Deutsche Schulen im Zentrum großer Politik | Welt | DW | 06.09.2018
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Deutsch-Türkische Beziehungen

Deutsche Schulen im Zentrum großer Politik

Außenminister Heiko Maas besucht auf seiner Türkei-Reise auch die Deutsche Schule in Istanbul. Schulen mit Bezug zu Deutschland waren immer wieder in den Sog der Verwerfungen zwischen Ankara und Berlin geraten.

Bürgerkrieg in Syrien, inhaftierte Deutsche in türkischen Gefängnissen, Migrationspolitik auf Basis des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens: Es sind nicht gerade leichte Gesprächsthemen, die der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) bei seiner ersten Türkei-Visite zu adressieren hat. Maas dürfte sich daher besonders freuen, dass am Donnerstag mit seinem Besuch der Deutschen Schule in Istanbul ein auf den ersten Blick einfacher Tagesordnungspunkt auf der Agenda steht.

Schon alleine die Lage des 1868 ins Leben gerufenen "Alman Lisesi" zeugt vom Status der Bildungseinrichtung: Nur einen Steinwurf vom Goldenen Horn, in direkter Nähe zur Touristenattraktion Galata-Turm und der berühmten Einkaufsstraße "Istiklal-Caddesi" liegt die Deutsche Schule idyllisch in einer Nebenstraße des Istanbuler Künstlerviertels Galata. Seit 150 Jahren werden in der Schule vor allem die Nachkommen der Bessergestellten der türkischen Gesellschaft nach deutschen Bildungsstandards unterrichtet.

Heute ist die Schule aufgeteilt in die deutsche Botschaftsschule für deutsche Kinder und eine deutlich größere Privatschule für mehrheitlich türkische Schüler. Der Schwerpunkt der beiden Schulzweige, die am Ende des zwölften Schuljahrs mit dem Abitur enden, liegt auf Mathematik und Naturwissenschaften. Viele der Absolventen gehen anschließend zum Studium an Universitäten in Deutschland.

Schulen Austragungsort diplomatischer Verwerfungen

Der Besuch der Schule durch Maas hat nicht nur wegen des Verweises auf die langen historischen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland Symbolcharakter. Schulen mit engen Verbindungen nach Deutschland waren in den vergangenen Jahren immer wieder auch in den Strudel der angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Berlin geraten.

So hatte der deutsche Bundestag im Sommer 2016, trotz deutlicher Kritik aus der Türkei, in der sogenannten Armenien-Resolution die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als Völkermord eingestuft. Auf der kurz darauf stattfindenden Abschlussfeier für Absolventen des İstanbul Lisesi, einer weiteren Schule in Istanbul an der man das deutsche Abitur ablegen kann, bat der Schulleiter, Hikmet Konar, daraufhin den anwesenden deutschen Generalkonsul in Istanbul, Georg Birgelen, auf seine traditionelle Ansprache an die Abiturienten zu verzichten. Birgelen verließ die Veranstaltung aus Protest.

Nur knapp ein halbes Jahr später geriet die selbe Schule wieder in die Schlagzeilen. Im Winter 2016 hielten sich hartnäckige Gerüchte, die islamisch-geprägte Schulleitung wolle das Thema "Weihnachten" aus dem Curriculum streichen.

Türkei: Sonderrolle im Kulturaustauch

Aus der deutschen Politik hagelte es daraufhin Protest. Der Grünen-Politiker und Türkei-Kenner Özcan Mutlu äußerte seinen Protest über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Sehr empört zeigte sich auch der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im deutschen Bundestag, Omid Nouripour: "Ein Verbot des Themas Weihnachten an Schulen ist nicht hinnehmbar, erst recht, wenn sie von Deutschland mit finanziert werden", ließ sich Nouripour damals zitieren: "Die Bundesregierung muss dies Ankara gegenüber eindeutig klarmachen. Wenn die türkische Regierung darauf nicht eingeht, dann muss die Finanzierung für die Schule eingestellt werden."

Nouripour griff mit seiner Kritik die Sonderrolle auf, die die Türkei im deutschen Auslandsschulwesen einnimmt: Auf Basis des Kulturabkommens zwischen beiden Ländern unterrichten bis zu 80 deutsche Lehrer an bestimmten türkischen Schulen, alleine 35 davon an der Deutschen Schule in Istanbul. Diese Lehrer werden nicht nur von Deutschland entsandt, sondern auch bezahlt, wofür jedes Jahr ein Millionenbetrag fällig wird. Das Sagen hat an diesen Schulen dennoch die türkische Schulleitung, beziehungsweise das Bildungsministerium in Ankara. Dieses wiederum steht seit Jahren unter dem Einfluss der islamisch-konservativen Partei AKP von Präsident Erdogan.

Türkei | Außenminister Maas in der Türkei (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Dezidiert um freundliche Bilder bemüht: Heiko Maas und sein türkischer Amtskollege Mevlüt Cavusoglu in Ankara

Streit über Zweigstelle in Izmir

Dass die Behörden in der Türkei nicht davor zurückschrecken, Bildungseinrichtungen in den Strudel diplomatischer Verwerfungen zu ziehen, zeigt auch das Beispiel der Zweigstelle der Deutschen Botschaftsschule im westtürkischen Izmir. Die dortigen Behörden hatten Ende Juni 2018, zu Beginn der Sommerferien, die Schule geschlossen. Grund war ein schon lange schwelender Konflikt um die Schullizenz.

Pünktlich zum aktuellen Besuch des deutschen Außenministers konnte der Streit zwar geklärt werden und die Schule ihren regulären Betrieb wieder aufnehmen. Dennoch wird Heiko Maas das Thema bei seinem Besuch nicht ausklammern können. Und so wird er, noch nicht einmal ein halbes Jahr im Amt, in seiner Rolle als Außenminister schnell lernen müssen, dass sich im Verhältnis zur Türkei auch hinter vermeintlich einfachen Tagesordnungspunkten oftmals ganz und gar nicht einfache Sachverhalte verbergen.

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