″Der nackte König″: Im Sog der Revolution | Kultur | DW | 11.02.2021
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Dokumentarfilm

"Der nackte König": Im Sog der Revolution

Was hat im Iran und in Polen zum Aufstand der Massen geführt? Was ist von der Revolution geblieben? Andreas Hoessli geht dem in seinem Dokumentarfilm nach.

Iranische Mädchen mit Kopftuch lächeln in die Kamera.

Gesichter, wie hier im Iran, spielen eine große Rolle in "Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution"

"Die Revolte ist ein Abenteuer des Herzens", sagt Reporter-Legende Ryszard Kapuściński (1932-2007) in das Mikrofon. Das Fernseh-Interview findet bei ihm zu Hause statt, in seinem Arbeitszimmer, inmitten von Büchern und Materialstapeln. Regisseur Andreas Hoessli montiert in seinem sehr politischen Dokumentarfilm "Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution" immer wieder Gesichter - in Interviews, historischen wie aktuellen. Entstanden ist ein Zeitpanorama der Umbrüche in Polen und im Iran: "Das Mensch-Sein in Zeiten der Revolution.  

Der polnische Reporter Ryszard Kapuściński wird von einer TV-Journalistin interviewt.

Reporterlegende: Der Schriftsteller Ryszard Kapuściński (1932-2007) machte literarische Reportagen salonfähig

Der Film erzählt von dem Schriftsteller Kapuściński, der 1978 nach Teheran reist, um als Reporter über die iranische Revolution zu berichten. Die Geschehnisse dort werden ihn beschäftigen - bis der Aufstand der Werftarbeiter 1980 auch sein Heimatland Polen verändert. Regisseur Hoessli verschränkt immer wieder die revolutionären Geschehnisse in beiden Ländern.  Dazwischen Auszüge aus den literarischen Reportagen von Kapuściński als Textbrücken.

Im Visier der Geheimdienste

Hoessli kannte Ryszard Kapuścińsk persönlich. Von 1978 bis 1980 hatte er als Forschungsstipendiat in Warschau gelebt und war viel im Land herumgereist: "Er war eine Art Mentor für mich, in allem", sagt der Filmemacher im DW-Gespräch. Die Massenstreiks in Polen, die revolutionären Umbrüche, die Euphorie im Land, das Ringen der Gewerkschaftsbewegung um Demokratie, all das hat Hoessli aus nächster Nähe miterlebt.

Schnell gerät der ausländische Journalist, der auch Kontakte zu polnischen Oppositionellen hat, ins Visier der Geheimdienste. Dass er damals beobachtet wurde, weiß Hoessli definitiv erst, seit er in polnischen Archiven seine Akte unter dem Decknamen "Figurant Hassan" fand und studiert hat. Seine eigene Spurensuche verwebt er in diesem eindrucksvollen Dokumentarfilm mit Zitaten aus literarischen Reportagen von Kapuściński.

Hunderte von Menschen drängen sich dicht an dicht in einem Park-Hochhaus in Teheran.

Revolutionärer Aufbruch eines Volkes: Massenproteste in der iranischen Hauptstadt Teheran (1978)

Die iranischen Revolutionsjahre

Mehrfach reist der Regisseur in den letzten Jahren für diesen Film in den Iran: zu Recherchen, für Interviews, zu Dreharbeiten. Historisch interessante Gesprächspartner holt er vor die Kamera: den Journalisten Paris Rafie, der von Angst und Unterdrückung erzählt, den Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, der vor Mordanschlägen des Geheimdienstes nach Italien flüchten musste, die junge Filmemacherin Negar Tahsili, die in Fotoarchiven den Spuren der iranischen Revolution von 1978 nachgeht.

Hoessli befragt auch Mohsen Rafiqdoost: Der Fahrer sollte Ayatollah Khomeini nach dessen Rückkehr aus dem Exil am 1. Februar 1979 vom Flughafen Teheran in die Stadt bringen. Das Fahrzeug blieb im Andrang der begeisterten Menschenmassen liegen, Khomeini musste mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden. Rafiqdoost erzählt von diesen Stunden, als wäre es gestern gewesen. Ein sehr authentischer Zeitzeuge der iranischen Revolution, die den vorherigen Herrscher, den Schah von Persien, Anfang Januar 1979 außer Landes trieb.

Ayatollah Khomeini sitzt mit einem Turban bekleidet vor einem Mikrofon und hebt mahnend den Zeigefinger.

Am 1. Februar 1979 kehrte Ayatollah Khomeini aus seinem Pariser Exil zurück.

Stillleben des Großstadtalltags

Drei Mal wird der Filmemacher im Iran verhaftet. Und wieder freigelassen. Um welchen der vielen iranischen Geheimdienste es sich handelt, weiß er bis heute nicht. Die Bilderwelten, die er in dem tief religiösen Land mit der Kamera festhält, sind eindrucksvoll und ungewöhnlich: künstlerische Filmstills, ruhige Momentaufnahmen von Gesichtern, nächtlichen Straßenfluchten, belebten Großstadtboulevards.

Die Suche nach der "Schönheit des Unbestimmten" treibe ihn an: "Ich selbst gehe auf Menschen zu, suche in ihren Gesichtern: Was spielt sich in deren Köpfen ab?", sagt Hoessli im Gespräch mit der DW. " Wie drückt sich diese Geschichte der Revolutionen in den Augen, in den Gedanken, auch in dem was gesprochen wird, aus. Wie drückt sich Geschichte in der Gegenwart aus – das ist ein wichtiges Thema für mich."

Zwei junge Frauen mit schwarzem Kopftuch schauen freundlich in die Kamera.

Mutige Frauen spielten in der Zeit der Revolution 1978/79 eine wichtige Rolle im Iran.

Persönliche Spurensuche in Polen

In Polen drängt sich ein anderes Thema in den Vordergrund. "Während der Recherchen zu diesem Film habe ich Einsicht in die Akten des polnischen Geheimdienstes über meine Person beantragt", erzählt er. "Ich fand ausführliches Material, seltsames Material. Ausdruck einer hochgradigen Hilflosigkeit, von der die staatlichen Organe angesichts einer sich anbahnenden Revolution erfasst wurden." 

Der Regisseur konfrontiert vor laufender Kamera seine damaligen Überwacher - bis hin zum polnischen Ex-Geheimdienstchef, der in seinen eisblauen Augen, die an Glasmurmeln erinnern, keinerlei Regung erkennen lässt - mit Fragen zu Sinn und Struktur des überdimensionierten Überwachungsapparates im damaligen Polen.

Ein Mann im blauen Kittel zieht einen Aktenordner aus dem Regal.

Ob polnisches Geheimdienst-Archiv oder Stasiunterlagen-Behörde: die Sammelwut der Dienste kannte kein Maß

"Was ich als Student hätte anrichten können, stand in keinem Verhältnis zu der Tatsache, dass man einen Menschen 24 Stunden lang am Tag beobachtet und observiert", konstatiert er im DW-Interview. "Und dass man dafür zwölf Beamte braucht, die nur auf diesen einen Menschen angesetzt sind. Das hat für mich etwas Absurdes. Und deutet eher darauf hin, dass dieser Geheimdienst nicht mehr sehr effizient war."

"Solidarność": Aufbruch zur Demokratie in Polen

Schwarz-weiße Archivaufnahmen, gedreht von Kameramann Jacek Petrycki, erzählen vom politischen Umbruch Anfang der 1980er-Jahre in Polen: "Ich sehe Männer, in Gruppen, auf dem Werftgelände von Gdansk. Niemand skandiert Parolen, auf den Strassen sind keine Protestmärsche zu sehen, keine erhobenen Fäuste, nur nachdenkliche Gesichter", ist im Film zu hören.

Schwarzweißfilmstill zeigt zwei Männer, die durch eine Scheibe blicken.

Die Kraft der Soldarität: Massenproteste polnischer Arbeiter fordern Demokratie und Streikrecht.

Petrycki berichtet im Interview mit Regisseur Andreas Hoessli , dass die Menschen überall im Land auf einmal über Dinge sprachen, die man vorher nur hinter verschlossen Türen austauschte. "Diese Arbeiter sprachen über die Zensur in Polen, über Streikrecht, was außergewöhnlich war." Am 31. August 1980 wird das Abkommen von Gdansk unterzeichnet: "Dies ist die Stunde Null der unabhängigen Gewerkschaft namens Solidarność", feiert die ausländische Presse das historische Ereignis. Streikführer Lech Walesa wird zum Volksheld.

Im polnischen Fernsehen wird kaum darüber berichtet. Innerhalb von drei Monaten treten zehn Millionen Arbeiter und Angestellte als Gewerkschaftsmitglieder Solidarność bei - fast ein Drittel der Bevölkerung Polens. Das war revolutionär.

Hoessli hat diese Umbruchzeit miterlebt. "Die Streikenden haben im Sommer 1980 die Betriebe besetzt. Sie blieben einfach in den Betrieben, es gab keine Straßendemonstrationen", erinnert er sich. "Das war eine bewusste Entscheidung, denn zehn Jahre zuvor hatten Armee und Polizei in Polen auf demonstrierende Arbeiter geschossen, es gab hunderte von Toten."

Werftarbeiter in Polen tragen Streikführer Lech Walesa auf den Schultern.

Lech Walesa, Streikführer der Werftarbeiter, wird in Polen 1980 als Held gefeiert.

Niederwalzen der Demokratie-Bewegung

Anderthalb Jahre später ist alles vorbei: Am 13. Dezember 1981 rollen Panzer auf die besetzten Stahlwerke und Werften zu, die Regierung verhängt das Kriegsrecht. Die Gewerkschaft Solidarność wird verboten, ihre Anführer verhaftet. Im August 1982 filmt ein Passant auf einer verbotenen Demonstration in Warschau, wie ein flüchtender Mann von einem Militär-LKW einfach überfahren wird.

Die Bilder von den Massenprotesten in Polen und im Iran haben sich tief ins Gedächtnis der Welt eingebrannt. Die aktuellen Geschehnisse in Myanmar, Hongkong und anderswo nehmen sie wieder auf: Revolutionäre Umbrüche, die die ganze Welt betreffen. Das zeigt dieser Dokumentarfilm in aller Deutlichkeit.

Panzer rollen in die besetzten Betriebe, die Streikführer werden verhaftet.

Brutaler Militäreinsatz in Polen: Die Streikführer der Proteste werden verhaftet.

"Der nackte König. 18 Fragmente über Revolution" (CH/PL/D, 2021), Regie. Andreas Hoessli, ab 11.2.2021 im W-film Online-Kino zu sehen - dem 42. Jahrestag der Iranischen Revolution.

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