Deutsche Firmen verzichten auf Iran-Geschäfte | Aktuell Welt | DW | 12.08.2018
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Trotz Garantien

Deutsche Firmen verzichten auf Iran-Geschäfte

Der Bundeswirtschaftsminister versucht, deutsche Firmen zu beruhigen. Die ziehen aber das lukrativere US-Geschäft dem Handel mit dem Iran vor. Ein Nahost-Experte warnt: Sanktionen unterstützen nur die Hardliner im Iran.

Iran 2008 Teheran Mercedes im Verkehr (Getty Images/AFP/A. Kenare)

Ein Mercedes in Teheran - auf absehbare Zeit ein seltenes Bild (Archivbild)

Die Fronten zwischen den USA und dem Iran sind weiter verhärtet: So erteilte der iranische Außenminister Mohamed Dschawad Sarif einem Treffen mit seinem amerikanischen Kollegen Mike Pompeo beim UN-Gipfel eine Absage. "Ein solches Treffen ist nicht geplant, weil die amerikanische Seite nicht aufrichtig ist", sagte Sarif. Sanktionen verhängen und dann Gespräche führen zu wollen, so wie die US-Regierung, das gehe gar nicht, so der iranische Chefdiplomat.

Die neuen US-Sanktionen gegen den Iran greifen jetzt seit vergangenem Dienstag. Der US-Präsident warnte direkt nach Verhängung der Sanktionen, dass wer mit dem Iran Geschäfte mache, keine Geschäfte mit den USA machen könne - eine unverhohlene Drohung. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier versuchte jetzt deutschen Firmen Mut zu machen. Der Minister äußerte sich kritisch zu den US-Sanktionen gegen den Iran, die die Geschäfte deutscher Firmen mit Teheran beeinträchtigen. "Wir lassen uns aus Washington keine Handelsbeziehungen mit anderen Ländern diktieren und stehen deshalb zum Wiener Nuklearabkommen, damit der Iran keine Atomwaffen produziert", sagte Altmaier der "Bild am Sonntag". "Jedes deutsche Unternehmen darf im Iran weiterhin investieren, so viel es möchte."

(picture-alliance/dpa/F. Motahari)

Da war die Stimmung noch gut: Business Center für deutsche Unternehmen im Iran

Große deutsche Unternehmen bemühen aber jetzt erst einmal den Taschenrechner und schauen, welches Geschäft ihnen wichtiger ist: Das US- oder Iran-Geschäft. Der Maschinen- und Anlagenbauer Dürr hat sich aus dem Land zurückgezogen. "Das Iran-Geschäft hat in den vergangenen Jahren angezogen. Nun haben wir unsere Aktivitäten vorerst eingestellt", sagte Finanzvorstand Carlo Crosetto der "Börsen-Zeitung". Mit zwei Großaufträgen im vergangenen Geschäftsjahr sei das dortige Geschäftsvolumen zwar "nicht kriegsentscheidend, aber eben auch nicht wenig".

Zuvor hatten bereits andere Unternehmen ähnlich reagiert. So hat Daimler seine Expansionspläne im Iran auf Eis gelegt. Auch der Tunnelbohrmaschinenbauer Herrenknecht gab wegen der US-Sanktionen gegen die Islamische Republik ein Millionenprojekt auf. Unternehmenschef Martin Herrenknecht sagte der Zeitschrift „WirtschaftsWoche“, dass die Firma auf einen Deal mit einem Auftragsvolumen von rund 20 Millionen Euro verzichtet hat. Geplant war, dass sie eine Vortriebsmaschine für den Bau eines großen Autotunnels im Iran ausliefern. 

Experte: Sanktionen stärken die Hardliner im Iran

Der Nahost-Experte Guido Steinberg glaubt, dass die iranische Führung trotz der US-Sanktionen dem Druck von außen und innen noch sehr lange standhalten wird. Die mögliche Strategie der USA, das Regime in Teheran zu erschüttern, werde deswegen nicht aufgehen, sagte Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Seit den größeren Protesten im Januar 2018 gebe es zwar immer wieder Demonstrationen im Land. "Aber die Iraner haben immer wieder klar gemacht, dass sie nicht bereit sind, tatsächlich grundlegende Änderungen zuzulassen."

YPG Syrien Guido Steinberg
( DW/M. Aqil
)

Nahost-Experte Guido Steinberg

Allerdings sei die iranische Führung gespalten, sagt Steinberg. Es gebe einerseits Leute, die für einen eher harten Kurs stünden. Andererseits hätten Menschen wie Staatspräsident Hassan Rohani ihre Wahlen gewonnen, weil sie auf Wirtschaftsreformen und eine Aufhebung der Sanktionen setzten. "Deren ursprüngliche Strategie ist aus meiner Sicht vollkommen zerstört worden durch die Amerikaner", sagte der Nahost-Experte.

"Die Situation im Land ist katastrophal", erklärte Steinberg - und nannte als Beispiele die Arbeitslosigkeit und die Abwertung der Landeswährung. Ein weiterer Indikator für die desolate wirtschaftliche Situation im Iran sind die afghanischen Arbeiter im Land. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind in den ersten sieben Monaten des Jahres mehr als 442.000 Afghanen aus dem Iran in ihre Heimat zurückgekehrt - mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. "Die Zahl der afghanischen Rückkehrer aus dem Iran ist 2018 beispiellos", sagt die IOM-Sprecherin Eva Schwörer. Ihre Organisation erwartet, dass die Zahl der Rückkehrer nach der Verhängung der US-Sanktionen noch weiter steigen wird.

nob/fab (dpa, rtr, afp)

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