Der deutsche Auslandssender wird 65 Jahre alt und gewinnt an Bedeutung | Politik | DW | 03.05.2018
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Politik

Der deutsche Auslandssender wird 65 Jahre alt und gewinnt an Bedeutung

Vor 65 Jahren ging die Deutsche Welle an den Start. Damals herrschte Kalter Krieg. Heute sind viele Herausforderungen wieder aktuell. Ein Rückblick - und ein Ausblick in die Zukunft.

Konrad Adenauer und DW-Redakteur Hans Wendt Archivbild 1963 (DW)

Zum "Zehnjährigen" 1963 stellte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer den Fragen von DW-Redakteur Hans Wendt

"Geehrte und liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im fernen Lande…" Staatstragende Worte. Mit einer Begrüßungsansprache von Bundespräsident Theodor Heuss ging die Deutsche Welle am 3. Mai 1953 auf den Äther. Es ging, hieß es zum Programmstart, darum, "den Hörern im Ausland ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Bild Deutschlands zu vermitteln". Als Kurzwellensender machte sich die DW von Köln aus an diese Aufgabe und erreichte, zunächst allein in deutscher Sprache, eine Zuhörerschaft in vielen Teilen der Welt. Bereits 1954 kamen erste Fremdsprachen hinzu. 1992 folgte das Fernsehen, bald dann das Online-Angebot.

Deutschland Deutsche Welle DW Gebäude (imago/epd)

Die Deutsche Welle in Bonn...

"Natürlich waren die Zeiten der Kurzwelle einfacher", sagt Intendant Peter Limbourg. "Man konnte jeden Winkel der Erde erreichen." Heute sei der Vertrieb der Angebote viel schwieriger. "Gleichzeitig haben wir durch das Internet, durch Social Media und unser Partnernetzwerk die Chance, deutlich mehr Menschen zu erreichen als früher. Wir bieten wie bisher eine Mischung aus Nachrichten, Hintergrund und Denkanstößen, allerdings moderner präsentiert und noch stärker an den Interessen unserer diversen und oft sehr jungen Zielgruppen orientiert." Limbourg steht seit viereinhalb Jahren an der Spitze des Senders und will die internationale Bedeutung stärken.

Im Kampf der Systeme

Deutschland Deutsche Welle DW Gebäude (picture-alliance/dpa/ZB)

...und in Berlin.

Was der Begriff "Sender" knapp zusammenfasst, ist breitgefächert: Fernsehprogramme in vier Sprachen, diverse Audio-Angebote sowie Online-Nachrichten in 30 Sprachen und vielfältige Social-Media-Aktivitäten. Smartphones werden als Endgerät immer wichtiger. Die Zuhörer von einst sind heute meist junge Follower.

Was innerhalb Deutschlands nur wenige wissen: Die DW Akademie, Deutschlands führende Organisation für internationale Medienentwicklung, hat seit 1965 Zigtausende journalistische Fachkräfte geschult. So treffen auch deutsche Bundesminister gelegentlich im Ausland hochrangige Gesprächspartner, die von ihrer Prägung durch die Deutsche Welle erzählen.

Zum 65. Jahrestag ähnelt manches der politisch schwierigen globalen Lage der Gründungszeit. Wieder ist von einem Kalten Krieg die Rede, die Meinungs- und Pressefreiheit ist weltweit gefährdet. "Die Zeiten sind rauer geworden, das heißt: mehr Arbeit für die DW. Wir müssen informieren, Brücken bauen und Werte vermitteln", sagt Intendant Limbourg. "Ob wir es jetzt Kalter Krieg oder multipolare Weltordnung nennen - die Herausforderungen durch Propaganda, Fake News, Migration, Klimawandel und Terror nehmen zu." 

Intendant Limbourg und Griechenlands Staatspräsident Papoulias (DW)

Intendant Peter Limbourg 2014 beim damaligen Staatspräsidenten Griechenlands, Karolos Papoulias - der vor knapp 50 Jahren Mitarbeiter im griechischen Programm des Senders war.

Limbourg spricht auch die teilweise Blockade der DW-Angebote wie in China oder dem Iran an. "Das macht uns Sorgen, aber sie zeigt auch, dass unsere Arbeit sehr relevant ist". Heute ist der Kampf der Systeme und Ideologien auch ein Wettlauf der internationalen Medienangebote. 

"Austausch über Kulturen, Religionen, Traditionen"

"Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg der Deutschen Welle", heißt es im DW-Leitbild. An den beiden Standorten Bonn und Berlin sind rund 3400 Kräfte mit gut 60 Nationalitäten tätig. Damit ist der Sender so multikulturell aufgestellt wie wohl keine zweite Einrichtung in Deutschland. Die Zahl der Korrespondentenplätze in Afrika, Asien und Lateinamerika wächst. "Diese Vielfalt ist ein Schatz und eine der Stärken der Welle", sagt Intendant Limbourg. "Wir lernen voneinander und sehen, dass über den Austausch über Kulturen, Religionen und Traditionen Neues und Gutes entstehen kann. Das Ganze tun wir auf der Basis unserer freiheitlichen Verfassung. Für mich ist es eine große Freude, hier mit so vielen unterschiedlichen und inspirierenden Kollegen zu arbeiten." Die Welle sei "vielleicht kein Start-up, aber ein modernes Medienhaus mit sehr flexiblen und experimentierfreudigen Mitarbeitern".

Kaffee unter dem Kosobaum

Sandra Petersmann im Kongo (DW)

Sandra Petersmann 2003 journalistisch unterwegs im Kongo

Gewiss, selbst die prominenten Gesichter der Deutschen Welle bleiben in Deutschland Unbekannte. Aber "draußen" gibt es Feedback. Sandra Petersmann, Journalistin mit langjähriger Erfahrung in Krisenregionen, hatte ihr Schlüsselerlebnis einst in Eritrea. Als DW-Volontärin war sie im Jahr 2000 mit Ärzten einer Hilfsorganisation am Horn von Afrika unterwegs. "Wir passierten am späten Nachmittag ein kleines Dorf, in dem sich unter einem prächtigen Kosobaum ein paar Dutzend Menschen um ein kleines batteriebetriebenes Radio versammelt hatten. Der Klang der Station-ID war eindeutig: Hier funkte die Deutsche Welle. Ich verstand kein Wort meiner Kollegen des amharischen Programms, aber als ich den Zuhörern unter dem schattigen Kosobaum zu erkennen gab, dass ich DW-Journalistin bin, wurde ich sofort zu einer traditionellen Kaffee-Zeremonie mit Weihrauch eingeladen", erzählt die 45-jährige Politikwissenschaftlerin.

Vergleichbares habe sie später immer wieder in Afghanistan erlebt, "weit draußen in den Dörfern, wo die Menschen ohne TV leben und nach Informationen hungern". Sie bedauert es, dass sich die Welle in den meisten ihrer Sprachen vom Radio verabschiedet habe. In Zeiten von Podcast und Social Audio fehlten deshalb heute die früheren Radiokapazitäten.

Heikle Themen

Auch wer heute als DW-Berichterstatter in einem der Flüchtlingslager in Jordanien oder der Türkei mit Welle-Mikrofon unterwegs ist, wird bald angesprochen. Und wenn Jaafar Abdul-Karim (36), der prominenteste Kopf des arabischen Fernseh-Programms, in Beirut, Amman oder Kairo unterwegs ist, kommen immer wieder junge Leute begeistert auf ihn zu. Sein "Shabab Talk" greift Themen auf, die nationale Sender scheuen. Damit erreicht er ein junges Millionen-Publikum.

Jaafar Abdul-Karim (DW)

Jaafar Abdul-Karim brachte "Shabab Talk" 2015 nach Bagdad

Ein weiteres Beispiel: Wenn Online-Texte beispielsweise in Urdu, Paschtu oder Chinesisch im Netz auffallend hohe Klickzahlen erreichen, gilt das oft Berichten über Meinungsfreiheit, Frauenrechten, Korruption oder besserer Bildung - und gerne auch Beiträgen über den Kurs der deutschen Bundesregierung unter Angela Merkel in Zeiten von Welt-Herrschern wie Donald Trump und Wladimir Putin.

"Innovativ und wertegebunden"

Gab es in früheren Jahren gelegentlich politische Kontroversen um die Deutsche Welle, weiß die deutsche Politik in den heutigen global instabilen Zeiten, was sie an dem Sender hat. Kürzlich debattierte der Bundestag über die Arbeit der DW. Der Blick des Parlaments ist wichtig, seit 1960 sichert ein eigenes "Deutsche-Welle-Gesetz" die Arbeit des Senders. Da kam von einem der Medienpolitiker, Martin Rabanus von der SPD, eine Wertschätzung für dieses "globale Medienhaus", der kaum jemand widersprach: "Dieses Haus sendet Fakten statt Fake News, unabhängig, innovativ, wertegebunden und mit Herz."

Satte 96 Prozent der Nutzer bescheinigen dem Sender bei internationalen Umfragen sehr hohe Glaubwürdigkeit, und das bei mehr als 150 Millionen Nutzern pro Woche. Tendenz steigend.

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