Deutsche Firmen wollen Europas Jugend beschäftigen | Wirtschaft | DW | 21.07.2015
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Wirtschaft

Deutsche Firmen wollen Europas Jugend beschäftigen

In der EU sind mehr als fünf Millionen Jugendliche arbeitslos. Deutsche Unternehmen haben eine Initiative gestartet, die daran einiges ändern will. Aus gutem Grund. Ein Bericht von Sabine Kinkartz.

Etwas mehr als eine halbe Million Ausbildungsverträge wurden in Deutschland im vergangenen Jahr abgeschlossen. 37.000 Lehrstellen blieben jedoch unbesetzt, weil es zu wenig Bewerber gab. Das ist ein neuer Höchststand. Deutschen Unternehmen fällt es zunehmend schwerer, ihren Fachkräftenachwuchs zu decken. Gleichzeitig gibt es in der Europäischen Union mehr als fünf Millionen arbeitslose Jugendliche. In Spanien und Griechenland ist jeder zweite junge Mensch ohne Job, die Kosten für Arbeitslosenleistungen, Verdienst- und Steuerausfälle gehen in die Milliarden.

Seit Jahren wird versucht, möglichst viele arbeitslose junge Europäer nach Deutschland zu holen und dort zu beschäftigen. Ein Gewinn für beide Seiten, möchte man annehmen. Karl-Thomas Neumann, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG und Präsident von GM Europe, widerspricht: "Laufende Programme haben eine schlechte Bilanz: Zu viele brechen ab, zu wenige werden dauerhaft beschäftigt." Den Versuch, talentierte Kräfte nach Deutschland zu holen, bezeichnet er als "nicht nachhaltig erfolgreich".

Nachwuchs vor Ort fördern

Ein Grund sei sicherlich, dass viele Menschen gerne ihrem gewohnten Umfeld treu bleiben, sagt Neumann, der diese Feststellung nicht als Appell gegen Mobilität verstanden sehen will. Er sucht vielmehr nach erfolgversprechenden Alternativen, um das Problem anzugehen. "Wir werden es nicht schaffen, dass jetzt alle nach Deutschland kommen und dann bei uns arbeiten."

Deutschland Andrea Nahles und Karl-Thomas Neumann in Berlin

Bundesarbeitsministerin Nahles und Opel-Vorstand Neumann in Berlin

Im Frühjahr rief der Manager mit weiteren führenden Köpfen aus der deutschen Wirtschaft sowie einigen Stiftungen die europäische "InCharge-Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit" ins Leben. "Ich habe mir überlegt, was aus mir geworden wäre, wenn ich nach dem Studium keinen Job gefunden hätte, wieder bei meinen Eltern hätte einziehen und von der Hand in den Mund hätte leben müssen", begründet Neumann seinen Einsatz und reicht die Antwort gleich hinterher. "Ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin."

Es geht um Befähigung

"InCharge" will Jugendliche befähigen, einen Job zu finden, ihnen Motivation, Orientierung und Qualifikation bieten. Viele Jugendliche seien nicht dafür ausgebildet, im Arbeitsmarkt aktiv zu sein. Es mangele an "Beschäftigungsfähigkeit". Weder wüssten sie, wie man eine erfolgversprechende Bewerbung schreibe, noch hätten sie ein Konzept für ihre Zukunft. "Es geht darum, sein Leben in die Hand zu nehmen und nicht zu warten, dass etwas mit einem passiert", fordert der Opel-Vorstand. Dazu gehöre auch, Opfer zu bringen, vielleicht doch eine Zeit ins Ausland zu gehen mit der Aussicht, wieder zurück zu kommen.

Ende Juni fand im spanischen Saragossa der 1. Coaching Day der Initiative statt. Bereits zehn Tage nach der Ankündigung lagen mehr als 800 Bewerbungen vor. 420 Teilnehmer wurden eingeladen, die 23 Partnerunternehmen kennen zu lernen. Die Veranstaltung war in mehrere Blöcke eingeteilt, darunter Karrieregespräche, Interviews und Unternehmenspräsentationen, aber auch Workshops für Bewerbungen und Vorstellungsgespräche.

Duale Ausbildung in Saragossa

Es werde nichts versprochen, was die Initiative nicht halten könne. "Es geht nicht darum zu sagen, wir schaffen jetzt ein paar tausend Arbeitsplätze", sagt Neumann. "Es gibt viel Arbeit, es gibt viele Möglichkeiten und wir wollen die Menschen für die Arbeitsplätze in ihren Ländern qualifizieren." Kein Staat, keine Gesellschaft und kein Unternehmen könne über Bedarf Arbeitsplätze schaffen. Europäische Werke und Niederlassungen deutscher Firmen seien aber sehr wohl darauf angewiesen, vor Ort begabte Arbeitskräfte zu finden.

Von den jungen Bewerbern in Saragossa war Neumann sehr angetan. "Die waren total engagiert und fokussiert, die hatten in der Regel eine gute Ausbildung und als Unternehmer habe ich gleich gedacht, Mensch das sind Leute, die hätte ich gerne für die Zukunft in unserem Unternehmen." Eine Aussage mit praktischem Hintergrund. Opel betreibt in Saragossa ein Werk und möchte dort tausend Jugendlichen in den nächsten Jahren eine mit der deutschen dualen Ausbildung vergleichbare Berufsausbildung anbieten.

"Ein großer Anteil Eigennutz"

"Wir fühlen uns verantwortlich und suchen nach den richtigen Wegen", sagt Neumann und macht keinen Hehl daraus, dass dahinter auch strategisches unternehmerisches Kalkül steht. "Wir müssen in Zukunft immer mehr – und deswegen hat die ganze Initiative auch einen großen Anteil von Eigennutz – dahin gehen, wo die Talente sind." Die Entwicklungs- und Produktionsstätten deutscher Unternehmen müssten dort angesiedelt werden, wo die Arbeitskräfte zu finden seien.

Ein zusätzlicher Anreiz dürften die finanziellen Hilfen sein, die die EU jedem anbietet, der in Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit ausbildet oder Arbeitsplätze für Nachwuchskräfte schafft. Sechs Milliarden Euro ist allein das jüngste Förderprogramm der EU-Kommission schwer. Bislang wurden davon nur 900 Millionen Euro abgerufen.

Vieles funktioniert nicht

"Es bewegt sich noch viel zu wenig", klagt Bundesarbeitsministerin Andreas Nahles. Finanziert würden damit in der Regel auch nur Hilfen für Kleinst-Selbständige und Praktika. "Was hier angeboten wird, geht qualitativ darüber hinaus", begründet Nahles ihre Unterstützung für die InCharge Initiative der deutschen Wirtschaft. "Das ist etwas, was auch aktiv in den Ländern abgefragt wird." Die europäische Fördermechanik sei falsch aufgesetzt, kritisiert Neumann. "Wenn man fragt, warum in der EU Milliarden nicht abgerufen werden, dann kommt oft die Antwort, es gebe keine Ideen, keine Kompetenz und kein Engagement und das möchten wir einbringen."

Auch der Opel-Vorstand weiß aber nur zu gut, dass seine Initiative keine Wunder bewirken kann. Er könne nicht versprechen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in zwei Jahren bekämpft sei. "Das wird nicht passieren." Aber es könne etwas bewegt werden. In Spanien ist ein Anfang gemacht, Portugal soll Ende des Jahres folgen. Auch in Griechenland will die Initiative aktiv werden dort seien die Unternehmen wegen der derzeitigen Krise aber noch sehr abwartend.

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