Der Dominoeffekt beim Spargelstechen | Wirtschaft | DW | 05.06.2011
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Wirtschaft

Der Dominoeffekt beim Spargelstechen

Jedes Jahr kommen tausende Polen für die Spargelsaison nach Deutschland. Doch wer erntet dann eigentlich den polnischen Spargel? Diesen Job übernehmen in Polen Saisonkräfte aus der Ukraine.

Erntehelfer aus Polen in Klingenhain bei Oschatz (Foto: Waltraud Grubitzsch)

Erntehelfer aus Polen bei der Arbeit in Deutschland

Mit Schwung schlägt Oleg Strichulski die schwarz-weiße Plane zurück. Darunter schlummern die Köpfe einzelner Spargelstangen. Oleg sieht aber auch Spargel, wo keiner zu sehen ist. Anhand feiner Risse auf der Erddecke weiß er, wo das Gemüse wächst. Dabei ist es in der Ukraine ziemlich unbekannt. "Zu Hause habe ich Spargel noch nie gesehen. Ich steche ihn aber gern." Seit drei Jahren kommt er für die Spargelsaison nach Polen. "Ich hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt", sagt der 35-Jährige.

Seit heute morgen sechs Uhr sticht Oleg Strichulski Spargel. Eigentlich ist er LKW-Fahrer und kommt von einem Dorf, rund 700 Kilometer vom polnischen Wolsztyn entfernt. Arbeit gibt es für ihn dort keine, die Saisonarbeit in Polen ist sein einziges Einkommen. Rund zwei Monate dauert die Spargelernte, sieben Tage die Woche sticht er in gebückter Haltung, manchmal bis zu 12 Stunden am Tag, je nachdem wie viel Spargel gewachsen ist.

Der polnische Spargelbauer Pawel Witkowski beschäftigt seit drei Jahren Arbeiter aus der Ukraine auf seinem Feld in Wolsztyn, rund 100 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Oleg Strichulski war von Anfang an mit dabei und kommt seitdem jedes Jahr wieder. Insgesamt arbeiten auf Witkowskis Feld 15 ukrainische Erntehelfer. Eine Saison ohne sie - daran möchte Witkowski, 53 Jahre alt, lieber gar nicht denken. "Die Leute schlafen bei mir auf dem Hof und ich habe daher die Sicherheit, dass sie morgens auch wirklich auf dem Feld stehen." In Polen gebe es einfach nicht genügend polnische Arbeitskräfte, die Lust auf diese Saisonarbeit hätten. Und wenn, seien sie unzuverlässig.

Wenn doch jeder zu Hause Arbeit finden könnte..."

Spargelbauer Pawel Witkowski zeigt seine tagesfrische Ware vom Spargelfeld in Wolsztyn (Foto: DW/Nadine Wojcik)

Spargelbauer Pawel Witkowski

"Verkehrte Welt. Schließlich sind polnische Saisonkräfte in Deutschland sehr gefragt. Auch Witkowski kann darüber nur den Kopf schütteln. Sicherlich wäre es für alle Arbeiter und deren Familien viel einfacher, wenn jeder in seinem eigenen Land Arbeit finden könnte. Doch die Realität sieht anders aus. In seiner Kleinstadt Wolsztyn sei die junge Generation fast gänzlich ausgeflogen, um im Ausland zu arbeiten, sagt Pawel Witkowski.

Gut möglich also, dass ein Pole aus seiner Stadt auf einem deutschen Feld Spargel sticht, während er in Wolsztyn Ukrainer beschäftigt. "Wenn Polen hier genauso viel verdienen würden wie in Deutschland, dann würde doch keiner von ihnen wegfahren. Bei uns gibt es ein Sprichwort: In Deutschland arbeiten, in Polen leben." Die Ukrainer seien in der gleichen Situation. "Von dem Geld, das sie in Polen verdienen, können sie in der Ukraine etwa acht Monate leben, vermute ich mal."

In Deutschland verdient ein polnischer Erntehelfer mindestens sechs Euro vierzig die Stunde. Eine ukrainische Saisonkraft in Polen hingegen kommt auf einen Stundenlohn von umgerechnet einen Euro vierzig. Zusätzlich kümmert sich Spargelbauer Witkowski um Unterkunft und Verpflegung. Läuft die Saison gut, kommen seine ukrainischen Saisonkräfte auf rund 1400 Euro.

90 Prozent der Ernte geht nach Deutschland

Spargelfeld von Pawel Witkowski in Wolsztyn (Foto: DW/Nadine Wojcik)

Ukrainische Saisonarbeiter in Polen

Auf dieses Geld ist Luba Krailo, eine der ukrainischen Erntehelferinnen, dringend angewiesen. Ihr macht die Arbeit auf dem Feld wenig aus - trotz ihrer 60 Jahre. Luba Krailo ist Rentnerin und bekommt als ehemalige Lehrerin umgerechnet rund 60 Euro Rente im Monat. "Davon kann ich aber nicht leben. Wenn ich die Strom- und Telefonrechnung bezahlt habe, ist das ganze Geld schon weg. Ich mag die Arbeit hier." Sie sei zwar ein Stadtmensch, habe aber die Feldarbeit schnell erlernt."

Bis zu acht Tonnen Spargel kommen täglich auf Pawel Witkowskis Hof zusammen. 90 Prozent davon exportiert er nach Berlin und ins Ruhrgebiet. Sein Spargel in Deutschland verkauft sich gut, da er feinste holländische Sorten pflanzt und nur tagesfrische Ware exportiert.

Die große Nachfrage in Deutschland - ohne sie hätte der Pole Witkowski keine 32 Hektar großen Spargelfelder und seine ukrainischen Arbeiter keinen Job. Deshalb werden Oleg Strichulski, Luba Krailo und die Karawane der ukrainischen Wanderarbeiter wohl auch im nächsten Jahr wieder losziehen.

Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Henrik Böhme

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