Der Berg ruft | Sport | DW | 01.01.2018
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Bergsport

Der Berg ruft

Das Image des harten Bergmenschen, der Frauen aus dem Schnee rettet, haftet dem Beruf des Bergführers noch immer an. Dieses Bild möchte der Verband Deutscher Berg- und Skiführer endlich ändern und mehr Frauen ausbilden.

Ihre langen lockigen Haare hat Mirjam Limmer zu einem dicken Zopf gebunden. Sie dürfen nicht stören, wenn die 31-Jährige kopfüber am Felsen oder an der Trainingswand in der Kletterhalle hängt. Ihre Touren und Expeditionen sind anspruchsvoll, wie vor fünf Jahren ihre Erstbegehung am 6.640 Meter hohen Raksha Urai in Nepal. Damals wusste die Dozentin noch nicht, dass sie sich eines Tages zur Berg- und Skiführerin ausbilden lassen wird, neben ihrer hauptberuflichen Karriere an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Kletterin Mirjam Limmer auf ihren Expeditionen. (Niels Kaffenberger)

Nicht immer ist es so warm wie hier beim Felsklettern

Heute ist sie eine von derzeit sieben Frauen, die den Beruf erlernen. Wenn alle die harten Prüfungen bestehen, werden es knapp 20 sein. Zum Vergleich: der Verband Deutscher Berg- und Skiführer (VDBS) zählt mehr als 550 Männer in diesem Beruf.

Der Sheriffstern im Bergsport

"Wir sagen in der Ausbildung immer scherzhaft: Das ist der Sheriffstern im Bergsport!", sagt Mirjam augenzwinkernd. "Man muss ein Allrounder sein. Man muss alles können und das auf einem relativ hohem Niveau: Felsklettern im Granit genauso wie im Kalk, Eisklettern, klassisches Bergsteigen, Hochtouren über einen Gletscher, Skitouren auf der Piste genauso wie abseits. Und all das muss man auch noch vermitteln können. Genau diese Herausforderung habe ich gesucht."

Der Beruf des Berg- und Skiführers ist also längst mehr als das 'Frauenretten' ala Luis Trenker, dem bekannten Bergsteiger und Filmemacher. Und dennoch ist die Bergsteigerszene klar männerdominiert. "Natürlich ist die Arbeit sehr anstrengend, Männer sind muskulöser und stärker.", erklärt Michael Lentrodt, der Präsident des VDBS. "Aber Frauen sind ausdauernd. Und was ich in der Ausbildung erlebe, stehen sie ihren männlichen Kollegen in nichts nach." Denn am Ende gehe es doch darum, eine Gruppe zu führen, so Lentrodt, und sich auf einem Gletscher bei Schneetreiben zum Beispiel richtig zu entscheiden, um diese Gruppe nicht zu gefährden. "Und das können Frauen genauso gut wie Männer."

Kletterin Mirjam Limmer auf ihren Expeditionen (Yvonne Koch)

Schnee und Eis gehören meist zu Mirjam Limmers Expeditionen

Der Boom der Kletterhallen

Für Mirjam sind die Kletterhallen vor allem im Winter ihr zweites Zuhause. Hier trainiert sie für ihre Ausbildung aber auch für ihre Eisklettertouren und das Felsklettern mit ihren Studenten. Als Kölnerin fehlen ihr natürlich die Berge, um jede Woche draußen trainieren zu können. Die meisten ihrer Kollegen leben in den Alpen und sind da klar im Vorteil. Aber immerhin: der Trend des Klettersports hat sich in den vergangenen Jahren so weit durchgesetzt, dass es deutschlandweit mittlerweile ca. 400 Kletter- und Boulderanlagen gibt. Und die sind oft ausgebucht.

Routen spulen steht heute auf dem Trainingsprogramm. Dabei steigt  Mirjam Limmer die Kletterwand rauf und wieder runter - so oft hintereinander, bis ihre Arme dick werden und zumachen, wie sie sagt, "bis ich mich nicht mehr halten kann." Diese Kraftausdauer benötigt sie für das Klettern in den Felsen. Ihre kräftigen Finger, die manchmal nur am vorderen Fingerglied ihren ganzen Körper halten, suchen konzentriert den nächsten schmalen Griff, an dem sie sich hochziehen kann. Die Sportdozentin ist flink, der Aufstieg wirkt beinahe mühelos. Nach mehreren Runden ist Mirjam dann aber doch ein wenig aus der Puste.

Ausbildung mit großer Einstiegshürde

Zwei Eignungstests musste sie bestehen und zahlreiche Tourenberichte von ihren Expeditionen in Nepal und Indien beispielsweise einreichen, um die Ausbildung zur Berg- und Skiführerin überhaupt antreten zu dürfen. "Die Einstiegshürde ist relativ groß", sagt Mirjam Limmer, "die Lehrer und Prüfer schauen da sehr genau hin." Wer diese Hürde aber genommen hat, gehört zu einem kleinen leistungsstarken Team. Die Ausbildung sei nur gewinnbringend für sie, so die passionierte Bergsteigerin. "Und vor allem ist sie so flexibel angelegt, dass ich das neben meiner Unikarriere machen kann." Zahlreiche meist mehrwöchige Lehrgänge muss sie absolvieren, darunter den Lawinenlehrgang und die Schulungen zum Wasserfalleisklettern, Unfallkunde und Seminare, in denen sie lernt, eine Gruppe sicher durch Fels, Schnee und Eis zu führen. In der Regel dauert diese Ausbildung des VDBS etwa drei Jahre. Aber die meist berufstätigen Frauen und Männer können die Lehrgänge immer dann antreten, wenn es die Urlaubszeit oder der Arbeitgeber zulassen. Mirjam schätzt, dass sie vier bis fünf Jahre benötigen wird, bis sie sich staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin nennen und diesen Beruf ausüben darf. Die Hälfte hat sie schon geschafft.

Kletterin Mirjam Limmer auf ihren Expeditionen. (Jens Krüger)

Aufstieg im französischen Chamonix 2014

"Es kribbelt brutal!"

Bis zu ihrer nächsten Expedition möchte sie aber nicht mehr so lange warten. Endlich mal wieder einen Fünf- oder Sechstausender besteigen! Zuletzt war sie in Kirgistan im Kormorovagebiet, Basislager, Gipfelbesteigung, immer mit über 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken bei Eiseskälte. Und doch: "Es kribbelt brutal!" und das glaubt man Mirjam Limmer sofort, wenn sie das lachend sagt und ihre blauen Augen dabei leuchten wie bei Kindern zu Weihnachten. "98 Prozent meines Herzens hängen am Berg. Das ist nicht nur Sport, das ist mein Leben!"

Vielleicht ist es eine Sucht, einen Berg zu bezwingen und den Gipfel zu erklimmen. Auf jeden Fall aber ist es eine Herausforderung für Mirjam Limmer, etwas Großes leisten, etwas schaffen zu wollen. Und dann ist da diese unglaubliche Weite, von der sie schwärmt, wenn sie sich an ihre letzten Expeditionen erinnert.

Kletterin Mirjam Limmer auf ihren Expeditionen. (Niels Kaffenberger)

Beim "Abhängen" immer gute Laune: Mirjam Limmer

"Dann siehst du da diese Sechs-, Sieben- vielleicht sogar Achttausender, du siehst diese majetätischen weißen, schneebedeckten Gipfel - das ist ein unglaubliches Freiheitsgefühl."

Dieses Freiheitsgefühl treibt sie an. Und dieses Freiheitsgefühl ist es auch, das sie ihren Gruppen schenken kann, die sie in ein paar Jahren als eine der wenigen Berg- und Skiführerinnen durch die Berge leiten darf.

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