Deutsche Firmen spüren Brexit-Auswirkungen | Wirtschaft | DW | 27.06.2018
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Brexit

Deutsche Firmen spüren Brexit-Auswirkungen

Wegen des kommenden Austritts der Briten aus der EU haben viele Unternehmen bereits Investitionen zurückgestellt und ihre Lieferketten geändert. Die Erwartungen an die Brexit-Verhandlungen sind von Skepsis geprägt.

Viele deutsche Unternehmen haben bereits jetzt mit Auswirkungen des geplanten EU-Ausstiegs Großbritanniens zu kämpfen. Das geht aus einer Brexit-Studie der Unternehmensberatung Deloitte hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Dafür wurden im Juni insgesamt 239 deutsche Großunternehmen mit wirtschaftlichen Beziehungen zum Vereinigten Königreich befragt.

Rund ein Drittel der Unternehmen hat demnach Investitionen wegen der hohen Unsicherheit zurückgestellt. Knapp die Hälfte hat bereits Lieferketten umgebaut. Mehr als zwei Drittel haben sich intensiv auf den Brexit vorbereitet.

Ein Freihandelsabkommen zwischen London und Brüssel gilt der Studie zufolge als wahrscheinlichstes Ergebnis der Brexit-Verhandlungen. Davon gehen 41 Prozent der Unternehmen aus.

Rund ein Viertel glaubt, dass die Brexit-Verhandlungen scheitern und das Land ohne Abkommen aus der EU ausscheidet. Mehr als die Hälfte rechnet für diesen Fall mit hohen oder sehr hohen Schäden für das eigene Geschäft.

Geringe Erwartungen

Nur 21 Prozent glauben, dass sich London und Brüssel auf eine Zollunion einigen werden. Dass am Ende der Brexit-Gespräche eine enge institutionelle Zusammenarbeit mit binnenmarktähnlichen Strukturen stehen wird, wagen nur 13 Prozent zu hoffen.

Die Zollunion garantiert freien Warenverkehr über Binnengrenzen hinweg. Voraussetzung sind aber gemeinsame Außenzölle - das kollidiert mit dem Anspruch der Brexit-Hardliner, eigene Handelsabkommen mit Ländern wie China, Indien und den USA zu schließen.

Großbritannien müsste die EU eigentlich am 29. März 2019 verlassen. Bis Herbst dieses Jahres soll ein Austrittsabkommen stehen. Doch dass dieser Zeitplan eingehalten wird, glaubt nicht einmal die Hälfte der deutschen Unternehmen. Die Verhandlungen waren zuletzt kaum vorangekommen. Ein Hauptstreitpunkt ist, wie an der künftigen EU-Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Staat Irland verfahren werden soll.

Appelle an London und Brüssel

Wegen der vielen Unklarheiten gewährt die EU dem Königreich eine Übergangsperiode bis Ende 2020. In der Zeit muss sich Großbritannien an EU-Regeln halten, bewahrt sich dafür aber den Zugang zum EU-Binnenmarkt und zur Zollunion.

Industrieverbände und Gewerkschaften haben an Großbritannien und die Europäische Union appelliert, die Brexit-Verhandlungen zu beschleunigen. "Wenn sich Großbritannien und die EU nicht einig würden, wären die Kosten für Unternehmen, Arbeiter und ihre Gemeinden bitter", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Verbände aus ganz Europa, einschließlich Großbritannien. Sie repräsentieren nach eigenen Angaben 45 Millionen Arbeitnehmer und 20 Millionen Arbeitgeber.

Gefordert seien nun messbare Fortschritte, vor allem in der Irland-Frage, heißt es in der Erklärung. Ziele seien unter anderem der Erhalt von Wertschöpfungsketten, ein reibungsloser Handel mit Waren und Dienstleistungen und eine Übereinkunft über vergleichbare Standards für Arbeitnehmerechte.

Bank of England beruhigt

Unterdessen sieht die britische Zentralbank die Geldhäuser auf der Insel auch für einen harten Brexit gut gerüstet. Die in Großbritannien tätigen Institute seien dafür ausreichend mit Kapital ausgestattet und bräuchten auch bei Turbulenzen an den Märkten keine zusätzlichen Mittel, erklärte der finanzpolitische Ausschuss (FPC) der Bank of England am Mittwoch.

Damit widersprach die Zentralbank den Einschätzungen der europäischen Bankenaufsicht EBA, die Anfang der Woche gewarnt hatte, dass britische Banken größere Defizite bei der Vorbereitung auf den Brexit hätten.

Die britische Lizenz, mit der viele internationale Banken aus Großbritannien heraus bisher in der ganzen EU operieren, droht mit dem Brexit ihre Gültigkeit als "EU-Pass" zu verlieren. Institute, die Lizenzen für die EU benötigen, sollen entsprechende Anträge vollständig bis spätestens Ende Juni einreichen. Nur dann kann laut der Europäischen Zentralbank (EZB) die Bearbeitung noch sicher bis zum Brexit-Datum abgeschlossen werden.

Premierminister Theresa May will erst nach dem EU-Gipfel in dieser Woche weitere Einzelheiten zu den Vorstellungen ihrer Regierung über die Beziehungen zur EU nach dem Austritt ihres Landes vorlegen. Die EU-Unterhändler haben die Fortschritte bei den Verhandlungen wiederholt als unzureichend kritisiert und gewarnt, die Zeit für eine gütliche Trennung werde knapp.

bea/ww (dpa, reuters)

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