Deutsche Bank vor dem Aus? | Wirtschaft | DW | 29.08.2018
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Bankenbranche

Deutsche Bank vor dem Aus?

Banken im Umbruch: so das Motto eines Branchengipfels in Frankfurt. Ein Auftritt sorgte für besonderes Interesse: Der eines Analysten, der für die deutschen Banken eine rabenschwarze Zukunft voraussieht.

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Europa braucht nicht viele, sondern starke Banken

Der Auftritt dauerte keine sechs Minuten. Doch die hatten es in sich. Er wolle auf der Bankentagung in Frankfurt nicht der Buhmann sein, sagte Stuart Graham zu Beginn seiner kurzen Rede. "Ich muss ihnen aber sagen, dass fast alle meine Kunden das deutsche Bankwesen für keine gute Geldanlage halten." Wer hier spricht, hat Gewicht: Graham ist ein in der Finanzbranche hoch angesehener Analyst. Unter seinen Kunden aus dem Analystenhaus "Autonomous Research" befinden sich viele der potentesten Investoren der Welt. Und die zeichnen offenbar, wie Graham selbst, ein düsteres Bild des deutschen Bankwesens.

"Ihre niedrigen Aktienmarktbewertungen zeigen deutlich, dass Investoren große Bedenken bezüglich dieser Banken haben." Das wirklich düstere Szenario von Graham aber sollte erst am Ende seines Vortrages kommen.

Fintech vs klassische Banken

Einig sind sich alle darin, dass die Herausforderungen groß sind: Die Branche befindet sich in einem historischen Umbruch. Verursacher des Bebens ist die Digitalisierung. "Der Umbruch, den wir vor uns haben, wird alles in den Schatten stellen, was wir seit 1996 erlebt haben", sagt Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. 1996 - ein mehr oder weniger willkürliches Datum. Es war das erste Jahr der Handelsblatt-Tagung mit dem Titel "Banken im Umbruch".

Deutsche Bank - Hauptversammlung (picture alliance / Andreas Arnol)

Christian Sewing, seit März Chef der Deutschen Bank

Jedenfalls sind die Veränderungen enorm. Und in den vergangenen Wochen hat dies kaum etwas so deutlich gemacht wie der Aufstieg des Online-Zahlungsabwicklers Wirecard. Das Technologieunternehmen wird wohl kommende Woche die Commerzbank im Deutschen Aktienindex (Dax) ersetzen. Martin Zielke, der Chef der Commerzbank, nimmt das sportlich: "Das wird kaum nennenswerte Auswirkungen auf unser Geschäft haben. Wenn Sie mich fragen: Finde ich das schön? Nein, das finde ich nicht schön. Aber das ist auch eine Hilfe. Lassen wir uns das als Ansporn nehmen."

Wirecard wird im nächsten Monat aber nicht nur wahrscheinlich die Commerzbank im Dax beerben. Das 1999 gegründete Unternehmen hat auch die Deutsche Bank in Punkto Börsenwert überholt. Auch Deutsche-Bank-Chef Sewing spielt das herunter. Zwar habe das Münchner Unternehmen sich erfolgreich "in einer Nische des Zahlungsverkehrs eingenistet". Doch der Vergleich mit klassischen Banken hinke, er sehe das Fintech-Unternehmen nicht als Angreifer.

Zentrale der Wirecard AG (Imago/argum)

Firmenzentrale von Wirecard in Grasbrunn bei München

"Europa braucht starke Banken"

In der Tat ist Wirecard auf die Abwicklung von Online-Zahlungen spezialisiert und betreibt so nur einen Bruchteil der Aktivitäten, die Banken ihren Kunden bieten. Und an diesen Aktivitäten will Christian Sewing bei der Deutschen Bank festhalten:  Zwar sei es nicht sein Ziel, in allen Bereichen an der Weltspitze zu sein. Doch stehe die Deutsche Bank in bestimmten Bereichen weltweit international in Top-Positionen, etwa im Devisenhandel. Deshalb, und weil die vielen Firmenkunden es verlangten, müsse die Deutsche Bank auch weiterhin im zuletzt schwächelnden Investmentbanking aktiv bleiben. Vor allem aber müsse die globale Ausrichtung der Bank bestehen bleiben. "Diese globale Aufstellung, davon bin ich zutiefst überzeugt, ist heute für unsere Volkswirtschaft so wichtig wie seit dem Fall der Mauer nicht mehr."

Dabei ist für die Deutschbanker auch klar: "Der Konsolidierungsdruck in Europa wird noch erheblich zunehmen", Fusionen und Übernahmen im Europäischen Bankensystem würden also kommen. "Europa braucht nicht möglichst viele Banken, Europa braucht vor allem starke Banken." Kein Zweifel, dass Sewing die Deutsche Bank hier verortet.

Keine Zukunft für die Deutsche Bank?

Neben der Digitalisierung sind noch weitere Herausforderungen zu meistern: Etwa die niedrigen Zinsen, die politischen Krisen, Handelsstreitigkeiten, Rückbesinnung auf Nationalismus in vielen Regionen der Welt und aktuell die Probleme in der Türkei; ganz zu schweigen vom bevorstehenden Brexit. Doch beide Bankenchefs  versuchten, Zuversicht zu verbreiten. Die Commerzbank befinde sich auf gutem Weg in die digitalisierte Welt, die Deutsche Bank stünde so stabil da wie seit langem nicht, versicherte Sewing.

Da musste Stuart Graham dann doch wie ein Buhmann wirken. "Alle Segmente des deutschen Bankwesens dürften eine schwierige Zukunft haben", prognostizierte er. Die Sparkassen und Raiffeisenbanken, weil  deren Stärke in der Vergangenheit - zehntausende Filialen auch in kleineren Orten - in der digitalisierten Welt zunehmend zur Last fallen würden. Und die Großbanken wie Commerzbank und Deutsche Bank, weil einerseits die anhaltend niedrigen Zinsen im Euroraum an den Renditen knabbern.

Andererseits drohe Kostenmanagement und lange Entscheidungsprozesse den digitalen Wandel zu erschweren. "Insbesondere die Deutsche Bank ist in den nächsten ein bis zwei Jahren in einer gefährdeten Position und braucht eine positive Entwicklung der Weltwirtschaft und die Märkte auf ihrer Seite. Leider befürchte ich, dass das nicht der Fall sein wird."

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