Deutsches Wrack, polnisches Problem | Wissen & Umwelt | DW | 24.09.2018
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Kriegsfolgen

Deutsches Wrack, polnisches Problem

Experten warnen vor einer tickenden Öko-Bombe auf dem Ostsee-Meeresgrund. Der Ende des Zweiten Weltkriegs vor Danzig gesunkene Frachter "Franken" ist immer noch mit reichlich Treibstoff beladen.

Die "Franken" war eine schwimmende Tankstelle. Ein Schiff, das die deutsche Kriegsmarine in der Ostsee während des Zweiten Weltkriegs mit Treibstoff versorgte. Der Tanker konnte bis zu 10.000 Tonnen Treibstoff befördern. Am 8. April 1945 ging die von den Russen torpedierte "Franken" in der Nähe der polnischen Halbinsel Hela vor Danzig unter. Die Tanks waren zum Teil noch gut gefüllt. 

Nach dem damals geltenden internationalen Recht wurde das Wrack nach dem Krieg Eigentum der Volksrepublik Polen. Zu dieser Zeit war die Bergung der "Franken" unrentabel. "Sie lag dort und störte niemanden", erklärt Benedykt Hac, Wissenschaftler vom Meeresinstitut in Danzig (Gdańsk). Heute sei das anders, fügt er hinzu. Der erfahrene Hydrograph, Navigator und Kapitän zur See hat keine Zweifel: Die Frage lautet nicht "ob", sondern "wann" es zu einer Katastrophe kommt.

Tickende Zeitbombe

Der letzte Bericht über den Zustand des Tankers kommt zu dem Ergebnis, dass noch 3136 m³ Treibstoff an Bord sind. "Auch wenn ein bedeutender Teil (60%) der Ladung des Schiffes während des Angriffs verloren ging - es ist immer noch sehr viel da", sagt Hac. Nach bisherigen Erkenntnissen seien mindestens einige der Tanks immer noch dicht. "Eine gute Leistung der deutschen Ingenieurskunst."

„T/S Franken“ - Archivplan des Laderaumes des Tankers (Fundacja Mare)

„T/S Franken“ - Archivplan des Laderaumes des Tankers

Die beste Ingenieurskunst vermag aber nicht die Gesetze der Physik außer Kraft zu setzen. Durch das Wasser korrodiert der Stahl der Tanks mit der Geschwindigkeit von einem Millimeter pro Dekade. In sieben Jahrzehnten könnten somit bereits sieben 7 von zwölf Millimeter der Tankwände verschwunden sein. Laut Hac würde eine weitere Korrosion des Rumpfes dazu führen, dass das Wrack unter seinem eigenen Gewicht zerbricht und ein unkontrolliertes Leck auftritt. Mit dramatischen Folgen für die Umwelt. Mehr noch: Die Ostsee ist ein Binnenmeer und derzeit gibt es einen ungewöhnlich langsamen Wasseraustausch mit der benachbarter Nordsee. "Als Wissenschaftler darf ich nicht schweigen", betont Hac.

Hoffung auf Geld aus EU-Krisenfonds

Hacs "Franken"-Team klopfte mehrere Jahre erfolglos an viele Türen, darunter auch an die von zahlreichen Behörden. Die Kostenschätzung für die Bergung der Treibstofffracht reicht von acht bis zwanzig Millionen Euro, inklusive der Kosten für Versicherung und Kampfmittelbeseitigung. Um das Thema publik zu machen, wurde eine Informationskampagne von der polnischen Stiftung "Mare" gestartet, sowie ein Pilotprojekt von der deutschen Stiftung"Baltic Sea Conservation Foundation" (Baltcf) gesponsort. Das Geld reichte aber nur für Untersuchungen außerhalb des Wracks, Entwicklung von Methoden und Richtlinien für die Bergung des Gefahrgutes und Leitlinien und Umsetzungstrategien für Behörden.

Zur Eile rät auch Peter Torkler, Geschäftsführer der Stiftung Baltcf mit Sitz in Greifswald. "In Hinblick darauf, wie dynamisch sich die Danziger Bucht wirtschaftlich entwickelt, wie sich der Tourismus dort entwickelt, wie viel die Polen dort machen, ist unser Rat als Experten, dies als ein äußerst wichtiges Projekt zu betrachten" - meint er. 

Im Februar dieses Jahres entschieden sich die Deutschen zur Mitarbeit an dem Projekt der Polen und am 23. April 2018 schlossen sich die Crews der Forschungsschiffe IMOR und LITORAL von der Baltischen Tauchbasis der Aktion an. Unter Wasser verbrachten die Taucher etwa 60 Stunden, 13 davon auf dem Wrack. Eine Informationskampagne hat begonnen und eine Petition an die polnische Regierung zur Reinigung der Tanks der "Franken" auf der Website der „Mare”-Stiftung wurde bereits von weit über 45.000 Personen unterzeichnet.

Das Ökosystem retten

"Wir wollen niemanden verurteilen, sondern werben für eine Mobilmachung zur Rettung des Ökosystems der Danziger Bucht", sagt Olga Sarna, Vorstandsvorsitzende der Stiftung "Mare". "Es geht darum, das Schweigen zu brechen", ergänzt Peter Torkler und verweist auf die ergebnislosen Versuche des Meeresinstituts Danzig, die Behörden für dieses Thema zu interessieren. Immerhin hat im Juli 2018 der polnische Schifffahrtsminister Marek Gróbarczyk ein spezielles Team für die Lösung der "Franken"-Problematik ins Leben gerufen.

Die Umweltaktivisten hoffen derweil, mit der Unterstützung des Ministeriums, die Gelder aus dem EU-Krisenfonds für die Bergung zu bekommen.

Keinen Präzedenzfall schaffen

Die deutschen Behörden sind im Fall "Franken" sehr vorsichtig. Carolin Zerger vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in Deutschland wies darauf hin, dass das Wrack in polnischen Gewässern liegt und empfahl den Polen, sich an "Helcom SUBMERGED", eine Expertengruppe zur Bewertung von Umweltgefahren durch gefährliche, in der Ostsee gesunkene Objekte, mit Sitz in Helsinki zu wenden.

Diese Haltung der Behörden in Deutschland ist keine Überraschung für Peter Torkler. "Niemand möchte einen Präzedenzfall schaffen. Wracks sind ein gigantisches Problem, weil es Tausende von ihnen gibt. Darüber redet man ungern in der Öffentlichkeit" - räumt er ein.

Forschungsexpedition zum Wrack des Tankers „T/S Franken“ (Fundacja Mare/M.Procajło)

23. April 2018, die Crews der Forschungsschiffe IMOR und LITORAL gemeinsam am Wrack

Gemeinsam kann man mehr erreichen

Immerhin befasste sichder Internationale Club des Auswärtigen Amtes (ICAA), eine Verbindung amtierender und ehemaliger deutscher Diplomaten, bei einer Veranstaltung im Mai 2018 mit dem Thema "Franken". Peter Torkler sieht das als ersten Erfolg an. "Nachdem wir gesehen haben, wie gut die Kampagne in Polen läuft, fragen wir uns, welche Foren und Institutionen dieses Projekt hier in Deutschland aufgreifen können", sagt Torkler und fügt hinzu: "Das ist sicherlich ein großes Vorhaben, aber wenn alle im Umfeld dieses Problems zusammen arbeiten, dann können wir gemeinsam mit Deutschland und Polen viel erreichen.”