″Deutsche sind Erfinder des Lustwanderns″ | DW Reise | DW | 07.10.2016
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Interview

"Deutsche sind Erfinder des Lustwanderns"

Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Manuel Andrack wandert und schreibt darüber. Als Deutschlands bekanntester Wanderkolumnist verleiht er dem lange spießig wirkenden Freizeitsport eine neue Leichtigkeit.

Manuel Andrack (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Deutschlands Wandermeister: Manuel Andrack

Gewandert wurde hierzulande schon immer gern und viel. Dafür sind die Deutschen bekannt. Kein Zufall, dass sich das deutsche Wort "Wanderlust" im Englischen durchgesetzt hat - als Synonym für Fernweh und Reiselust. Neu ist, dass diese Wanderlust immer mehr um sich greift. Auch Manuel Andrack, Jahrgang 1965, ist ihr erlegen. Bekannt wurde er im Fernsehen als Sidekick von Harald Schmidt in dessen "Late-Night-Show", dem deutschen Pendant zur US-amerikanischen "Late Show" mit David Letterman. Da saß Andrack  in Jeansjacke, an einem Bier nippend und gab trockene Kommentare ab. Kult. Heute ist er hauptberuflich Wanderer, schreibt darüber Bücher, Reportagen und Blogs.

DW: Sie gelten als der "deutsche Wanderpapst". Was löst das bei Ihnen aus, wenn Sie das hören?

Manuel Andrack: Ich würde nie sagen, ich bin der "Wanderpapst". Ich mag lieber "Wanderexperte", meinetwegen auch "Wanderguru". Zuletzt hat mir bei einer Wanderung am Rhein ein 8-Jähriger ein ganz tolles Bild gemalt. Darauf stand "Wandermeister Manuel Andrack", also gern auch "Meister".

Wandern, Herr Andrack, wie oft tun Sie’s, mit wem und warum?

Das ist ein Fulltimejob: Wandern zu erleben, über Wandern zu schreiben und über Wandern zu lesen. Im Schnitt wandere ich zwei Mal die Woche. Das sind keine Mördertouren, etwa 10 bis 20 Kilometer in der Woche, macht übers Jahr 1000 Kilometer, macht in den letzten 10 Jahren etwa 10.000 Kilometer.

Manuel Andrack (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Wanderers Glück: Pause mit Aussicht auf dem "Rheingold"-Rundwanderweg bei Boppard

Wandern ist in den letzten Jahren wieder populär geworden. Rund 40 Millionen sollen inzwischen wandern, also etwa jeder zweite Deutsche. Was reizt Sie persönlich am Wandern?

Da ist einmal ganz banal die Freude an der Bewegung, an der Natur, an der frischen Luft. Und viel Neugier: Wie schmeckt das Bier woanders, wie das Essen, wie sieht die Landschaft aus, wie sind die Menschen? Man kann Wandern auch als Antidepressivum benutzen, wenn man privat einen kleinen Durchhänger hat: Einmal gewandert und schon tun sich einem neue Wege auf - im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht einem einfach besser!

Sie sind durch die Harald-Schmidt-Show bekannt geworden. Ihr Absprung zum Berufswanderer hat gut geklappt. Wären Sie ohne Ihre Popularität durch die Fernsehshow auch so erfolgreich?

Wahrscheinlich nicht. Das war eine ganz tolle Gelegenheit, eine Gnade, abgesehen davon, dass die Jahre selber totalen Spaß gemacht haben.

Haben Sie etwas aus der TV-Zeit mit in ihr neues Leben genommen?

Hoffentlich den Humor! Mir wird ja immer bestätigt, dass das keine schrecklich trockenen Texte sind, die ich schreibe. Sondern dass man auch mal lachen kann. Selbst bei heiklen Themen, die ja im neuen Buch dabei sind. Wie das Wandern als Terror- und Folterinstrument der Nazis im Konzentrationslager Sachsenhausen. Prodesse et delectare, das ist eigentlich mein Ziel, wie der alte Lateiner sagt. Also Unterhalten und Lehren.

Malik-Verlag - Autor Manuel Andrack (Malik Verlag)

Wandlungsfähig: Manuel Andrack in römischer Funktionskleidung

Das jüngst erschienene Buch "Schritt für Schritt: Wanderung durch die Weltgeschichte" ist, wie Sie sagen, kein Wanderbuch, sondern eine Art mobiles Geschichtsbuch. Was steckt dahinter?

Ich habe Wege ausgesucht, die selber Geschichte gemacht haben. Ob in der Steinzeit, bei den Ägyptern, bei  den Römern, in der Französischen Revolution, in den beiden Weltkriegen. Ich bin nach Israel, Ägypten und Griechenland gefahren. Die Römer-Wanderung habe ich in Deutschland, im Hunsrück absolviert. Die Römer haben in ganz Europa ihre tollen Straßen hinterlassen - da kann man teilweise noch drauf wandern. Und ich hatte fast immer Mitwanderer dabei, die mir etwas über den Weg erzählt haben.

Im letzten Kapitel wandern Sie mit Flüchtlingen. Warum? 

Ich habe drei Jahre an diesem Buch gearbeitet. Im Herbst letzten Jahres wurde mit den Flüchtlingsströmen offensichtlich, dass wir ein Stück Weltgeschichte live erleben. Das war für mich das ideale Schlusskapitel. Ich beginne das Buch im Neandertal, in der Steinzeit, als die Menschen zu Fuß gegangen sind, um zu überleben, zu jagen und zu sammeln. Heute machen sich immer mehr Menschen auf den Weg - es gibt eine Rekordzahl an Flüchtlingen weltweit. Meist zu Fuß. Um zu überleben. Mit einer Gruppe bin ich ein Stück mitgelaufen, in Wegscheid, einem kleinen Ort an der deutsch-österreichischen Grenze.

Flash-Galerie Wandern in Deutschland 110. Deutscher Wandertag Rheinsteig (Projektbüro Rheinsteig)

Rheinsteig: Premiumwanderweg mit 20 sportlich anspruchsvollen Tagesetappen

Zurück zum Freizeitwandern. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 700 sogenannte "Premiumwanderwege". Was genau muss ein Wanderweg haben, um "Premium" zu werden?

Ein absolutes Muss: eine eindeutige Beschilderung, die muss idiotensicher sein, "unverlaufbar". Auch für Leute, die noch nie einen Kompass in der Hand gehabt haben und eine Karte immer falsch herum halten. Die Wegweiser sagen dem Wanderer ganz genau, wo es lang geht. Das ist das A und O. Und dann gibt es weitere Kriterien: Ist der Weg breit, ist er naturbelassen? Ist er abwechslungsreich, komme ich an einer Burg vorbei, kann ich mich auf eine Bank mit schöner Aussicht setzen? Das alles gibt Pluspunkte.

Ist das nicht sehr typisch deutsch?

Ja absolut! Aber ich finde es richtig. Und die Kriterien sind nicht aus der Luft gegriffen. Zu Beginn hat das Deutsche Wanderinstitut Wanderer befragt, was sie mögen und danach einen Bewertungskatalog erstellt. Die Leute wollen zwar Outdoor haben, aber eben gut-deutsch markiertes Outdoor.

Das deutsche Wandernetz soll im internationalen Vergleich ziemlich gut sein, können Sie das bestätigen?

Das stimmt. Diese Premiumweg-Idee schwappt inzwischen auch ins Ausland. Die Vogesen in Frankreich sind super ausgeschildert und die Wege sind auch toll. Es gibt in Luxemburg ganz viele Premiumwege, auch in Holland fängt man damit an, in der Region Limburg. Aber in der Gesamtheit ist Deutschland ganz vorne und wird im Prinzip auch seiner Wandertradition gerecht. Ich würde mal behaupten, Deutschland ist der Erfinder des Lustwanderns. Seit den Romantikern, seit Eichendorff, Goethe und anderen gibt es einfach diese Lust an der Natur und die Lust am Wandern.

Elbsandsteingebirge Sächsische Schweiz Bastei (picture-alliance/ZB/T. Eisenhuth)

Markant: der Basteifelsen in der Sächsischen Schweiz

Welche Wanderwege in Deutschland würden Sie unbedingt empfehlen?

Also gerade für das internationale Publikum ist natürlich der Rheinsteig der Knaller. Da hat man wirklich eine Landschaft, die par excellence für Deutschland steht: die Loreley, die Burgen, die Wallfahrtsorte. Allerdings gibt es hier neben einfachen Strecken auch Etappen, die nur etwas für Geübtere sind. Und ich empfehle die Sächsische Schweiz, diese Felsenlandschaft mit Höhlen, mit Überhängen, mit ganz tollen, schmalen Wegen. Die Sächsische Schweiz ist wirklich ganz weit vorne, Weltklasse.

Wie würden Sie sich als Wanderer selbst beschreiben?

Als Genusswanderer. Ich habe mal angefangen als Hochleistungswanderer mit 30, 40 Kilometer am Tag. Mittlerweile denk ich mir, zehn bis 15 Kilometer am Tag, manchmal reichen aber auch acht. Und danach ein schönes Hefeweizen! 

Das Interview führte Simone Lauenstein

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