Deutsche Firmen beklagen desaströsen Bieterwettbewerb | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 11.10.2013
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Amerika

Deutsche Firmen beklagen desaströsen Bieterwettbewerb

Die geplante Privatisierung von Flughäfen in Brasilien verärgert deutsche Bieter. Der Betreiber des Münchener Flughafens kritisiert die Ausschreibungsbedingungen der brasilianischen Regierung.

"Wir werden an dem desaströsen Bieterwettbewerb nicht teilnehmen", stellt Thomas Weyer, Mitglied der Geschäftsführung der Flughafen München GmbH, im Gespräch mit der DW klar. "Wir werden einen realistischen Preis bieten, und das werden andere nicht tun", prognostiziert er. Die Chancen, dass der Münchener Flughafenbetreiber bei der Versteigerung am 22. November den Zuschlag erhält, schätzt Weyer deshalb als "nicht allzu groß" ein.

Thomas Weyer, Geschäftsführer des Münchener Flughafens. (Foto: FMG)

Thomas Weyer kritisiert das Ausschreibungsverfahren

Die Flughafen München GmbH bewirbt sich gemeinsam mit dem Flughafenbetreiber aus Zürich und der brasilianischen Baufirma CCR um die Lizenz für den Betrieb der Flughäfen von Rio und Belo Horizonte. Weitere Bieter sind unter anderem die Fraport AG sowie die Betreiber der internationalen Flughäfen von London, Paris, Amsterdam, Houston und Singapur, die sich jeweils mit brasilianischen Bau- und Logistikunternehmen zu Konsortien zusammengeschlossen haben.

Filetstück der Privatisierung

Der Flughafen von Rio, nach dem internationalen Airport "Guarulhos" in São Paulo der zweitgrößte Luftverkehrsknoten im Land, ist bei den Bietern besonders begehrt. Nach Angaben der brasilianischen Luftfahrtsbehörde Anac werden dort jährlich 17,5 Millionen Passagiere abgefertigt. Bis 2038 könnte die Zahl auf 60 Millionen Passagiere steigen, wenn die dafür notwendigen Investitionen vorgenommen werden. Zum Vergleich: Am Flughafen Frankfurt wurden 2012 rund 57 Millionen Passagiere abgefertigt.

Die Bedingungen für die Teilnahme an der Ausschreibung wurden vor der Veröffentlichung in der vergangenen Woche mehrfach geändert. Zunächst war vorgesehen, dass mindestens ein Mitglied von jedem Bieter-Konsortium Erfahrungen beim Betrieb eines Flughafens in der Größenordnung von jährlich 35 Millionen Passagieren aufweisen muss. Mittlerweile sind die Anforderungen beim Flughafen Rio auf 22 Millionen und in Belo Horizonte auf zwölf Millionen Passagiere gesenkt worden.

Flughafen Antonio Carlos Jobim Rio de Janeiro (Foto: Getty Images)

Der Flughafen Antonio Carlos Jobim in Rio de Janeiro ist einer der größten Verkehrsknotenpunkte Brasiliens

"Durch die gelockerten Ausschreibungsbedingungen werden sich relativ viele Unternehmen beteiligen, deren Gewinn nicht im Betrieb von Flughäfen liegt, sondern in der Umsetzung von Baumaßnahmen“, kritisiert Finanzvorstand Thomas Weyer. Dies sehe übrigens der Betreiber des Frankfurter Flughafens, die Fraport AG, genauso.

Brasilianische Luftfahrtexperten schließen sich der Kritik teilweise an. "Ich glaube, in der ersten Runde der Privatisierung kam es zu Übertreibungen”, bestätigt Jorge Leal Medeiros, Professor für Luftverkehr an der Universität von São Paulo. "Die Anforderungen an die Erfahrungen der Betreiber waren gering“. Für Richard Lucht, Direktor der Fakultät für Werbung und Marketing (ESPM) in São Paulo, werden die Investitionen über den Zuschlag entscheiden. "Es kommt darauf an, wie die Pläne zum Ausbau der Flughäfen aussehen", erklärt er.

Flughäfen schlecht vorbereitet auf WM

Christusstatue und Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro (Foto: Getty Images)

Christusstatue und Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro

Der Bedarf an Investitionen ist in der Tat enorm. Ausgerechnet vor den sportlichen Großveranstaltungen, der WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016, stockt der Ausbau brasilianischer Flughäfen. So ist in Rio die Erweiterung der Terminals erst zu knapp 40 Prozent abgeschlossen, in der südbrasilianischen Metropole Porto Alegre ist mit den Umbaumaßnahmen noch nicht einmal begonnen worden. Schon jetzt ist absehbar, dass der staatliche brasilianische Betreiber "Infraero" nicht über die notwendigen Mittel zur Modernisierung verfügt.

Nach Angaben der brasilianischen Luftfahrtbehörde Anac sind zum Ausbau des internationalen Flughafens von Rio rund zwei Milliarden Euro notwendig. Beim Flughafen in Belo Horizonte beläuft sich das erforderliche Investitionsvolumen auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Der Mindestpreis für die Konzession von Rio liegt bei 1,6 Milliarden Euro, in Belo Horizonte beträgt er 365 Millionen Euro.

Bieter treiben Preise in die Höhe

Die starke Konkurrenz unter den Betreibern scheint die Privatisierung der Flughäfen für die brasilianische Regierung zu einem einträglichen Geschäft zu machen. Bei der ersten Privatisierungsrunde im Februar 2012, als die Konzessionen für die internationalen Flughäfen Guarulhos, Campinas und der Hauptstadt Brasília vergeben wurden, erlöste die brasilianische Regierung rund acht Milliarden Euro. Das Mindestangebot für alle drei Flughäfen zusammen hatte bei nur 1,8 Milliarden Euro gelegen.

Richard Lucht (Foto: Tamer PR-Agentur)

Luftfahrtexperte Lucht befürwortet die starke Bieterkonkurrenz

Bei der Privatisierung der Flughäfen von Rio und Belo Horizonte dürfen die Sieger aus der ersten Runde nun erneut mitbieten. Ihre Beteiligung ist allerdings auf 14,99 Prozent beschränkt, um eine Monopolbildung auf dem brasilianischen Markt zu verhindern. In München stößt diese Erweiterung des Bieterkreises auf harsche Kritik: "Ich muss ganz ehrlich sagen, dafür fehlt mir jegliches Verständnis", klagt Flughafen-Manager Weyer. "Wir hatten gehofft, dass die brasilianische Regierung aus der ersten Runde lernt", kritisiert der Flughafenmanager in Anspielung auf die brasilianischen Bau-Konzerne, die mit ihren Konsortien in Guarulhos, Campinas und Brasília zum Zuge gekommen waren.

Der brasilianische Luftfahrtexperte Lucht kann Weyers Kritik nicht nachvollziehen. "Für mich ist der Zuschlag für die Konsortien in der ersten Runde kein Problem, sondern eher eine Überraschung", erklärt er. Es gebe zwar eine "natürliche Besorgnis", ob diese Gruppen fähig seien, die Flughäfen über einen langen Zeitraum zu betreiben. Doch dies ist für den Luftfahrtexperten kein Grund zur Kritik. Seine Devise: "Wir müssen jetzt einfach abwarten, was passiert".

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