Deutsches Team dominiert Paracycling-WM | Sport | DW | 04.08.2015
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Sport

Deutsches Team dominiert Paracycling-WM

Für die deutschen Athleten enden die Paracycling-Weltmeisterschaften in Nottwil mit einem Medaillenregen. Die mitreißenden Wettbewerbe stellen auch die ersten Weichen für die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro.

Schweiß gebadet, reißt Alessandro Zanardi noch auf der Ziellinie die muskulösen Arme hoch: Der Italiener sichert sich den Weltmeistertitel im Straßenrennen der Handbiker. Mit minimalem Vorsprung schießt er mit seinem Bike durchs Ziel - knapp vor seinem Konkurrenten, dem Niederländer Jetze Plat. Kurz vor dem Ende der 45-Kilometer-Strecke lieferten sich die beiden Rollstuhlathleten ein hochdramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen. Plat liegt bis kurz vor dem Ziel im Stadion von Nottwil vorn, Zanardi fährt noch in der Außenposition - beide mit mehr als 60 km/h. Der Italiener sieht die Lücke, wechselt Zentimeter hinter Plat auf die kürzere Innenbahn - und setzt sich an die Spitze. Die Zuschauer toben, feuern ihn frenetisch an. Zanardi gewinnt die Goldmedaille und wird Weltmeister.

Die Sieger des Strassenrennen bei der Paracycling-WM 2015 in Nottwil: der Niederländer Jetze Plat (l. am Boden) und der Italiener Alessandro Zanardi (r.) (Foto: DW/H. Mund)

Ex-Formel-1-Fahrer Zanardi (r.) ist der Star der WM

Als erfahrener Formel-1-Pilot hat der 48 jährige Zanardi ein Gespür für riskante Manöver und beherrscht in Weltklassemanier auch die Kurventechnik seines Bikes. Er fährt im Knien, die speziell umgebauten Pedale seines Handbikes treibt er mit enormer Körperkraft vorwärts. 2001 wurden ihm nach einem schweren Unfall auf dem Lausitzring beide Beine amputiert. Von seinem Formel-1-Boliden blieb damals nur ein Schrotthaufen übrig.

Nach zwei Jahren Rehabilitation und Rollstuhldasein stieg der Rennfahrer wild entschlossen wieder in den Wettkampfsport ein. Seit 2007 fährt der Italiener professionell Handbike. In Nottwill ist er der absolute Medienstar, umschwärmt von den internationalen Fotografen und Kamerateams aus aller Welt. Er genießt es, es ist auch sein Sieg über die Handicaps seiner Behinderung.

Sieger bei der Paracycling-WM: Alessandro Zanardi, (Foto: DW/H.Mund)

Ex-Formel-1-Fahrer Alessandro Zanardi (r.) ist der gefeierte Star der Paracycling-WM in Nottwil

Perfektion ist Trumpf

Auch zwischen den verschiedenen Wettbewerben der WM legen die Athleten Wert auf professionelle Vorbereitung: Entspannte Ruhe durchzieht die Gänge des Mannschaftshotels am Berg - für die Handbiker ist Wettkampfpause. Die Sportler sind mit ihren Betreuerteams hier untergebracht: Physiotherapie, Massagen, leichtes Training stehen heute auf dem Programm. Der Körper muss im Wettkampf-Modus bleiben. Auch die Räder bekommen ein letztes Checkup vor den großen Rennen. Silke Pan aus dem deutschen Team kommt im Sportrollstuhl mit einem Tablett auf den Knien in den Frühstücksraum. Sie wirkt leicht angespannt. Für Frühstück ist keine Zeit, der Physiotherapeut wartet.

Auch alle technischen Details am Bike müssen heute noch mal überprüft werden. Beim Rennen zählt jede Sekunde, wenn die Kette hakt, kann das die Platzierung kosten. Pan hat sich für leichtes Straßenfahren als Trainingseinheit entschieden, erzählt sie. Keine ungefährliche Sache, Autofahrer können die niedrigen Liegeräder schon mal übersehen. Aber für Profisportler gehört Risiko zum Alltag. Sie lacht, als sie das sagt. Am anderen Ende des Tisches stellt eine Handbikerin aus dem polnischen Team ihr Frühstückstablett ab: vier hart gekochte Eier, eine Pampelmuse, Pfefferminztee, keine Ballaststoffe. Das muss reichen.

Zuschauer beim Strassenrennen im idyllischen Nottwil. Im Hintergrund grasen Kühe (Foto: DW/H. Mund)

An der Rennstrecke: Die Kühe von Nottwil hat das WM-Spektakel nicht gestört

Spitzensport in der Idylle

48 Nationen sind in Nottwil am Start. Ein kleiner Ort in der Nähe von Luzern, der neben idyllischen Ausblicken auf den Semperauersee auch steile, kurvenreiche Bergstrecken zu bieten hat. Die hellbraunen Kühe interessiert der Massenauftrieb an Zuschauern und Sportlern allerdings überhaupt nicht. Die USA und Italien stellen die meisten Athleten bei dieser WM. Länder wie Griechenland, Ghana, Island oder Lettland sind jeweils mit nur einem einzigen Sportler vertreten. Deutschland liegt mit 20 Spitzensportlern weit vorne.

Es ist der letzte Wettkampftag: Hellgraue Regenwolken und der Morgendunst überziehen das Tal. Die Rennstrecke ist mit Schweizer Präzision schon frühmorgens abgesperrt, Laternenmasten und Verkehrsschilder sind dick gepolstert. Feuchtigkeit kann hier lebensgefährlich werden: die Männer rasen mit bis zu 90 km/h Spitzengeschwindigkeit die kurvigen Straßen runter. Für Autos sind hier max. 40 km/h erlaubt. Die Frauen haben zum Glück eine weniger gefährliche Strecke zu fahren.

Silke Pan liegt in ihrem Rennrollstuhl und reißt die Arme hoch (Foto: Copyright: DW/H. Mund)

Athletin Silke Pan reißt die Arme hoch und freut sich über die Silbermedaille im Straßenrennen der Handbikerinnen

Starke Kämpferinnen

Für die Rollstuhlathletinnen steht heute das große Straßenrennen auf dem Programm. Die Sonne kämpft sich durch die Wolken als der Pulk von Fahrerinnen auf die Strecke geht: 42 Kilometer sind zu bewältigen, die UCI hat das Rennen um eine Runde verkürzt. Die Strecke ist trocken. Handbikerin Silke Pan kommt gut weg. Favoritin Christiane Reppe, die als Schwimmerin schon Paralympics-Medaillen gesammelt hat, legt einen Blitzstart hin und setzt sich schnell an die Spitze des Feldes. Sechs Runden Bergstrecke haben die Rollstuhlathletinnen vor sich.

Silke Pan setzt sich schnell ganz nach vorn ins Spitzenfeld. Sie hat beim Weltcup in Elzach auch schon Bronze rausgefahren. Die Russin Svetlana Moshkovich, die hier in Nottwil beim Zeitfahren auch schon Gold geholt hat, fällt überraschend mit defekter Gangschaltung aus. Am Ende des kräfteraubenden Rennens fährt Reppe vor Silbermedaillengewinnerin Silke Pan ins Ziel, Dritte wird die Schweizerin Sandra Graf.

Das Podest nach dem Strassenrennen der Frauen: Siegerin Andrea Eskau (2.v.l.), die Zweite Laura De Vaan (l.) und die Dritte Oksana Masters (r.) (Foto: DW/H. Mund)

WM-Siegerin Andrea Eskau (Deutschland) neben Laura De Vaan (NL/li) und Oksana Masters (USA/re)

Auch Multitalent Andrea Eskau (Bildmitte) war erfolgreich. Ihr Handbike hat sie bereits gegen den bequemeren Rollstuhl getauscht. Die deutsche Spitzensportlerin absolvierte zuvor die gleiche Strecke in einer anderen Wettkampfklasse und holte WM-Gold. Souverän siegt sie mit großem Abstand und verwies ihre Konkurrentinnen Laura De Vaan aus den Niederlanden und Oksana Masters aus den USA auf die Plätze zwei und drei. Ein großer Erfolg für das deutsche Paracycling -Team, wie überhaupt die ganze WM in der Schweiz.

Punkte für Rio 2016

Die Bilanz der deutschen Athleten bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in Nottwil kann sich sehen lassen: Insgesamt kann das deutsche Team ein Jahr vor den Paralympics in Rio de Janeiro sechs Gold-, neun Silber- und sechs Bronze-Medaillen bejubeln. Mit diesen 21 Auszeichnungen holt Deutschland die meisten Medaillen und lässt die USA, Russland und Italien im Medaillenspiegel hinter sich. Die in Nottwil gesammelten UCI-Punkte zählen zudem auch für die Nominierungen der nationalen Paralympics-Teams. Die mehrfache Paralympics-Siegerin Andrea Eskau hat das Ticket nach Rio schon in der Tasche. Ein Grund mehr, gelassen ins Trainingslager zurück zu rollen.

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