhöhen ihre Schulden, um deutsche Waren zu importieren. Deutschlands Wirtschaftsmodell lebt also davon, dass andere höhere Schulden aufhäufen", so Lindner. "Das ist natürlich nicht auf Dauer tragbar."

Der Volkswirt betonte, das Problem sei durchaus aktuell: "Das ist nicht einfach eine abstrakte Gefahr irgendwann in der Zukunft. Wir hatten das schon einmal mit der Finanzkrise von 2009-2010, der sogenannten Euro-Krise. Die Situation kann sich wiederholen."

Ähnlich wie der IWF-Vertreter empfiehlt Lindner, Deutschland müsse seinen internen Konsum erhöhen, um mehr zu importieren. "Die Nachfrage könnte etwa durch öffentliche Aussagen für die Infrastruktur gesteigert werden. Auch sollten mehr Leute beschäftigt werden, sie würden dann mehr ausgeben, was dann zum Teil für importierte Waren ausgegeben würde."

Auch die EU-Kommission hat die hohen deutschen Überschüsse mehrfach kritisiert. Laut EU-Regeln darf der Leistungsbilanzüberschuss eines Landes nicht dauerhaft über der Schwelle von sechs Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. Der deutsche Überschuss liegt seit Jahren darüber, im vergangenen Jahr betrug er 7,9 Prozent.

ar/bea (rtr, dpa – WELT)

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