Deutschland und die neue Wirtschaftswelt | Wirtschaft | DW | 07.03.2005
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Wirtschaft

Deutschland und die neue Wirtschaftswelt

Zerstören die neuen Gravitationszentren der Weltwirtschaft in Asien wirklich Arbeitsplätze in der "alten" Wirtschaftswelt Deutschland und Japan? Rolf Wenkel hat sich umgehört - und erstaunliche Antworten erhalten.

Partnerschaft mit China: Passt das langfristig zusammen?

Partnerschaft mit China: Passt das langfristig zusammen?

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich in Ostasien neben den USA ein neues Gravitationszentrum der Weltwirtschaft herausgebildet hat. China und seit einigen Jahren auch Indien partizipieren zunehmend an der internationalen Arbeitsteilung. In den nächsten Jahren werden dort noch einmal über 100 Millionen Menschen ins erwerbsfähige Alter kommen und auf den Arbeitsmarkt drängen. Was bedeutet das für vergleichsweise alte Volkswirtschaften wie Japan oder Deutschland? Ist der Exportweltmeister Deutschland auch Weltmeister im Export von Arbeitsplätzen? Ist Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerung die adäquate Antwort auf die neue Konkurrenz in Ostasien? Die Weltwirtschaft ist im Umbruch - können die Deutschen noch mithalten?

China: Einsatz für die Vielzweck-Graphik

Wenn Professor Markus Taube, Direktor des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Duisburg, gebeten wird, einen Vortrag über China zu halten, dann braucht er im Grunde nur eine einzige Grafik. Auf der waagerechten Achse ist die Zeit abgetragen, auf der senkrechten kann man für "X" einsetzen, was man will: Auslandsinvestitionen, Export, Import, Bruttosozialprodukt - was auch immer - die Kurve zeigt für China nach oben. Taube nennt das seine "multi-purpose-chart", seine Vielzweckgrafik. Seine These heißt: China ist bereits viel weiter, als das im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen wird. Er macht das fest an den Exportstrukturen Chinas. Die zeigen, dass China deutlich über den Status eines Landes hinaus gekommen ist, das nur arbeitsintensive Produkte exportieren kann. "Der technologische Gehalt chinesischer Exporte ist deutlich höher als wir uns das meistens vorstellen", hat Taube festgestellt. "Und ist im Endeffekt auch viel höher als die Exporte vieler osteuropäischer Staaten."

Schanghai Schild wird geputzt

Schanghai-Schild wird geputzt

Seit 1992 ist der Kapitalismus in China offiziell mit dem Marxismus-Leninismus vereinbar. Seit 2001 ist das Land Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, seit 2004 ist das Privateigentum in der chinesischen Verfassung dem Staatseigentum gleich gestellt. Das hat China innerhalb weniger Jahre auf Spitzenplätze in der Weltwirtschaft katapultiert: Bei den Exporten hinter Deutschland, den USA und Japan auf Platz vier, bei den Importen hinter den USA und Deutschland auf Platz drei. Und Markus Taube ist überzeugt, dass das Wachstum in China auf Jahre hinaus dauerhaft und stabil sein wird. Dafür sprechen stabile Binnennachfrage, aber auch das Interesse der Weltwirtschaft. "Dazu kommt ein weiterer positiver Effekt, und das ist ein permanentes "industrial upgrading" in der chinesischen Volkswirtschaft, die im Zuge eines massiven Zustroms an ausländischen Direktinvestitionen immer neue Technologien, immer neue Herstellungsverfahren in ihre Volkswirtschaft einführt", analysiert Taube.

Mit anderen Worten: China ist längst nicht nur die Werkbank der Welt für einfache Massenprodukte. China wird den Industrieländern des Westens in Zukunft auch immer mehr bei technologisch anspruchsvollen Produkten Konkurrenz machen. Und das zu unschlagbaren Preisen. Denn in China kostet die Arbeitsstunde im produzierenden Gewerbe 80 US-Cent, in den USA dagegen 21 Dollar - und in Deutschland über 30 Dollar. Und Markus Taube ist davon überzeugt, dass China diese Lohnkostenvorteile trotz steigendem Wohlstand noch auf Jahrzehnte behalten wird: In den nächsten zehn Jahren wird China 100 Millionen Menschen zusätzlich in erwerbsfähigem Alter haben. "Das wird ein gewaltiges zusätzliches Arbeitskräfteangebot in China bedeuten, und dazu müssen wir immer bedenken: Wir haben in China noch lange keine Vollbeschäftigung."

Wolkenkratzer in Shanghai

Wolkenkratzer in Shanghai

Diese jungen Menschen werden längst nicht alle als Tagelöhner in der Massenproduktion eingesetzt werden. Denn China bildet zugleich das weltgrößte Heer von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren aus. In Zukunft - davon ist Professor Taube überzeugt - werden im Reich der Mitte Niedriglohnsektoren und High-Tech-Inseln nebeneinander anzutreffen sein.

Wie gehen die alten Volkswirtschaften damit um? Ist Indien ein neuer Tigerstaat? Lesen Sie weiter.

Japan: Das asiatische Deutschland?

Chinas östlicher Nachbar heißt Japan - eine alte, reife Volkswirtschaft, die viele Parallelen zu Deutschland aufweist, sagt Werner Pascha, Professor für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg. Auch Japan hat ein sehr hohes Pro-Kopf-Einkommen, das erzielt wird mit einer Bevölkerung, die inzwischen sehr stark altert. Ist es möglich, ältere Mitarbeiter noch so weiter zu bilden, dass sie auch in der Lage sind, mit modernen Technologien umzugehen? "Das setzt die Produktivitätsentwicklung unter Druck", sagt Pascha. Ein weiteres Problem ist, dass eine alternde, schrumpfende Bevölkerung einfach auch nicht mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stellt, die dann wirtschaftliches Wachstum erzeugen könnten. Ältere Leute entsparen auch. Das heißt: Vermögen, die in den jungen Jahren aufgebaut wurden, werden dann sukzessive abgebaut. Entsparen bedeutet natürlich, dass weniger Finanzmittel für Investitionen zur Verfügung stehen, sodass auch von daher ein Druck auf die längerfristigen Wachstumsraten entsteht. "Alles Probleme, die wir hier in Deutschland zur Genüge kennen", sagt Pascha.

RoboCup 2002, Zweibeinige Asimos beim Elfmeterschießen

RoboCup: Zweibeinige Asimos beim Elfmeterschießen

Früher hat man von der Triade USA, Japan und Europa gesprochen. Heute ist Japan aus den Schlagzeilen, es wird als weltwirtschaftliches Schwergewicht nicht mehr wahrgenommen. Eigentlich zu unrecht. Doch die Wachstumsraten in China sind einfach viel faszinierender. Kein Zweifel, China verschiebt die Gewichte in der Weltwirtschaft. "China bekommt im Moment als drittes Bein der Triade neben Japan ein größeres Gewicht", meint Pascha.

Auch Pascha glaubt, dass Ostasien - vor allem mit China und Indien - in den nächsten Dekaden das neue Wachstums- und Gravitationszentrum sein wird. "Die größte Dynamik wird wahrscheinlich auf absehbare Zeit vom asiatischen Kontinent ausgehen. Wenn Sie sich allein einmal die Asienkrise anschauen und schauen, wie ein Land wie Korea den Einbruch mittlerweile weggesteckt hat, dann ist das schon sehr frappierend", sagt Pascha. "Wenn Sie einfach mal die Daten in Zehnjahresabständen sich anschauen von 1990 und dann 2000, dann fällt die Asienkrise schon gar nicht mehr weiter auf in den Statistiken, sondern es ist eine permanente Aufwärtsbewegung."

Neue auf der Bühne: Indien

Das neue Gravitationszentrum wird durch einen neuen Akteur auf der Bühne der internationalen Arbeitsteilung noch mehr an Gewicht gewinnen - nämlich mit Indien. "Indien hat seit dem Jahr 2003 eine phänomenale Öffnung bewiesen", sagt Peter von Guretzky-Cornitz. Er ist als Direktor bei der Hypovereinsbank seit Jahren für die Region Asien zuständig.

Inder an der TU Chemnitz

Indischer Wissenschaftler an der TU Chemnitz

Tatsächlich wird in Indien nun, nachdem man 20 Jahre lang über den Bedarf an Infrastrukturinvestitionen geredet hat, wirklich etwas getan: Autobahnen und neue Eisenbahnlinien werden gebaut, Flughäfen und Häfen werden privatisiert, es wird in der Bauindustrie investiert. "Man kann dabei festhalten: Vieles davon kommt insbesondere Deutschland zugute, es ist also ein Umdenken generell in Asien in Richtung bessere Qualität festzustellen - also der private Inder oder Chinese, der BMW fährt, der will jetzt auch einen Bagger oder einen Kran oder eine Zementmaschine haben, die nicht eine Kopie einer europäischen Anlage aus Korea ist, sondern die eben das Echte ist, das wahre Produkt aus der Schweiz, aus Österreich oder aus Deutschland."

Und was bedeutet das für Deutschland?

Und was bedeutet das für Deutschland?

Peter von Guretzky-Cornitz teilt nicht die Befürchtung vieler Deutscher, dass uns Osteuropa und die Länder Ostasiens die Arbeitplätze wegnehmen. Die Tatsache, dass deutsche Unternehmen zum Beispiel in China kräftig investiert haben, darf nicht als Indiz dafür gewertet werden, dass deutsche Arbeitsplätze eins zu eins exportiert werden, glaubt der Direktor der Hypovereinsbank: Kräftig investiert werde in erster Linie, um sich auch im lokalen Markt eine Position zu verschaffen. "Viele der Dinge, die dort gemacht werden, dienen im wesentlichen dem chinesischen Markt. Ich kenne eigentlich kein Beispiel, wo ich jetzt sagen könnte, diese deutsche Investition in China hat dazu beigetragen, hier Arbeitsplätze abzubauen."

Auch Michael Finger von der ökonomischen Forschungsabteilung der WTO in Genf wehrt sich gegen den Vorwurf, deutsche Investitionen in Ostasien nähmen hierzulande Arbeitsplätze weg. Das starke wirtschaftliche Wachstum in Südostasien sei für die deutsche Investitionsgüterindustrie "ein regelrechtes Manna". Die deutsche Industrie profitiere extrem von den Investitionen, die dort getätigt werden. "Im Investitionsgüterbereich sehe ich eher starke Vorteile für Deutschland". Im Konsumgüterbereich sei die Situation unterschiedlich. Aber auch der Luxusgütermarkt für die reichen Chinesen beginne, sich zu entwickeln, das Qualitätsbewusstsein der chinesischen Konsumenten. "Auch da gibt es gute Marktchancen", meint Finger.

Chinesisches Balletttänzerin neben VW Polo

Chinesische Balletttänzerin neben VW Polo

Nicht die alten, reifen und auf hohem technologischen Standard stehenden Volkswirtschaften des Westens müssen sich Sorgen machen, von China erdrückt zu werden, sagt Peter von Guretzky-Cornitz von der Hypovereinsbank. Eher besteht die Gefahr, dass China die anderen asiatischen Schwellenländer in Schwierigkeiten bringt. Es sein zwar ein innerasiatischer Handelszuwachs zu verzeichnen, aber eben auch zu sehen, dass sich aus den früheren Industrien in Thailand, Indonesien und teilweise auch Malaysia Investoren zurückziehen. Diese würden es entweder nach China verlagert oder sogar wieder zurück nach Japan. Hinzu komme, dass die Auslands-Chinesen in Indonesien oder Thailand oder Malaysia nicht mehr so viel in diesen Ländern investieren, sondern in China selbst tätigen."

Ähnlich sieht das Michael Finger von der Forschungsabteilung der WTO: "Mittlerweile ist der Anteil Chinas an den Exporten und Importen der Nachbarländer stark gestiegen." China wird also ein wichtiger Handelspartner. Vietnam oder Korea sind für China nicht so wichtig, aber China ist für Korea oder Vietnam sehr wichtig geworden. "Das sind also die Relationen: die Gewichte der chinesischen Volkswirtschaft zu den wichtigsten andern ostasiatischen Volkswirtschaften ist so extrem, dass da Schwierigkeiten in den bilateralen Beziehungen entstehen können."

Mit China und Indien haben also zwei Schwergewichte die Bühne der Weltwirtschaft betreten. Sie haben ihre Grenzen geöffnet, sie privatisieren und liberalisieren ihre Märkte, ihre junge und wachsende Bevölkerung wird zunehmend in die Weltwirtschaft integriert. Arbeitsteilung, so lautet ein ehernes Gesetz im Kapitalismus, hebt den Wohlstand aller. Aber gilt das auch für die internationale Arbeitsteilung? Oder nehmen uns diese Länder die Arbeitsplätze weg?

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat in seinem jüngsten Gutachten diesen Fragen ein ganzes Kapitel gewidmet. Es heißt "Deutschland im internationalen Wettbewerb". Darin schreiben die so genannten "Fünf Weisen":

"Die vielfach geäußerten Befürchtungen drastischer Beschäftigungsverluste durch Produktionsverlagerungen in das Ausland sind zu qualifizieren. Solide empirische Befunde für die Auswirkungen der Direktinvestitionstätigkeit auf die heimischen Arbeitsplätze sind bisher Mangelware. Die wenigen vorliegenden Studien für Deutschland liefern qualitativ uneinheitliche Befunde: die Größenordnung scheint aber alles in allem geringer als oftmals angenommen."

Natürlich kann man nicht leugnen, dass deutsche Firmen zwischen 1991 und 2002 mit ihren Direktinvestitionen im Ausland über zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen haben - und im gleichen Zeitraum in Deutschland 2,6 Millionen Industriearbeitsplätze verschwunden sind. Aber, so meint der Sachverständigenrat, "ein solches Aufrechnen ist ebenso einprägsam wie irreführend". Denn erstens ist ein großer Teil der verloren gegangenen Arbeitsplätze der transformationsbedingten Schrumpfung in Ostdeutschland zu verdanken. Zweitens sind bislang über 80 Prozent der deutschen Direktinvestitionen nicht in Billiglohnländer, sondern in Industrieländer geflossen, allein 50 Prozent davon in die USA. Und drittens ist bei den deutschen Direktinvestitionen eindeutig die Markterschließung das Hauptmotiv, und nicht so sehr der Lohnkostenvorteil. Man muss einfach da sein, wo der Kunde ist. Deshalb kann der Sachverständigenrat nur davor warnen, "unbesehen den Exportweltmeister dadurch erklären zu wollen, dass man ihn durch einen vermeintlichen Spitzenplatz im Export von Arbeitsplätzen erkauft hätte".

Der neue Transrapid verkehrt ab morgen in Shanghai

Transrapid in Shanghai

Folgerichtig warnen auch alle Experten vor der Vorstellung, man könne dem neuen Konkurrenzdruck aus Ostasien und dem vermeintlichen Exodus deutscher Arbeitsplätze in diese Region durch niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten begegnen. Das könne nur ein Teil der Antwort sein, meint Japan-Experte Werner Pascha. Für Japan gebe es im Grunde eine ähnliche Diskussion: Angesichts rückläufiger Bevölkerung müssten auch dort Arbeitszeiten möglicherweise wieder ausgedehnt werden. Auch Arbeitslohnflexibilisierung spiele eine Rolle. "Das zweite Bein ist aber, Produktivitätsfortschritte zu erzielen und zu erhalten." Das heißt: Arbeitskraft einfach besser, vernünftiger, effektiver einzusetzen.

Auch China-Experte Markus Taube warnt davor, den Konkurrenzkampf mit Ostasien ausgerechnet auf dem Gebiet der Lohnkosten und Arbeitszeiten ausfechten zu wollen: "Das kann natürlich nicht funktionieren". Deutschland könne auf keinen Fall mit China auf in arbeitsintensiven Produktbereichen konkurrieren. "Das wird niemals möglich sein." Deutschland müsse die eigenen Stärken massiv fördern, und das solle dann auch nicht dadurch konterkariert werden, dass man versucht, aus sozialpolitischen Gründen bestimmte sterbende Industrien zehn Jahre länger am Leben zu erhalten. "Hier müssen klare Schnitte gemacht werden, die es der deutschen Volkswirtschaft ermöglichen, sich schnell sich an die neuen weltwirtschaftlichen Strukturen anzupassen", so Taube.

Indien-Experte von Guretzky-Gornitz von der Hypovereinsbank glaubt wie die anderen Experten, dass durch den riesigen Bedarf an Infrastrukturinvestitionen in den neuen Wachstumsregionen enorme Chancen für die deutsche Industrie bestehen. Sie ungenutzt zu lassen, wäre sträflich. Denn letzten Endes sichern sie auch hierzulande Arbeitsplätze. "Ich denke auch, dass diese Wachstumskette - jetzt auch mit dem Hinzukommen von Indien - der deutschen Industrie sehr zugute kommt."

Die deutsche Industrie werde die Rolle als Exportweltmeister behalten können. Deutschland genieße auch in Indien den besten Ruf unter allen Lieferländern. "Das wird sich sicher in der Exportstatistik auch in den nächsten fünf Jahren deutlich zeigen."

Michael Finger von der Genfer Welthandelsorganisation WTO bringt es auf einen ganz einfachen Nenner: Die Bereiche, die von Konkurrenz stark betroffen sind, klagen lauter als die vielen Firmen, die von diesem Boom in Ostasien profitieren. "Die Investitionsgüterindustrie profitiere stark von diesem Boom." Nur: "Man hört davon in den Geschäftsberichten, aber die allgemeine Öffentlichkeit erfährt davon relativ wenig."

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