Der Fall Babtschenko wird zum Thriller | Europa | DW | 08.06.2018
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Justizkrimi

Der Fall Babtschenko wird zum Thriller

Kiew behauptet, die Ermordung des Journalisten Arkadi Babtschenko verhindert zu haben. Was ist dran an dieser Version der Geschichte? Eine Woche nach dem vorgetäuschten Mord gibt es mehr Fragen als Antworten.

Ukraine Journalist PK in Kiew | mit Yuriy Lutsenko (Reuters/V. Ogirenko)

Der Journalist Arkadi Babtschenko mit Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko

Nur einen Tag nach dem inszenierten Mord an dem russischen Journalisten Arkadi Babtschenko in Kiew erklärte der ukrainische Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko, dem Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) läge eine Liste mit 47 ukrainischen Journalisten, Bloggern und Schriftstellern vor, die ebenfalls im Auftrag des russischen Geheimdienstes getötet werden sollten. Am 5. Juni veröffentlichte das Nachrichtenportal "strana.ua" diese angebliche Liste - unter Berufung auf eine Quelle im SBU. Auf die Frage, ob die Liste echt ist, schweigen sich die ukrainischen Behörden aus. Allerdings leitete der SBU wegen der Offenlegung von Informationen Ermittlungen ein.

Am selben Tag lud der SBU alle, die auf der Liste standen, zu einem Treffen ein. Doch von 47 kamen nur 17. Sie gelten als Zeugen und haben eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben. Einige Journalisten, auch solche, die auf der Liste stehen, bezweifeln, dass die Liste echt ist - sie sei willkürlich und unlogisch.

Die erste Festnahme

Festgenommen wurde im Fall Babtschenko bisher nur der ukrainische Geschäftsmann Boris Herman. Er ist Minderheitsaktionär des ukrainisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmens "Schmeisser", das Waffen herstellt. Ihm wird vorgeworfen, die Ermordung Babtschenkos organisiert zu haben. In dem Verfahren sei aber keine Rede von einer Liste mit 47 Namen, sagte Hermans Anwalt Jewhen Solodko der Deutschen Welle. Am 31. Mai nahm ein Kiewer Gericht Herman für zwei Monate in Haft.

Ukraine Fake-Mord des Journalisten Babtschenko (DW/Ihor Burdyga)

Der Verdächtige Boris Herman im Gerichtssaal in Kiew

Ein Agent der Spionageabwehr?

Bei der Verhandlung erzählte Herman seine Version zum "Mord" an dem Journalisten. Herman betonte, er sei Geheimagent der ukrainischen Spionageabwehr. Der Dienst ist Teil des SBU. "Ich sollte herausfinden, welchen Einfluss russische Gelder auf eine Destabilisierung der Lage in der Ukraine und einen möglichen Machtwechsel haben können", erläuterte er.

Im vergangenen Jahr sei er von Wjatscheslaw Piwowarnik, einem langjährigen Bekannten, angesprochen worden. Piwowarnik sei ehemaliger ukrainischer Staatsbürger und lebe heute in Moskau. Dort ist er Herman zufolge in einer "Stiftung" tätig. Sie befasse sich mit der Ukraine und stehe dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe. Über sein Treffen mit Piwowarnik habe er die ukrainische Spionageabwehr unterrichtet. Er habe die Erlaubnis erhalten, weiter Informationen über Moskaus Verbindungen in die Ukraine zu sammeln.

Der ukrainische Militärstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko, der die Anklage im Fall Babtschenko vertritt, sagte der Deutschen Welle allerdings, er könne Hermans Aussagen nicht bestätigen.

Ein Ex-Mönch als Killer?

Herman sagte weiter aus, er habe Oleksij Zymbaljuk als "Vollstrecker des geplanten Mordes" an Babtschenko angeworben; die ukrainische Spionageabwehr habe davon gewust. Zymbaljuk ist ehemaliger Mönch. Es sei klar gewesen, dass der Mord an Babtschenko nur inszeniert werden sollte. "Aber wir haben mit verdeckten Karten gespielt, weil uns klar war, dass es beim SBU viele 'Maulwürfe' russischer Geheimdienste gibt", so der Verdächtige.

Laut SBU hatte Zymbaljuk sich als Freiwilliger auf ukrainischer Seite an den Kämpfen gegen die prorussischen Separatisten im Donbass beteiligt. Nachdem er den Auftrag von Herman erhalten habe, Babtschenko zu töten, habe sich Zymbaljuk an die Behörden gewandt. Die ukrainischen Geheimdienste hätten ihn dann zur Zusammenarbeit angeworben, um "verdeckte Ermittlungen" durchzuführen. Als er von Herman 14.000 Dollar als Anzahlung für den Mord und 1000 für den Erwerb von Waffen erhalten habe, habe Zymbaljuk den inszenierten "Mord" vorbereitet, so der SBU.

Journalist Arkady Babchenko in Kiew ermordet (picture-alliance/dpa/Stringer/Sputnik)

Menschen kamen nach dem "Mord" an Babtschenko zu dessen Wohnhaus

Danach erhielt Herman nach eigenen Angaben von seiner Moskauer Kontaktperson eine Liste mit den Namen von 30 ukrainischen Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die der Kreml angeblich beseitigt haben wolle. Diese Liste habe er der ukrainischen Spionageabwehr übergeben, sagte Herman. Der SBU hingegen erklärte, Herman habe die Liste Zymbaljuk gegeben. Unmittelbar danach sei Boris Herman festgenommen worden.

Wer genau ist Hermans Kontaktperson in der "Putin-Stiftung"?

Über Wjatscheslaw Piwowarnik, den mutmaßlichen Auftraggeber für den Mord, ist nicht viel bekannt. Laut amtlichen Unterlagen hat er zusammen mit Herman ein Beratungsunternehmen in Kiew gegründet. Piwowarnik ist als Geschäftsführer oder Mitbegründer von mindestens fünf weiteren ukrainischen Firmen eingetragen. Laut Piwowarniks Profil bei LinkedIn war er von 2010 bis 2012 bei einem "Institut für geopolitische und ökonomische Forschung" beschäftigt.

Bei Facebook steht, das Institut werde von Aleksandr Skripalskij geleitet. Dieser war zweimal stellvertretender Leiter des SBU: von 1997 bis 1998 und im Jahr 2007. Von 1992 bis 1997 war er Chef der militärischen Aufklärung beim Verteidigungsministerium der Ukraine. Gegenüber "Radio Liberty" sagte Skripalskij, das Institut habe gelegentlich Seminare organisiert und Artikel in der Presse veröffentlicht. Derzeit sei das Institut mangels Finanzierung nicht aktiv. An einen Experten Piwowarnik könne er sich nicht erinnern. Die DW hat vergeblich versucht, sich über soziale Netzwerke mit Piwowarnik in Verbindung zu setzen.

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