Der russisch-türkische Gas-Deal und die Folgen | Europa | DW | 02.12.2014
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Europa

Der russisch-türkische Gas-Deal und die Folgen

Die Ankündigung des russischen Präsidenten Putin, statt der South-Stream-Pipeline eine neue Pipeline durch die Türkei zu bauen, birgt für Ankara auch das Risiko einer gesteigerten Abhängigkeit von Moskau.

Manchmal ist der Ort einer wichtigen Erklärung fast so bedeutsam wie der Inhalt. Wladimir Putin suchte sich die türkische Hauptstadt Ankara aus, um das Ende des South-Stream-Projektes mit der EU zu verkünden. Gleichzeitig gab Putin einen sechsprozentigen Preisnachlass für die Türkei bei Erdgaslieferungen aus Russland bekannt, ergänzt um eine um drei Milliarden Kubikmeter gesteigerte Liefermenge für Ankara sowie die Aussicht einer neuen Pipeline, um Gas über die Türkei nach Südeuropa zu schicken.

"Das ist ihre Sache"

South Stream, eine Pipeline von 2400 Kilometer Länge durchs Schwarze Meer von Russland nach Bulgarien, sollte aus russischer Sicht die bisher sehr wichtige Rolle der Ukraine als Transitland für Gasexporte zum wichtigen europäischen Markt schmälern. Doch die EU und die USA, die mit Moskau wegen der Ukraine-Krise über Kreuz liegen, sahen das Vorhaben skeptisch. Putin sagte dazu in Ankara, die Pipeline werde natürlich nicht gebaut, wenn Europa dies nicht wolle. "Das ist ihre Sache", kommentierte der russische Präsident eisig. Die Türkei dagegen sei für Russland ein "strategischer Partner".

Putin und Erdogan geben sich die Hand (Foto: REUTERS/Umit Bektas)

Geschäftspartner: Putin und Erdogan

Schon jetzt pumpt Russland allein durch die so genannte Blue-Stream-Pipeline jährlich bis zu 16 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Anatolien. Bei South Stream sollte es um noch viel mehr gehen: Über 60 Milliarden Kubikmeter sollten durch die Pipeline geschleust werden - etwa das Dreifache der Menge, die Russland bisher pro Jahr in die Türkei liefert. Ob diese Menge auch bei der von Putin angedeuteten Pipeline im Spiel sein wird, blieb zunächst unklar.

Pipeline vom Kaspischen Meer

Putins Plan könnte die geopolitische Bedeutung der Türkei als Energiekorridor weiter steigen lassen. Die Türkei baut derzeit zusammen mit dem befreundeten Aserbaidschan an der so genannten Transanatolien-Pipeline (Tanap), die Gas aus dem Kaspischen Meer nach Europa transportieren soll. Gleichzeitig ist die Türkei ein Transitland für wichtige Ölpipelines aus Aserbaidschan und aus dem Irak ans Mittelmeer.

Die von Putin angeregte Pipeline würde die Rolle der Türkei als Energie-Brücke zwischen Ost und West weiter stärken, meint der Energie-Experte Hasan Selim Özertem von der Denkfabrik USAK in Ankara. Allerdings sei das Projekt noch im Anfangsstadium, sagt Özertem im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Putins Erklärung war vor allem gegen Europa gerichtet", sagt er. "Die Botschaft lautete: 'Wir können auch anders.'" Nun müsse abgewartet werden, ob der politischen Ankündigung des russischen Präsidenten auch technische Vorarbeiten folgen würden. Die türkische Regierung betonte am Dienstag, die neue Pipeline werde aus ihrer Sicht kein Konkurrenz-Projekt zur Tanap-Rohrleitung sein.

Schon jetzt hohe Abhängigkeit

In türkischen Medien war am Dienstag bereits von einem neuen Bündnis zwischen der Türkei und Russland die Rede. Viel zu verdienen gebe es für Ankara an Putins Pipeline allerdings nicht, sagt der Wirtschaftsexperte Mustafa Sönmez. Derzeit nehme Ankara rund zwei Milliarden Dollar im Jahr an Transitgebühren für Gas und Öl ein, das seien nicht einmal zwei Prozent der türkischen Exportleistung, sagt Sönmez im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Grafik South Stream und Trans Adriatic Pipelines (Grafik: DW)

Russland spielt für die Gasversorgung Europas eine entscheidende Rolle

Dagegen könnte eine neue Pipeline die Abhängigkeit von Russland vergrößern. Schon jetzt gehört es zum Kurs der türkischen Regierung, politischem Streit mit Moskau mit Rücksicht auf die Gasimporte und die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zu vermeiden. So bezieht die Türkei rund 60 Prozent ihres Erdgases aus Putins Reich: "Schon jetzt ist die Türkei in Sachen Energie im hohen Grade von Russland abhängig", sagt Sönmez. Eine neue Pipeline würde die Bande zwischen Ankara und Moskau noch weiter stärken.

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