Der Herbst | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 29.10.2013
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Alltagsdeutsch – Podcast

Der Herbst

Das Laub raschelt unter den Füßen, Kinder lassen Drachen steigen, Erntedankfeste werden gefeiert, manchmal grüßt der Altweibersommer noch mal. Der Herbst könnte so schön sein, wenn der nahende Winter nicht wäre.

Zitator:
„Wenn Blätter von den Bäumen stürzen,
die Tage täglich sich verkürzen,
wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen
die Koffer packen und verreisen,
wenn all die Maden, Motten, Mücken,
die wir versäumten zu zerdrücken,
von selber sterben – so glaubt mir:
es steht der Winter vor der Tür!
Ich lass ihn stehen! Ich spiel ihm einen Possen!
Ich hab die Tür verriegelt und gut abgeschlossen!
Er kann nicht rein! Ich hab ihn angeschmiert!
Nun steht der Winter vor der Tür
und friert!“

Sprecher:
Der 1979 verstorbene deutsche Humorist, Dichter und Schauspieler Heinz Erhardt drückt in seinem Gedicht das aus, was viele Menschen fühlen, wenn der Herbst gekommen ist: Trauer darüber, dass es unter anderem abends früher dunkel wird, die Tage sich verkürzen, und der Winter naht, vor der Tür steht. Der Dichter kümmert sich aber nicht darum, er versucht, die kalte Jahreszeit mit einem Trick zu täuschen, sie zu überlisten, sie anzuschmieren. Oder wie es in veraltetem Deutsch heißt, ihr einen Possen zu spielen, Unfug mit ihr zu treiben. Der dichterischen Freiheit stehen die reinen Fakten entgegen. Auf der Nordhalbkugel der Erde beginnt der kalendarische Herbst am 22. oder 23. September und endet offiziell am 21. oder 22. Dezember. Das Wetter hält sich jedoch selten an den Kalender. Was verbinden Menschen in Deutschland mit dem Herbst?

O-Töne:
„Der Herbst ist für mich ein einziger Farbenrausch. / Ja, also der Herbst. Ja, man sagt ja so: ‚Der goldene Herbst', also die Farben, das Gelbe, das Orange, das Rote, die Farben der Blätter verändern sich. Wenn ich mir was nicht durch die Lappen gehen lasse, dann ist das so 'n schöner Herbstspaziergang. Wenn 's dann natürlich über Wochen dann schlechtes Wetter ist, bin ich auch ziemlich gerädert.“

Sprecher:
Für die beiden Frauen ist das Besondere am Herbst, dass die Blätter schön bunt gefärbt sind. Die erste Frau fühlt sich wie in einem Rausch, einem Zustand großer Freude. Die zweite Frau erwähnt die umgangssprachliche Bezeichnung vom „goldenen Herbst“. Sie bezieht sich damit auf die gelbe und orange Farbe der Blätter, die im Sonnenlicht wie Gold schimmern. Grund für die Blattverfärbung ist, dass das Blattgrün, das Chlorophyll, verschwindet und sich erst im Frühjahr wieder bildet. Den Anblick dieser herbstlichen Farben sollte man sich auf keinen Fall entgehen – oder wie es redensartlich heißt – durch die Lappen gehen lassen. Die Redensart beruht darauf, dass Jäger früher bunte Lappen zwischen Bäumen aufhängten, vor denen sich das Wild fürchtete. So wollte man es daran hindern, aus dem Jagdrevier zu fliehen. Doch manchmal durchbrachen die Tiere die Absperrung, sie gingen durch die Lappen, sie entkamen. „Herbst“ bedeutet allerdings auch viel Regen und Herbststürme. Bei einem so trüben Wetter lässt die Energie nach, man fühlt sich müde und schlapp, wie gerädert. Dieser Ausdruck wurzelt in der grausamen mittelalterlichen Todesstrafe des Räderns, bei der einer Person zunächst die Knochen gebrochen wurden, damit sie auf ein großes Wagenrad gebunden werden konnte. Oder man fühlt sich wie dieser Mann:

O-Ton:
„Ja, der Sommer ist vorbei, die Energie lässt nach, es wird früher dunkel. Und man hat so 'n Schachmattgefühl dann irgendwie. Schön wär' am Herbst, wenn wir noch 'n netten Altweibersommer kriegen würden.

Sprecher:
Menschen, die das Gefühl haben, nichts mehr tun, sich nicht mehr bewegen zu können, vergleichen diese Empfindung mit der Figur des Königs in einem Schachspiel. Wird er vom gegnerischen Spieler Schachmatt gesetzt, kann kein weiterer Spielzug mehr gemacht werden. Das Spiel ist beendet. Manchem bleibt bei einem so trüben Wetter nur die Hoffung auf einen Altweibersommer, also eine Schönwetterperiode im Herbst. Woher der Ausdruck genau kommt, ist nicht ganz sicher. Er bezieht sich wohl auch auf die im Herbst herumfliegenden Spinngewebe, die im Volksglauben als Gespinst von Elfen und Zwergen angesehen werden – oder auch als Mariengarn vom Gewand der Muttergottes. Die Jahreszeit „Herbst“ wird manchmal auch in übertragener Bedeutung verwendet:

O-Ton:
„Man vergleicht die Jahreszeiten auch gerne mit dem Lebensalter. Kindheit im Frühjahr und so. Ich selbst stehe jetzt im Herbst meines Lebens und fühle mich pudelwohl.“

Sprecher:
Der Herbst des Lebens bezieht sich auf das fortgeschrittene Lebensalter einer Person, etwa ab dem 65. Lebensjahr. Dieser Frau geht es trotzdem richtig gut. Sie fühlt sich redensartlich pudelwohl. Der Begriff geht zurück auf die Hunderasse „Pudel“. Früher waren Pudel darauf spezialisiert im Wasser zu jagen. Sie fühlten sich im Wasser sehr wohl, pudelwohl. Der Herbst ist auch die Zeit der Feste, nämlich des Erntedanks und der Weinlese.

O-Töne:
Erntedankfest ist bei uns im Dorf der Höhepunkt im Herbst. Da stellen wir schon so Einiges auf die Beine. Und das Größte ist wirklich, wenn dann die Freiwillige Feuerwehr zum Tanz aufspielt. / Also, ich war schon mal bei 'ner Weinlese dabei. Das ist echte Knochenarbeit, aber irgendwie muss man sich dann immer erst mal die Sporen verdienen. Vorher kann man auch den Wein nicht genießen. Und so 'n edler Tropfen, das ist dann schon was Feines.“

Sprecher:
Zum Erntedank gibt es regionale, verschiedene Feste, es wird viel veranstaltet, auf die Beine gestellt. So organisiert etwa die örtliche Freiwillige Feuerwehr Tanzveranstaltungen. In ihr sind Feuerwehrleute engagiert, die zum größten Teil aus Männern und Frauen besteht, die dort neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit ehrenamtlich arbeiten. Bunt geschmückte Traktoren fahren durch die Straßen, die Erntekronen transportieren. Traditionell wird dafür aus Getreide oder Weinreben eine Krone geflochten. Auf Tischen, Schubkarren, an Straßenrändern werden Feldfrüchte, Getreide und Obst kunstvoll präsentiert. Auf den Feldern stehen große Stroh- oder Heupuppen, die die Menschen willkommen heißen. Auch in den Kirchen wird Erntedank gefeiert. Regional finden kirchliche Umzüge, sogenannte Prozessionen statt. Was auch zum Herbst gehört ist die Weinlese. Die Arbeit in den Weinbergen, bei der die Weinreben von Hand geerntet werden, ist eine schwere Arbeit – oder wie es die zweite Frau umgangssprachlich formuliert – Knochenarbeit. Allerdings muss erst gearbeitet werden, man muss sich erst die Sporen verdienen, bevor man sich den Lohn abholen kann. Diese Redensart spielt auf den alten Ritterbrauch an, jungen Helden beim Ritterschlag goldene Sporen anzuschnallen. Und der Lohn nach der Weinlese, etwas Feines, Besonderes, ist es, einen leckeren Wein, einen edlen Tropfen, zu trinken. Im Herbst haben auch die Kinder ihren Spaß:

O-Töne:
„Im Herbst kann man Drachen steigen lassen und dann kann man auch Kastanien sammeln und daraus Tiere basteln. / Und es ist voll cool, wenn überall Blätter liegen und das so raschelt, wenn man dann rein springt. / Ja, und an Halloween, da verkleiden wir uns und ziehen von Haus zu Haus. Und das macht auch vollen Spaß.“

Sprecher:
Kinder haben Freude daran, sowohl selbstgebastelte als auch gekaufte Papier- oder Plastikdrachen in die Luft steigen zu lassen, denn im Herbst ist es oft sehr windig. Oder sie sammeln die braunen Früchte der Kastanienbäume und basteln aus ihnen mit Streichhölzern Figuren und kleine Menschen. Vor allem bei Kindern ist auch das Halloween-Fest, das eigentlich über die USA aus Irland zu uns kam, seit vielen Jahren sehr beliebt. Mit Masken und bösen Fratzen von Hexen und Geistern verkleidet, ziehen Kinder von Haus zu Haus oder feiern Partys. Und was natürlich im Herbst nicht fehlen darf, ist ein Kürbis, ausgehöhlt und mit einem Gesicht versehen. Er dient als Kerzenhalter auf Tischen und in Fenstern. Viel älter als Halloween ist hierzulande allerdings der Brauch, am 11. November, dem Martinstag, mit Laternen durch die Straßen zu ziehen und Lieder zu singen – zur Erinnerung an jenen Bischof, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Kalendarisch ist der Herbst zwar noch nicht zu Ende, aber die meisten fühlen sich im November schon wie im Winter.

Volkslied:
„Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Brenne auf mein Licht,
Brenne auf mein Licht,
Aber nur meine liebe Laterne nicht …“




Fragen zum Text

Eine der befragten Personen findet am Herbst …
1. den Altweibersommer spaßig.
2. die Stürme besonders erfrischend.
3. die Farben berauschend.

Was stimmt nicht? „Ich bin so müde. Ich …
1. bin gespannt.“
2. bin wie gerädert.“
3. fühle mich schachmatt.“

Was stimmt? „Mein Freund hat einen wichtigen Auftrag nicht bekommen. …
1. Er hatte sein Geschäft auf die Beine gestellt.“
2. Er hat sich seine Sporen dabei verdient.“
3. Ihm ist ein tolles Geschäft durch die Lappen gegangen.“


Arbeitsauftrag
Bildet mindestens fünfzehn irreale Konditionalsätze zum Thema „Herbst“. Ein Beispiel: „Wenn es nicht so stark stürmen würde, könnten wir besonders schön gefärbte Blätter sammeln.“

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