Deutsch-griechische Literaturbegegnung in Berlin | Kultur | DW | 19.10.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Tagung

Deutsch-griechische Literaturbegegnung in Berlin

Vom 17. bis zum 21. Oktober lesen und diskutieren Autoren aus dem griechisch- und dem deutschsprachigen Raum. Man möchte sich vernetzen, um jeweils eigene Werke in der anderen Sprache zu veröffentlichen.

Großer Leseabend am Mittwochabend im Heimathafen Neukölln in Berlin. Auf den zwei Bühnen des Theaters lasen Dichter und Romanautoren aus ihren Werken vor. Die spektakulärsten Auftritte fanden wohl in der kleineren Studiobühne statt. Auf dem Programm stand performative Lyrik. Der in Athen lebende griechische Dichter mit tschetschenischer Abstammung Jazra Khaleed las seine wütenden Anklagen gegen Ungerechtigkeiten im heutigen Griechenland von einer scheinbar nicht endend wollenden Papierrolle ab.

Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit wechselte der in Frankfurt lebende Spoken-Word-Lyriker Dalibor Markovic in seinen Gedichten übergangslos zwischen Deutsch, Englisch, Kroatisch. Und während Katerina Iliopoulou ihren Gedichtszyklus "Passagen" vortrug, waren Geräusche eines fahrenden Schiffs zu hören. Auf der Eröffnungsveranstaltung des viertägigen Tagung "Syn_Energy Berlin_Athens" kam das Publikum auf seine Kosten. Rund 20 Schriftsteller, hauptsächlich Lyriker, aus Deutschland, Griechenland, Zypern, Österreich und der Schweiz nehmen daran teil.

Netzwerke schaffen

Die Veranstaltung ist eine Kombination aus Abendlesungen für das breite Publikum und Autorenkonferenz tagsüber. Es sind Schriftsteller, die einem breiten Publikum weniger bekannt sind und deshalb um so mehr bemüht sind, Wege und Formen zu finden, um ihre Werke zu veröffentlichen, aber auch um sie im Ausland bekannt zu machen. Für die Initiatorin der Tagung, Michaela Prinzinger, war die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ein entscheidendes Kriterium, um sie nach Berlin einzuladen: "Mich haben Autoren interessiert, die kollektiv arbeiten, die kooperativ denken. Solche, die nicht allein in ihrem stillen Kämmerlein sitzen und für die Schublade produzieren, sondern die sich in Gruppenbildungsprozesse einlassen."

Michaela Prinzinger (privat)

Veranstalterin Prinziger hofft, dass aus der Tagung Zusammenarbeit entsteht

Michaela Prinzinger ist seit Jahren auf diesem Pfad unterwegs. Die renommierte Übersetzerin von griechischer Literatur ins Deutsche hat, wie sie sagt, "aus purer Verzweiflung", dass sie kaum noch große deutsche Verlage für griechische Autoren interessierten konnte, 2014 die deutsch-griechische Internetplattform diablog.eu ins Leben gerufen.

Hier finden sich nicht nur Texte griechischer sondern auch deutscher Autoren, die in die jeweils andere Sprache übersetzt wurden. Für Michaela Prinziger ist es ein Achtungserfolg, dass in der Erzählanthologie "Gefährliche Ferien – Griechenland" des Diogenes Verlags Texte von diablog.eu übernommen wurden. Das sei aber keine Dauerlösung. Griechenland müsse sein Finanzierungsprogramm für Literaturübersetzungen in fremde Sprachen wieder aufnehmen. Wie so viele andere Fördermaßnahmen für Kultur, wurde in der Wirtschaftskrise auch dieses gestrichen.

Man arbeitet schon zusammen

Katerina Iliopoulou (DW/P. Kouparanis)

Setzt sich für die Übersetzung griechischer Texte ein: Katerina Iliopoulou

Als Brückenbauer versteht sich auch die Lyrikerin Katerina Iliopoulou. Mit sechs anderen griechischen Dichtern hat sie die halbjährlich erscheinende Zeitschrift Farmako (Medizin) gegründet. Hier werden Gedichte griechischer als auch Übersetzungen von Texten ausländischer Lyriker veröffentlicht. Doch Katerina Iliopoulou wollte umgekehrt auch, dass griechische Autoren im Ausland bekannt werden. 

Weil Sprache eine entscheidende Hürde ist, hat sie 2009 gemeinsam mit anderen die Internetplattform greekpoetrynow gegründet: "Dadurch versuchten wir, griechische Poesie im Ausland bekannt zu machen und auch weltweit mit Lyrikern in Kontakt zu treten, mit ihnen zu kommunizieren. Das hat sich bewährt. Es kam seither zu zahlreichen Begegnungen sowohl in Griechenland als auch im Ausland." Jetzt wolle man auch mit deutschen Autoren zusammenarbeiten.

Gut vernetzt 

Eine Adresse für deutsche Dichter in Griechenland ist die Athener Literaturzeitschrift Teflon. Sie hat sich einen Namen mit Autoren aus dem feministischen und der Szene der undogmatischen Linken gemacht. Ihr Mitherausgeber Jazra Khaleed ist auf Literaturfestivals weltweit unterwegs, seine Gedichte wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt. Seit vielen Jahren besteht ein reger Kontakt mit den Lyrikern der einstigen Dissidentenszene der DDR um den Ost-Berliner Dichter Bert Papenfuß. Man übersetzt Texte der jeweils anderen und veröffentlicht sie, lädt sich gegenseitig zu Veranstaltungen ein.

...und eine Ausnahme

Buchcover Alle Guten waren tot von Gerasimos Bekas

Gerasimos Bekas hat es geschafft. Sein Roman erscheint im November beim renommierten Rowohlt Verlag

Ein Sonderfall unter den eingeladenen Autoren auf der "Syn_Energy Berlin_Athens" ist Gerasimos Bekas. Er muss nicht nach einem deutschen Verleger suchen. Sein Erstlingsroman "Alle Guten waren tot" erscheint Ende November bei Rowohlt, einem der größten Verlagshäuser Deutschlands. "Den Verlag hat die Idee des Buches überzeugt", erklärt Bekas. "Ein deutsches Ehepaar adoptiert einen jungen Griechen, um auf diese Weise die Nazivergangenheit der Familie zu überwinden." 

Geholfen hat aber auch, dass Bekas als Kind eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter beide Sprachen perfekt beherrscht, er also nicht übersetzt werden muss. Überdies ist er in der deutschen Literaturszene kein Unbekannter. 2014 hat er den deutschsprachigen Literaturpreis Open Mike gewonnen. Er ist neben dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis der wichtigste Wettbewerb für deutschsprachige Literatur-Neuentdeckungen.

Veranstalter von "Syn_Energy Berlin_Athens" ist diablog.eu und das Literaturhaus Lettrètage. Gefördert wird die Tagung von dem Hauptstadtkulturfond und der Stavros Niarchos Foundation. Medienpartner ist die Deutsche Welle. 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links