″Der Protest in Belarus ist kein Kurzstreckenlauf″ | Musik | DW | 04.09.2020
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Interview

"Der Protest in Belarus ist kein Kurzstreckenlauf"

Der Dirigent Vitali Alekseenok hat sich den Protesten in seiner Heimat angeschlossen und beteiligt sich täglich an einem Flashmob der Minsker Musiker.

Video ansehen 02:08

Belarus: Tichanowskaja bittet UN um Hilfe für Opposition

DW: Herr Alekseenok, Sie leben und arbeiten eigentlich in Deutschland. Derzeit sind Sie aber in Minsk - und das schon seit zwei fast Monaten. Was haben Sie in dieser Zeit beobachtet?

Vitali Alekseenok: Ich bin extra in meine Heimat geflogen, um bei den friedlichen Protesten dabei zu sein. Ich dachte, ich fliege für wenige Tage und blieb für mehrere Wochen. In den vergangenen zwei Monaten hat die belarussische Gesellschaft eine 180-Grad-Wende von Passivität und Lethargie hin zu Erwachen und Freiheitsbekenntnis vollzogen. So etwas hat keiner erwartet - auch ich nicht.

Video ansehen 00:49

Tausende Belarussen demonstrieren friedlich gegen Präsident Lukaschenko

Aber wie ist die Dynamik der Proteste? Flachen die nicht etwas ab?

Nein. Am vergangenen Wochenende waren nicht weniger Menschen auf der Straße als vor zwei oder vier Wochen. Es wird lediglich weniger international darüber berichtet. Eine andere Sache ist, dass wir verstehen, dass es keine "Sommerrevolution" geben wird, wie es sich vielleicht mancher gewünscht hat.

 Minsker Musiker stehen vor dem Nationalen Operntheater

Sinfonie der Freiheit: Protestaktion der Minsker Musiker vor dem Nationalen Operntheater

Der Wandel in Belarus ist kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon. Vor allem fehlt es uns an Strukturen. Wir brauchen unbedingt Institutionen wie den neu gegründeten Koordinationsrat der Opposition. Die staatlichen Strukturen müssen sich erneuern und mit der Gesellschaft zusammenwachsen. Und das wird über kurz oder lang geschehen.

Was macht Sie so sicher?

Der Veränderungswunsch ist sehr tiefgreifend und umfasst wirklich alle Schichten der Gesellschaft. Die Belarussen sind keine Menschen, die vorschnell handeln; sie gehen eher überlegt und geduldig vor, sind aber auch hartnäckig. Außerdem macht sich der ehemalige Präsident Lukaschenko mit jedem Tag unglaubwürdiger. Ich sage "ehemaliger", weil er für mich kein legitimer Präsident mehr ist.

Wie hat sich die Kulturszene von Belarus in der Protestbewegung positioniert?

Die Kulturszene stellt sich sehr geschlossen auf die Seite des Protests und verleiht ihm, wenn ich so sagen darf, auch eine ästhetische Dimension. Es gibt kaum Künstler, die noch die Regierung unterstützen - ob Musiker, Maler oder Schauspieler. Zahlreiche Kunstaktionen richten sich gegen die Polizeigewalt.

Musik gegen Gewalt steht auf dem Plakaten der Menschen, die auf eienr Treppe stehen

"Musik gegen Gewalt" steht auf den Plakaten der Musikerinnen und Musiker

Ich persönlich beteilige mich an den täglichen Flashmobs der Minsker Musiker: Man verabredet sich spontan über Social Media und spielt und singt jeden Tag an einem anderen Ort - als Zeichen der Solidarität, zur Unterstützung friedlicher Veränderungen, als Protest gegen Wahlfälschungen und Polizeigewalt.

Mal sind wir vor dem Konzerthaus oder der Staatsoper, mal woanders in der Innenstadt. Die Bandbreite des Repertoires reicht von belarussischen Volksliedern bis"Va, Pensiero", dem Gefangenenchor aus Verdis "Nabucco" - eben eine "Risorgimento" (politische Bewegung, Anm. d. Red.) auf belarussische Art. Mit Handys gefilmt, verbreiten sich die Videos dieser Auftritte dann über alle möglichen Kanäle und haben große Wirkung. Unter den Sängern sind auch Mitarbeiter der Philharmonie, der Oper Minsk, der Orchester der Stadt – dabei haben sie, im Gegensatz zu mir, der ich ja in Deutschland arbeite, einiges zu verlieren.

Vitali Alekseenok steht ovr der Philharmonie vor seinem Orchester und verbeugt sich Richtung Publikum

Vitali Alekseenok nach dem spontanen Konzert vor der Philharmonie in Minsk, 17. August 2020

Wie sehen Sie Ihre Rolle - als Künstler und als Bürger?

Ich bin zurzeit als Bürger, aber auch als Musiker dabei. Am 17. August habe ich eine Uraufführung der Minsker Komponistin Olga Podgajskaja bei einem der spontanen Konzerte vor der Philharmonie dirigiert - vom Blatt, denn für Proben gab es weder Zeit noch Gelegenheit.

Es ist eine Vertonung des neuen Gedichtes "Am Ufer der Freiheit" des Minsker Dichters Andrej Khadanovitch, eine vor wenigen Tagen entstandene Antwort beider Künstler auf die Ereignisse der letzten Wochen.

Vor allem sehe ich meine Rolle aber auch darin, als Beobachter und Chronist dabei zu sein. Ich sammle Material über den belarussischen "Kulturprotest" für ein Buch, das, wenn alles gut läuft, schon Ende dieses Jahres beim S. Fischer-Verlag erscheinen wird.

Menschen knien auf der Straße und halten ein Banner: Wir sind mit euch

"Wir sind mit euch": Solidaritätsaktion vor dem Kupala-Theater in Minsk

In diesem Buch bleibt bestimmt auch die Geschichte des Janka-Kupala-Nationaltheaters in Minsk nicht unerwähnt.

Sicher, das ist ein Beispiel der Solidarität der Kulturszene, aber auch der Unfähigkeit des Lukaschenko-Regimes, einen Dialog mit der Gesellschaft zu führen. Der Intendant dieses ältesten und renommiertesten Theaters von Minsk, Pawel Latuschko, ein ehemaliger Staatsbeamter, wurde wegen seiner Kritik an der Polizeigewalt und Beteiligung an Protestdemonstrationen entlassen.

Demonstranten in Minsk

Kein Weg zurück: Proteste in Belarus, 30. August 2020

Daraufhin haben zahlreiche Schauspieler und Mitarbeiter des Theaters von sich aus gekündigt. Der belarussische Kultusminister Pavel Bondar unternahm einen Versuch, in diesem Konflikt zu vermitteln, musste aber unverrichteter Dinge abziehen. Jetzt ist das Kupala-Theater nur ein leeres Gebäude. Mit Sicherheit wird das Ensemble künftig aber an einem anderen Ort spielen.

Ihr Landsmann, der Schriftsteller Viktor Martinowitsch, hat in seinem jüngsten DW-Interview vor einem "verfrühten Beerdigungs-Karneval" in Belarus gewarnt.

Er hat Recht. Es ist noch ein weiter Weg. Noch haben wir nichts zu feiern.

Vitali Alekseenok, 29, ist in Weimar und München zu Hause, wo er als Chefdirigent und musikalischer Leiter des Abaco-Orchesters der Universität tätig ist. Als Preisträger des MDR-Dirigierwettbewerbes 2018 leitete er bereits das MDR Sinfonieorchester, die Staatskapelle Weimar und andere bedeutende Klangkörper.

Das ganze Interview mit Viktor Martinowitsch ist auf dem YouTube-Kanal "DW Books" zu sehen.

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