Der wahre Preis für unsere Kleidung | Kultur | DW | 07.12.2018
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Ausbeutung in der Modeindustrie

Der wahre Preis für unsere Kleidung

Textilarbeiterinnen schuften unter brutalen Bedingungen. "60 Prozent der Kleidung wird nie getragen", sagt Gisela Burckhardt, Jurymitglied des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, der diesen Freitag verliehen wurde.

Internationale Textilfirmen werden häufig wegen der ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken kritisiert. Diese befinden sich mehrheitlich in Asien und beschäftigen überwiegend Frauen, die für wenig Geld arbeiten müssen. So können Bekleidungshersteller in Europa und den USA ihre Kosten niedrig halten.

Die Branche stand kürzlich erneut im Fokus. In einem Gerichtsverfahren in Deutschland wurde ermittelt, ob der Hersteller von Discountkleidung KiK für die schlechten Arbeitsbedingungen seiner Zulieferer in Pakistan verantwortlich gemacht werden kann.

Im Jahr 2012 wurden in der Textilfabrik Ali Enterprises in Karachi 258 Menschen getötet. Es ist der erste juristische Fall dieser Art, der in Deutschland stattfindet, und mit Spannung erwartet wird. Es wird entscheiden, ob Unternehmen für die Arbeitsbedingungen ihrer Lieferanten im Ausland zur Rechenschaft gezogen werden können.

Dr. Gisela Burckhardt von der Organisation FEMNET

Dr. Gisela Burckhardt von der Organisation FEMNET

Dr. Gisela Burckhardt, Direktorin von FEMNET, spricht im DW-Interview über die Herausforderungen und Möglichkeiten in der Textilindustrie. FEMNET ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Frauenrechte in der Branche in Asien einsetzt. Burckhardt ist außerdem Jurymitglied des diesjährigen Deutschen Nachhaltigkeitspreises, der am 7.12.2018 verliehen wurde.

DW: Was sind die größten Probleme für Frauen, die in der Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten?

Dr. Gisela Burckhardt: Die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche sind sehr schlecht. Es gibt Diskriminierung gegen Frauen, insbesondere in Indien und Bangladesch. Frauen werden sexuell belästigt und die Bezahlung ist sehr niedrig. Obwohl der Mindestlohn in Bangladesch im Dezember von etwa 60 Euro auf 85 Euro (im Monat) gestiegen ist, reicht das nicht für den normalen Lebensunterhalt. Deswegen müssen Frauen oft Überstunden machen, um zu überleben. Es gibt auch keine Gewerkschaften in den Fabriken. Wenn Arbeiterinnen versuchen, sich in Gewerkschaften zu organisieren, werden sie normalerweise vom Management bedroht und müssen die Fabrik verlassen. Das sind alles Probleme, die immer noch nicht gelöst sind.

Warum sind in dieser Branche mehr Frauen als Männer betroffen?

Etwa 80 Prozent der Arbeitskräfte in der Bekleidungsindustrie sind Frauen, mit Ausnahme von Pakistan. Die Industrie möchte Frauen einstellen, weil sie als fügsam gelten und sich nicht so leicht in Gewerkschaften organisieren. Sie können möglicherweise erst gar nicht zur Gewerkschaftsversammlungen gehen, weil sie zusätzlich noch viele häusliche Pflichten wahrnehmen müssen. Es ist eine sehr patriarchalische Gesellschaft in Indien und Bangladesch, daher sind Frauen daran gewöhnt, nicht so behandelt zu werden, wie es sein sollte - als Menschen. Das macht es auch in der Fabrik einfacher: Chefs schreien sie an und behandeln sie anders als Männer.

Wenn die Arbeitsbedingungen so schrecklich und die Löhne niedrig sind, was hält Frauen in dieser Branche?

Die Antwort ist einfach: die Armut. Es gibt nicht viele Arbeitsmöglichkeiten und es ist sehr schwierig für Frauen, in anderen Branchen einen Arbeitsplatz zu finden. Außerdem ist eine Arbeit in der Textilindustrie viel besser als zum Beispiel im Steinschliff oder in einem Haushalt als Hausmädchen, da die Gefahr besteht, dass Männer sie im Haushalt belästigen. In China beobachtet man den Trend, dass viele Frauen die Textilindustrie verlassen und in die Elektronikindustrie gehen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, weil sie dort besser bezahlt werden. Ich denke, es hängt sehr stark von der örtlichen Situation und den Möglichkeiten für Frauen ab, eine gut bezahlte Arbeit zu finden.

Deutschland - Anklage gegen Kik -Prozess nach Brand in pakistanischer Textilfabrik in Dortmund (picture alliance/ImageBROKER/J. Tack)

Klage gegen KiK: Brandopfer fordern Entschädigung

Das deutsche Textilunternehmen KiK arbeitete 2012 mit einem Lieferanten in Pakistan zusammen, dessen Fabrik in Brand geriet und in dessen Folge 258 Menschen starben. Glauben Sie, dass Unternehmen wie KiK für die Arbeitsbedingungen in ihren Tochter- oder Zulieferunternehmen im Ausland verantwortlich gemacht werden sollten? Und wenn ja, wie könnte das die Branche verändern?

Das ist ein besonderer Fall, da KiK mehr oder weniger der einzige Käufer in der Fabrik war. Das Unternehmen hatte 80 Prozent der Bestellungen, was sehr untypisch ist. Normalerweise deckt ein Unternehmen nur 5 bis 10 Prozent der Nachfrage in einer Fabrik ab. Diese Besonderheit bringt KiK mehr zu Verantwortung, weil die Firma mehr oder weniger der einzige Käufer war. Das Besondere daran ist, dass in Fällen von Menschenrechtsverletzungen, wie beim Brand, die Gerichtsbarkeit des Landes gilt, in dem die Rechtsverletzung stattgefunden hat. Der Käufer musste niemals die Verantwortung übernehmen. Es ist nun ein Präzedenzfall eingetreten, in dem sich das deutsche Gericht mit dem pakistanischen Gesetz befassen muss, um zu sehen, ob KiK zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ich denke, es liegt nicht nur im Interesse der Verbraucher und Arbeitnehmer, sondern auch im Interesse der Industrie selbst, ihre Pflichten zu kennen. Die Pflicht besteht darin, sich um die Arbeitsbedingungen in der Fabrik zu kümmern. Diese Sorgfaltspflicht müssen sie leisten und sie muss gesetzlich geregelt werden. Wenn ein Unternehmen wegen Verletzung seiner Pflichten verklagt werden kann, werden sich die Arbeitsbedingungen in den Fabriken meiner Meinung nach schnell ändern.

Welche weiteren Vorschläge hat FEMNET, wenn es um die Reform der Branche geht?

Bangladesch Unfall in Textilfabrik nahe Dhaka (picture-alliance/AP Photo/A.M. Ahad)

Ratlosigkeit, Wut, Trauer nach dem Unfall in der Textilfabrik in Bangladesch

Wir arbeiten in vielen verschiedenen Bereichen. Bei FEMNET unterstützen wir die Anwendung dringender Rechtsmittel, wenn in diesen Fabriken Unfälle oder Menschenrechtsverletzungen auftreten. Unsere Partner in den Produktionsländern wenden sich an uns, um zu sehen, welche Unternehmen in Deutschland Bestellungen aufgeben, und wir behandeln das Problem hier. Wenn sie nicht reagieren, machen wir den Fall normalerweise öffentlich, aber zuerst recherchieren wir gründlich, was passiert ist und wer bei diesen Arbeitsverstößen verantwortlich ist. Wir arbeiten auch im Bildungsbereich an 30 bis 40 deutschen Universitäten, um das Bewusstsein der Modestudenten und anderer zu schärfen.

Was können Verbraucher tun, um die Industrie nachhaltiger zu machen?

Zuerst darüber nachzudenken, ob man überhaupt neue Kleider braucht. Es gibt eine weltweite Überproduktion und 60 Prozent aller hergestellten Kleidungsstücke werden nicht einmal getragen - sie werden einfach weggeworfen. Lassen Sie uns also weniger konsumieren und dabei sicherstellen, dass die Kleidung unter besseren Arbeitsbedingungen und mit besserer Bezahlung hergestellt wurde. Außerdem können Sie zum Beispiel gebrauchte Kleidung kaufen. Und wenn Sie auf jeden Fall neue kaufen möchten, können Sie nach Kleidern suchen, die bestimmte Labels haben, wie Fair Trade und andere. Es gibt viele Zertifizierungen, die zu besseren Arbeitsbedingungen beitragen, auch wenn dafür nicht unbedingt eine Garantie besteht.

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