Der digitale Wandel am Beispiel von Bockhacken | IT bei der DW: Arbeiten Sie agil und multimedial | DW | 03.01.2018
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Radio: Digitaler Wandel bei der DW

Der digitale Wandel am Beispiel von Bockhacken

Vom riesigen Antennensystem bis zur Fernsteuerung übers Internet: 50 Jahre lang diente die Mess- und Empfangsanlage Bockhacken für Kurzwellenausstrahlungen der DW.

Empfangsanlage Bockhacken, etwa 1980 (DW)

Empfangsanlage Bockhacken, etwa 1980

Wir schreiben das Jahr 1964. Neben dem kleinen Dorf Bockhacken in Hückeswagen im Bergischen Land wurde fast ein Jahr lang gebaut. Nun sind die Bauarbeiten abgeschlossen. Die große Mess- und Empfangsanlage der Deutschen Welle nimmt ihre Arbeit auf. Über 50 Jahre lang werden hier ab jetzt Kurzwellenausstrahlungen empfangen und kontrolliert. Doch mit der Zeit erobern neue Technologien den Markt und drängen die Kurzwellenübertragung immer weiter in den Hintergrund. 2017 wurden die Antennen der Mess- und Empfangsanlage Bockhacken abgebaut. 

In einem bunkerähnlichen Gebäude fünf Meter unter der Erde nahmen Mitarbeiter der Deutschen Welle ihre Arbeit auf. Über ihnen befand sich ein riesiges Antennensystem, mit dem Kurzwellen empfangen wurden. 1964 hat die DW ihre Programme noch ausschließlich über Kurzwelle gesendet. „Die Kurzwellensendungen mussten 24 Stunden am Tag überwacht werden, damit ein Maximum an Empfangsqualität erzielt werden konnte“, erzählt Oliver Linow, der von 1998 bis 2006 in der Anlage gearbeitet hat.

Die Mitarbeiter der Empfangsanlage hatten verschiedene Aufgaben: Beispielsweise wurde geplant, welche Stationen zu welcher Zeit auf welchen Kurzwellen-Kanälen arbeiteten, um Überschneidungen zu vermeiden. Beeinträchtigungen ließen sich nicht ganz vermeiden. Neben atmosphärischen Störungen konnten auch andere Rundfunksender für Störungen sorgen, indem sie doch auf der gleichen Frequenz wie die DW sendeten. Das geschah teilweise absichtlich: In einigen Fällen sollte so die Übertragung der DW aus politischen Gründen blockiert werden. Ist den Mitarbeitern der Mess- und Empfangsanlage Bockhacken solch eine Störung aufgefallen, musste sich entweder mit dem anderen Broadcaster geeinigt werden oder das Programm der DW musste so schnell wie möglich auf eine andere Frequenz wechseln. 

Um die Störung und deren Herkunft bestimmen zu können, hat die Empfangsanlage Bockhacken mit dem sogenannten Adcock-Antennensystem gearbeitet. „Bei diesem System, welches aus zwei Antennenkreisen besteht, konnten wir Sendungen, welche aus unterschiedlichen Richtungen empfangen wurden, ausblenden. Außerdem konnten wir über das Adcock-System einen Peiler betreiben, mit dem wir die Empfangsrichtung ermitteln konnten“, so Linow. Auf diese Weise konnte man die Herkunft der Störung genauer ermitteln.

Neben den technischen Aufgaben der Anlage wurden auch redaktionelle Anliegen abgedeckt. Was heute so einfach über das Internet funktioniert, war damals etwas aufwändiger: Recherchieren. Die Mitarbeiter der Mess- und Empfangsanlage haben unter anderem die Programme der ausländischen Rundfunksender zur Auswertung an die Redaktionen weitergegeben.

Die Deutsche Welle wird digital

Mit der Etablierung von Fernmeldesatelliten für Radio- und TV-Programme in den 1980er-Jahren und der Ausstrahlung im sogenannten digitalen DVB-Standard in den 1990er-Jahren änderte sich bei der DW viel: Radiosendungen wurden nun nicht mehr nur analog ausgestrahlt, sondern auch digital. Mit der Übernahme von Rias TV begann die Deutsche Welle nun auch die Ausstrahlung eines eigenen TV Kanals. „Die Überprüfung der Qualität von digitalen Signalen unterscheidet sich stark von der Qualitätskontrolle der analogen Signale. Weil die Technologie noch relativ neu war, kam es auch oft zu Ausfällen“, berichtet Linow. Die Kontrolle der Signale war zwar fortan mit computerbasierten Systemen möglich, für die Installation und den Betrieb dieser Systeme mussten sich die Kollegen aber viel neues Wissen aneignen. 

Durch die Digitalisierung der Ausstrahlungswege und der damit verbundenen Möglichkeit automatisierter Qualitätskontrollen haben sich Linows Aufgaben geändert. Er war jetzt dafür zuständig, das System in Betrieb zu nehmen und an den verschiedenen Empfangsorten zu installieren. „Jahrelang saß ich zum Arbeiten in Bockhacken und plötzlich bin ich nach Trincomalee (Sri Lanka) und Washington gereist, um die Systeme zu installieren“, erzählt er.

Fernsteuerung der Station

2006 kam die nächste große Änderung. Die Messstation sollte vom Bonner Funkhaus ferngesteuert betrieben werden. Ab diesem Zeitpunkt war die Station unbemannt und diente nur noch dazu, Kurzwellenausstrahlungen zu empfangen. Fernbedient über das Internet, wurde die Frequenz eingestellt und die richtige Antenne ausgewählt. Das Audiosignal kam per Streaming ins Funkhaus. Die Überwachung der Satellitenübertragungen erfolgt seitdem mit Empfangsantennen vom Dach des Bonner Funkhauses aus.

Während die Programmverbreitung über Satelliten und dem Internet immer populärer wurde, nahm das Interesse an Kurzwellenübertragung stetig ab. Ende 2017 wurde die Mess- und Empfangsanlage Bockhacken komplett geschlossen und die Antennen abgebaut. 

Jennifer Kosch / MW