Der geplante Coup | Sport | DW | 11.09.2013
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Sport

Der geplante Coup

Thomas Bach hat die Wahl zum IOC-Präsidenten überlegen gewonnen. Jetzt muss der Deutsche zeigen, wie ernst es ihm mit seinen Visionen eines "neuen" IOC ist. Gelegenheit dazu wird er schon bald haben.

Die Stadt bringt ihm Glück: Bei der Fecht-Weltmeisterschaft 1977 in Buenos Aires liegt er im Finale mit seiner Florettmannschaft 1:7 zurück. Doch Thomas Bach und sein Team schaffen es, den Fight zu drehen - sie werden Weltmeister. 36 Jahre später muss sich Bach an gleicher Stelle nicht ganz so anstrengen, um ganz nach oben zu kommen: Dass er mit einem klaren Votum im zweiten Wahlgang zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt werden würde, hat kaum jemand bezweifelt.

Das Netz hat gehalten

Das Netz seiner persönlichen Beziehungen und Verbindungen, an dem er seit Jahrzehnten webt, hat getragen und ihn ins Amt gehievt. Daran konnte auch der einzig spannende Moment einen Tag vor der Abstimmung nichts mehr ändern: Entgegen aller Gepflogenheiten des elitären olympischen Clubs, der auch vor Wahlen keinen Wahlkampf zulässt, hatte einer der Gegenkandidaten von Thomas Bach verbal blankgezogen: "Ich möchte einen unabhängigen Kandidaten, der nicht auf bestimmte Allianzen angewiesen ist und der seine Position für nichts anderes nutzt als zum Wohle des Sports", tönte der Schweizer Denis Oswald in einem Radiointerview und spielte auf Bachs Netzwerk an, das auch bis in die Schaltstellen der Macht reicht. Oswalds harsche Kritik verpuffte: Nicht einmal alle Schweizer im IOC konnte er mit der Attacke gegen Bach hinter sich bringen.

IOC-Mitglied Scheich Ahmad al-Sabah aus Kuwait beschaffte Bach wohl die nötigen Stimmen für seinen Wahl-Sieg. (Foto: Getty Images)

IOC-Mitglied Scheich Ahmad al-Sabah aus Kuwait beschaffte Bach wohl die nötigen Stimmen für seinen Wahl-Sieg.

Denn der Deutsche konnte sich auf seine Allianzen verlassen: Nach dem zweiten Wahlgang wurde verkündet, man habe einen neuen Präsidenten - der Name werde aber noch nicht verraten. Mit schmalen Lippen suchte Thomas Bach vom Podium herab Blickkontakt zu einem Mann, der ziemlich weit vorne im Saal, aber dennoch im Halbdunkel saß: Scheich Ahmad al-Sabah aus Kuwait erwiderte Bachs Blick und nickte einmal sanft. Da ging der deutsche Kandidat entspannt in die Pause. Eine Stunde später wurde sein Name aus einem Umschlag gezogen.

Das Orchester und sein neuer Dirigent

Der Scheich ist auch einer, dem die Regeln des IOC egal sind: Wer ihn vor den Wahlen gefragt hatte, wer denn neuer Präsident werden solle, bekam den Namen "Thomas Bach" zur Antwort: Er sei, sagt al-Sabah, der Beste, der Erfahrenste, Einer, der sich in der Welt auskenne und mit Menschen umgehen könne. Diese Wahlkampfhilfe kam nicht gut an im IOC, und außerhalb galt sie Vielen als unanständiges Politgeklüngel. Doch nach seiner Wahl zeigt Bach sofort, dass er durchaus über die Talente verfügt, die der Scheich ihm zuschreibt: In seiner kurzen Ansprache drückte er sofort auf das Sympathiepedal, dankte seinen Gefolgsleuten, streckte denen, die ihn nicht gewählt hatten, die Hand entgegen, und lockte das "großartige, universelle Orchester IOC, in Harmonie zusammenzuspielen.“ Und seine Ex-Gegenkandidaten beeilten sich, dem neuen Präsidenten ihre Unterstützung zuzusichern - manch einer allerdings mit hörbarem Zähneknirschen.

Sportliche Herausforderungen

Der Neue hat viel Arbeit vor der Brust: Die nächsten Winterspiele, 2014 im russischen Sotchi, könnten politisch ähnlich problematisch werden wie die Spiele von Beijing 2008, bei denen sich der Sport dem Sog der Politik kaum erwehren konnte. Da wird die Sportwelt von Bach klare Ansagen erwarten. Das Dopingproblem, schon lange kein Phänomen des Radsports mehr, muss er ebenso in den Griff bekommen, wie die Manipulationen von Wettbewerben und die illegalen Wetten im Weltsport. Bach weiß, was da von ihm erwartet wird. Und das IOC weiß, dass es keinen Radikalreformer und schon gar keinen Revolutionär zum Präsidenten gemacht hat. Immerhin hat Bach versprochen, künftigen Olympiastädten die Bewerbungen leichter zu machen. Außerdem will er Wissenschaftler und Künstler zur Zusammenarbeit mit dem IOC bewegen. Das klingt nach Öffnung. Und wenn ihm die gelänge, wäre das fast so überraschend wie sein WM-Sieg 1977.

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