Der Fall von Kundus ist ein Desaster für die Regierung | Aktuell Asien | DW | 29.09.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Aktuell Asien

Der Fall von Kundus ist ein Desaster für die Regierung

Nach dem Fall von Kundus hat die afghanische Regierung eine Offensive gestartet, um die von den Taliban eingenommene Stadt zurückzuerobern. Aber auch wenn das gelingen sollte, bleibt es ein Sieg für die Islamisten.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat seiner Bevölkerung versprochen, dass die 300.000-Einwohner-Stadt zurückerobert werde. In einer Fernsehansprache sagte er, dass Verstärkung auf dem Weg nach Kundus sei. Allerdings nutzen die Taliban Zivilisten als menschliche Schutzschilde, sodass der Kampf schwierig sei. "Die Regierung steht in der Verantwortung, und kann und wird nicht ihre eigenen Bürger bombardieren."

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte warnte indes vor Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Die Menschen hätten bereits seit Monaten unter Kämpfen leiden müssen und seien "nun in ernster Gefahr mit besorgniserregende Anzeichen dafür, dass die Gewalt sich intensivieren könnte", sagte Said Raad al-Hussein.

Bundeswehr vorübergehend in Kundus

Das Militär hatte am Dienstag nach der Eroberung der nordafghanischen Stadt durch die Taliban Militär eine Gegenoffensive gestartet. Das Hauptquartier der Polizei und das städtische Gefängnis seien bereits zurückerobert worden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Die NATO gab bekannt, dass das US-Militär in der Provinz Kundus einen Luftangriff geflogen sein, "um eine Bedrohung für die afghanischen und internationalen Kräfte zu beseitigen".

Taliban-Kämpfer in Kundus (Foto: AFP / Getty)

Taliban-Kämpfer in Kundus

Ein Team der Bundeswehr hielt sich zudem vorübergehend "zu Abstimmungsgesprächen" am Flughafen von Kundus auf, wie ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums sagte. Es sei darum gegangen, "zu verstehen, wie die afghanische Armee gedenkt, die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen."

Taliban überranten Kundus

Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus hatten die radikalislamischen Taliban die Stadt am Montag überrannt. Aus dem Provinz-Gefängnis befreiten sie nach Regierungsangaben mehr als 600 Häftlinge, darunter 144 Taliban-Kämpfer. Kundus ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde.

Auch wenn es den Sicherheitskräften gelingen sollte, die Provinzhauptstadt zurückzuerobern: Der Schaden für die afghanische Regierung unter Ghani ist groß, sind sich Analysten einig. Denn die Taliban beweisen mit ihrem Vormarsch, dass sie nicht nur politisch, sondern auch militärisch eine Einheit sind. Ein Erfolg für den aktuellen Islamisten-Chef Mullah Akhtar Mansur - dessen Führungsqualitäten werden von einigen Taliban-Kämpfern angezweifelt.

Ghani kann Versprechen nicht halten

Zu seinem Amtsantritt hatte Ghani zudem angekündigt, dem Land Frieden zu bringen. Das Versprechen rückt mit dem Vorstoß der Taliban in weite Ferne. Außerdem stehen die afghanischen Sicherheitskräfte in der Kritik: In Kundus sind nach Angaben des Militärexperten Ahmed Rashid etwa 7000 Soldaten inklusive lokaler Milizen stationiert. Die Taliban schaffte es dennoch, Kundus mit etwa 2000 Kämpfern einzunehmen.

Die Regierung habe "keine Strategie und keine Möglichkeit, die Stadt zu verteidigen", sagte Rashid der Nachrichtenagentur AFP. Er sprach von einem Desaster für Ghani, der am Dienstag genau ein Jahr im Amt ist. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach von einer "besorgniserregenden" Sicherheitslage in Kundus. Die Bundeswehr hatte in der Provinz bis Ende 2013 ein Feldlager.

Eine von den USA geführte Koalition hatte die Taliban 2001 von der Macht vertrieben. Der aktuelle NATO-Einsatz ist bis Ende 2016 angelegt und soll sich am Schluss nur noch auf die Hauptstadt Kabul konzentrieren. Das stellt von der Leyen infrage. Sie sagte, die Lage müsse sorgfältig analysiert werden. Die NATO solle ihre Beschlüsse über die weitere Truppenstationierung nicht nach "starren Zeitlinien", sondern nach der aktuellen Sicherheitslage treffen.

Ba/sc (rtr, dpa, afp)

Die Redaktion empfiehlt