Der Schülerkiosk | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 14.01.2014
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Alltagsdeutsch – Podcast

Der Schülerkiosk

Für Schüler sind sie wichtig: Orte, an denen sie in der Pause ihren Hunger und Durst stillen können. Selten werden solche Kioske aber von Schülern selbst betrieben. Das em-Schülerfirmennetzwerk will das ändern.

Audio anhören 07:20

Der Schülerkiosk – die Folge als MP3

Schülerin:
„Käsebrötchen kostet ein Euro, und Multivitamin kostet auch ein Euro, Donut kostet 80 Cent, Wasser haben wir: 75 Cent.“

Sprecher:
Die Preise im Kiosk der Anne-Frank-Schule in der Nähe von Düsseldorf sind nicht zu hoch, egal, ob es sich um ein Glas Multivitaminsaft oder einen Donut, das süße, manchmal mit Schokolade überzogene Gebäck aus den USA, handelt. Kurz vor der Pause gehen die 14-jährige Schülerin und ihre Cousine, die heute im Kiosk arbeiten, noch mal die Warenliste durch. Denn wenn der Pausengong ertönt, ist vor dem kleinen Verkaufsfenster viel los, jeder will der Erste sein, der etwas bestellt.

Schüler / Schüler / Schüler / Schüler:
„Ein Geflügelbaguette. / Ein Schokocroissant und ein Tom Tom. / Wir haben gar kein Tom Tom. / Einen Durstlöscher bitte.“

Sprecher:
Die Schüler haben eine ganz eigene Sprache untereinander. Begriffe fliegen durch die Luft, die aber sofort verstanden werden, egal, ob es sich um ein langgestrecktes, knuspriges Weißbrot handelt, ein Baguette, das mit Geflügelwurst belegt ist, oder einen Schokoladenriegel, der Mr. Tom heißt. Und Durstlöscher sind normalerweise Getränke wie Mineralwasser. In diesem Fall ist es eine kleine Trinkpackung mit Saft, die so heißt. Die Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Schule, die sich für den Kiosk engagieren, machen alles selbst. Sie kümmern sich etwa um die Warenbestellung, füllen Lieferscheine aus, koordinieren ihre Dienstpläne und bringen die Einnahmen täglich zur Bank. Die Idee zur Pausenkiosk-Firma stammt von dem Betriebswissenschaftler Tim Breker. Er gründete Anfang 2011 das „em-Schülerfirmennetzwerk“. Sein Ziel ist es, vor allem Schülern unternehmerisches Denken und Handeln nahezubringen, die aus sozial schwächeren Familien kommen:

Tim Breker:
„Das ist, glaub' ich, aus meiner Sicht etwas, was heutzutage an Schulen noch sehr stark fehlt. Und dann ist es natürlich besonders cool, so was an ‘nem praktischen Projekt zu lernen.“

Sprecher:
Tim Breker findet es sehr gut, dass sich Schüler mit dem Thema Wirtschaft praktisch beschäftigen können. Zwei Jahre lang hatte er bei der Organisation „Teach First“ gearbeitet, die sich um die Schulbildung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Familien kümmert. Tim Breker unterrichtete damals als Hilfslehrer an einer Hauptschule. Hauptschulen sind noch in einigen deutschen Bundesländern ein Bestandteil des mehrgliederigen Schulsystems und werden von leistungsschwächeren Kindern besucht. Tim Breker erkannte damals sofort, woran es bei seinen Schülern mangelte: nicht nur an wirtschaftlichem Denken, sondern auch an Selbstvertrauen. Deswegen nannte er sein Schülerfirmennetzwerk auch kurz „em“, „einfach machen“. Der Begriff wird in der Umgangssprache verwendet, wenn viel darüber geredet wird, dass etwas getan werden müsste, dann aber doch nichts geschieht. „Mach's einfach!“ bedeutet in diesem Zusammenhang so viel wie: „Pack es an! Tue es! Setz es um!“ Und genau das will Tim Breker erreichen:

Tim Breker:
„Diese ‚Einfach-machen-Kultur‘, die ich an Schulen bringen möchte, das rührt einfach daher, dass sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern so ‘ne ‚Einfach-machen-Attitüde‘ fehlt aus meiner Sicht. Das heißt, Lehrer sind häufig so in diesem Hamsterrad Schule drin, dass sie gar nicht wirklich frei sind zu sagen: ‚Ich mach das jetzt einfach mal‘. Und auch bei den Schülern ist es so: Ihre Rolle in der Schule ist häufig nicht so, dass sie das Gefühl haben, sie hätten die Freiheit, das selber zu machen. Dann fehlt ihnen manchmal der Mut, und ja, ich finde, gerade für Hauptschüler ist es wichtig, dass man auch in praktischen Lernprojekten lernt.“

Sprecher:
Tim Breker stellte fest, dass Schülern und Lehrern oft die entsprechende Einstellung, die Attitüde, dafür fehlte, etwas selbst in die Hand zu nehmen. Seiner Meinung nach kommt, rührt, das daher, dass die Arbeitsbelastung sehr hoch ist und bestimmte Lehrpläne erfüllt werden müssen. Tim Breker verwendet in diesem Zusammenhang das Bild eines Hamsters, der sein Rad im Käfig laufend weiterdreht. Wer redensartlich in einem Hamsterrad drin ist, hat kaum Zeit für andere Dinge. Um immer mehr Unterstützung für sein Projekt zu finden, reist Tim Breker von Schule zu Schule und versucht, Rektoren von seinem Konzept zu überzeugen. Die Lehrer haben keine Extraarbeit, denn Tim Breker bringt den Acht- bis Zehntklässlern in einem Workshop das nötige wirtschaftliche Know-how bei. Die Ware bestellen sie bei ihm, und er gibt die Bestellung weiter. In einer ersten Testphase begleitet er die Schüler täglich. Später kommt er nur noch gelegentlich vorbei. An der Anne-Frank-Schule wurden 11.000 Euro im Schuljahr 2011/2012 eingenommen, eine Summe, die Tim Breker begeistert:

Tim Breker:
„Die Zahl lasse ich mir regelmäßig auf der Zunge zergehen. Davon werden dann sozusagen noch die Rechnungen bezahlt, und der Rest bleibt dann als Gewinn für die Schülerfirma. Und das ist von Schule zu Schule unterschiedlich, das sind in der Regel so zwischen 200 und 1000 Euro.“

Sprecher:
Tim Breker lässt sich redensartlich die Gesamtsumme auf der Zunge zergehen. Diese Redewendung wird dann verwendet, wenn jemand im übertragenen Sinn etwas sehr gut findet, es genießt. Die Schülerfirma und der Rektor entscheiden gemeinsam, was mit dem Gewinn geschieht, dem Geld, das nach Abzug aller Kosten übrig bleibt. Das kann ein Ausflug sein, ein Grillfest oder eine andere Aktivität. Und wie sehen die Schüler ihre Arbeit im Kiosk?

Schülerin / Schülerin:
„Es macht Spaß mit Kunden. / Ja, und es macht Spaß, wenn man sich in Mathe mehr fortbilden kann, weil ich will auch später Einzelhandelskauffrau werden. / Ja, das ist schon mal ‘ne gute Einübung.“

Sprecher:
Beide Schülerinnen sind mit Spaß bei der Sache und lernen noch etwas für ihre Zukunft. Die zweite Schülerin will eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machen. Zu dem Beruf gehört unter anderem die Beratung von Kunden, der Verkauf von Waren, aber auch die Arbeit in den Bereichen Personal und Rechnungswesen eines Unternehmens. Und da ist es gut, wie die zweite Schülerin sagt, wenn man Mathematik beherrscht. Eines müssen die „Jungunternehmer“ auch können. Mit enttäuschten Mitschülern umgehen können, wenn man beinahe „ausverkauft“ ist:

Schüler / Schüler:
„Eh, habt ihr noch Schokocroissant? / Nein, haben wir nicht. / Wir haben jetzt nur noch Thunfischbaguette. / Thunfischbaguette? Oh, ja, ja.“




Fragen zum Text

Was stimmt? Tim Breker hat das Schülerfirmennetzwerk gegründet, …
1. weil er Schülern wirtschaftliches Wissen und Selbstvertrauen vermitteln will.
2. weil Schulrektoren ihn gebeten haben, sein Know-how an Schüler weiterzugeben.
3. um benachteiligten Schülern Ausflüge zu ermöglichen.

Die Schüler bringen … täglich zur Bank.
1. den Gewinn
2. die Einnahmen
3. die Lieferscheine

Der Begriff „ausverkauft“ bedeutet, dass …
1. noch ausreichend von etwas vorhanden ist.
2. nichts mehr da ist.
3. etwas besonders preiswert verkauft wird.


Arbeitsauftrag
Erarbeitet in eurer Lerngruppe eine Bewerbung als Einzelhandelskauffrau beziehungsweise Einzelhandelskaufmann bei einem Supermarkt. In dieser Bewerbung sollte auch enthalten sein, dass ihr Erfahrungen bei der Arbeit in einem schulischen Pausenkiosk gesammelt habt.

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