Denglisch: Die sprachliche Verwirrung einer US-Mutter | Meet the Germans | DW | 26.09.2020
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Europäischer Tag der Sprachen

Denglisch: Die sprachliche Verwirrung einer US-Mutter

Die deutsche Sprache ist mit allen möglichen Anglizismen gespickt. Das kann verwirrend, aber auch bereichernd sein, meint DW-Redakteurin Louisa Schaefer.

Als meine Zwillinge lernten zu sprechen, war eine der niedlichsten Sachen, die sie je zu mir gesagt haben: "Dank you". Meine Kinder haben einen deutschen Vater und eine US-amerikanische Mutter, also mich, und mir erschien das als der ultimative Ausdruck zweisprachiger Höflichkeit. Das Wortkonstrukt aus Englisch und Deutsch kam wie selbstverständlich über ihre Lippen. Es schien mir auch ein ziemlich cleverer, effizienter Weg zu sein, um die Aussprache des "th" zu umgehen, die vielen deutschen Muttersprachlern bekanntlich schwerfällt.

Als meine Kinder klein waren, war es schwer einzuschätzen, welche Muttersprache sie irgendwann mal annehmen würden. Das Wort Muttersprache - auf Englisch würde man "mother tongue" oder "native language" sagen -  ist eines dieser großartigen, absolut überzeugenden Mischwörter, die im Deutschen möglich sind: Verschiedene Wörter verschmelzen zu einem einzigen Wort mit einer neuen Bedeutung, das sowohl wohlklingend als auch treffend ist. 

Englisch ist praktisch überall 

Meine Kinder haben das Glück, zweisprachig aufzuwachsen. Als ich ein Kind war und im Mittleren Westen der USA aufwuchs, beneidete ich andere Kinder, die mehrere Sprachen sprechen konnten.  

Heute, mit dem Internet und den Sozialen Medien, kennt fast jeder Mensch auf der Erde ein oder zwei englische Wörter; manchmal werden diese Wörter sogar Teil einer anderen Sprache - und die Leute bemerken es kaum.

Es ist viel über Anglizismen gesagt worden, die sich über die Jahre in die deutsche Sprache eingeschlichen haben. Diese englischen Wörter werden im Deutschen jedoch häufig anders verwendet: So sagt man zum Beispiel "Handy" statt "cell phone" und "Oldtimer" statt "vintage car".

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Beliebte englische Wörter, die Deutsche leider falsch verwenden - Teil I


Vor einigen Jahren störte ich mich immer daran, wenn Deutsche, vor allem aus der Wirtschafts- oder Marketingbranche, mit dem im Englischen umgangssprachlichen Begriff "Know-how" um sich warfen. Sie verwendeten diesen Begriff in einem formellen Rahmen, in dem englische Muttersprachler auf den eleganteren Begriff "expertise" zurückgegriffen hätten. Mein Unmut gehört längst der Vergangenheit an, denn heutzutage hört man in Deutschland lauter englische Wörter: Influencer, Lockdown, Binge-Watching und Cisgender. Tatsächlich hat die im August 2020 erschienene Neuausgabe des Dudens viele englische Wörter aufgenommen - zum Ärger der Sprachpuristen, die meinen, dass all diese Anglizismen zum Verfall der deutschen Sprache führen. 

Sprachen entwickeln sich weiter 

Jeder Linguist wird Ihnen sagen, dass sich Sprachen ständig weiterentwickeln - oder nicht. Wenn immer weniger Menschen sie sprechen, sind sie gefährdet oder sterben aus. Wenn sie weit genug verbreitet sind, entwickeln sie sich mit der Zeit weiter. Sie spiegeln dabei die kulturellen oder gesellschaftlichen Entwicklungen wider. Es ist also keineswegs ungewöhnlich, wenn ein Deutscher sagt: "Mein Computer updatet gerade die neueste Software." Früher verdrehte ich meine Augen. Inzwischen ist das völlig normal.

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In der DW-Serie "Typisch Deutsch" macht sich Comiczeichner Fernandez über das weitverbreitete Denglisch in Büroetagen lustig

Andrea-Eva Ewels, Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), sagte der DW, dass solche Entwicklungen die deutsche Sprache nicht gefährden: "Unsere Sprache verfällt nicht, sie verändert sich nur, weil die Welt sich ständig verändert." WhatsApp und Twitter-Posts ruinierten die deutsche Sprache ebenfalls nicht, fügte sie hinzu. Die Menschen waren schon früher, als noch Telegramme verschickt wurden, dazu in der Lage, ihre Sprache auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. "Die Sprache ändert sich ständig. Das ist normal", sagte Aria Adli, Linguistik-Professorin an der Universität zu Köln, der DW. "Wenn sich die Elterngeneration heute beschwert, dass die Jungen die Sprache nicht mehr richtig beherrschen, dann könnte man den Spieß auch umdrehen und sagen: Die Elterngeneration hat nicht dazugelernt, um so zu sprechen, wie man eigentlich heutzutage spricht."

Sprachliche Lautmalerei

Im vergangenen, extrem heißen Sommer war es nicht ungewöhnlich, dass bei Gesprächen unter Deutschen der englische Begriff "Flip-Flop" fiel. Ich liebe dieses Wort wegen seiner lautmalerischen Herkunft - es gibt den Klang dessen wieder, worauf es sich bezieht.

Auch nach über 30 Jahren in Deutschland lerne ich immer noch ständig neue Wörter. In einer Zeitungsanzeige stieß ich kürzlich auf den eigentlichen deutschen Begriff für Flip-Flops: "Zehengreiferpantoletten" - er besteht aus sage und schreibe 23 Buchstaben.

Flip-Flops in allen Regenbogenfarben sind fächerförmig ausgelegt (picture-alliance/dpa)

Der englische Ausdruck "Flip-Flops" hat sich längst auch im Deutschen etabliert

Obwohl ich das Bild der Flip-Flops in der Zeitung sah und die deutsche Sprache fließend lesen kann, dauerte es trotzdem einen Moment, bis ich den Sinn des Wortes verstand. Wortwörtlich: "zehengreifende Sandalen".

Das Beispiel "Flip-Flops" versus "Zehengreiferpantoletten" veranschaulicht, wie unterschiedlich die beiden Sprachen funktionieren: In diesem Fall ist der englische Begriff sehr musikalisch, dafür ist der deutsche wirklich sehr visuell. Er besteht aus drei verschiedenen Wörtern - und ist obendrein ein echter Zungenbrecher!

Was gerade am besten funktioniert

An alle Sprachpuristen: Da haben Sie es, sowohl der deutsche als auch der englische Begriff sind möglich. Und genau das ist es, was meine zweisprachigen Zwillinge über die Jahre gelernt haben. Als sie etwa vier Jahre alt waren, brachten sie ihre Liebe zu mir zum Ausdruck, indem sie beide Sprachen kombinierten und sagten: "I liebe you". Nun, wo sie mit ihren 12 Jahren nahezu im Teenager-Alter sind, verwenden sie die gleiche Strategie: Was eben am besten funktioniert. Zu 90 Prozent sprechen sie mit mir auf Deutsch, es sei denn, sie wollen etwas; dann fragen sie geschickt auf Englisch danach.

Typische Gespräche:
1.) Sie beschreiben ihren Schultag (auf Deutsch)
2.) Meine Bitte an sie (auf Englisch), ihre Hausaufgaben zu machen
3.) Sie antworten auf Deutsch: "Ich habe schon den ganzen Tag geworkt" - außer dass sie das das englische Verb für "arbeiten" benutzen und es deutsch konjugieren
4.) Zuletzt, in perfektem Englisch, fragen sie: "Mom, can I have some money/ watch Netflix / play video games?" ("Mama, kann ich etwas Geld haben?/ Netflix anschauen/ Videospiele spielen?")

Fazit: Sprachen können sich gegenseitig bereichern, wenn man sie geschickt und kreativ miteinander kombiniert. Was auch immer gerade am besten passt. Dank you very much.

Sie finden mehr über Deutsche, ihren Alltag und ihre Eigenarten auf unserer Seite dw.com/MeettheGermans_de und bei YouTube. Schauen Sie auch auf unserem neuen Instagram-Kanal vorbei: @dw_meetthegermans.
 

Adaption: Maria John Sanchez

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