Der andere Blick: Isa Genzken wird 70 | Kunst | DW | 27.11.2018
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Kunst

Der andere Blick: Isa Genzken wird 70

Isa Genzken gehört zu den bedeutendsten lebenden Künstlerinnen. Auch mit 70 Jahren verblüfft sie immer wieder mit ihren schrillen Collagen und Skulpturen. Den Titel "Frau von Gerhard Richter" hat sie längst abgelegt.

Fotocollagen mit Packband zusammengehalten, bunte Plastikteile auf einer Stehle, Rollstühle mit rotem Stoff und durchsichtiger Folie überzogen oder verkleidete Schaufensterpuppen: Für ihre Konzeptkunst greift Isa Genzken oft auf Fundstücke aus dem Alltag zurück, die sie in einen anderen Kontext stellt. Dabei gehören nicht nur bunte Tapes, Plastik und Spiegelfolie zu ihren bevorzugten Materialien, sondern auch Holz, Aluminium und Beton.

Beeindruckt von moderner Architektur

Es sind Bauwerkstoffe, die an urbane Architektur erinnern. Das ist kein Zufall. Die Wolkenkratzer von Manhattan faszinieren Isa Genzken seit ihrem 16. Lebensjahr. Da war sie das erste Mal in New York: "Schon bei der Ankunft habe ich gespürt: Das ist meine Stadt. Ich liebe sie immer noch am meisten von allen Städten, die ich kenne. Diese Architektur kann man nicht kopieren", sagte die interviewscheue Künstlerin, die in Berlin lebt, 2016 der Zeitung "Der Tagesspiegel". Eines ihrer Lieblingsgebäude war das alte World Trade Center.

USA New York - Zucotti Park mit Rose III Installation der Bildhauerin Isa Genzken (picture-alliance/dpa/C. Horsten)

Eine bemalte Stahlrose für Ground Zero

2001 erlebte sie den Anschlag auf das World Trade Center aus nächster Nähe, wenn auch zunächst über eine Fernsehübertragung: "Für mich wirkte das wie ein Spielberg-Film. Ich ging abends zum World Trade Center und war entsetzt. Da war noch der Rauch am Himmel, die Menschen haben die Reste aufgesammelt, Stühle, Möbel, das war die Hölle."

Eine Rose für das neue World Trade Center

Zum Gedenken ließ sie in diesem September eine acht Meter große Stahlrose neben dem neuen World Trade Center aufstellen. Wie ein roter Faden ziehen sich diese übergroßen Blumen durch ihr Werk der letzten 25 Jahre. Eine ganz andere, poetische Seite der Künstlerin. 1993 platzierte sie eine acht Meter hohe Rose vor die Villa des Kunstsammlers Frieder Burda. Bekannt ist die ebenso große rote Rose aus Edelstahl auf dem Leipziger Messegelände. Und auch den Central Park in New York zieren zwei überdimensionale Orchideen.

Geboren wurde Isa Genzken 1948 in Bad Oldesloe in der Nähe von Hamburg. Sie studierte in den 1970er Jahren an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und an der Kunstakademie in Düsseldorf. Dort war ihr Lehrer Gerhard Richter, mit dem sie später über zehn Jahre lang verheiratet war. Doch während sie sich für Wolkenkratzer begeisterte, ging er lieber Pilze sammeln. Nicht nur an der Stadt New York schieden sich die Geister.

Isa Genzken Ausstellung MoMa New York (picture-alliance/dpa)

Der künstlerische Ritterschlag für Isa Genzken: Retrospektive im Museum of Modern Art

Psychiatrie und Kunst

Als die Beziehung mit Gerhard Richter in die Brüche gegangen war, verfiel Isa Genzken dem Alkohol und verlor ihr Geld in den Clubs von Manhattan und Berlin. In den letzten Jahren verbrachte sie viele Monate in der Psychiatrie. Die Diagnose: Eine bipolare Störung, die seelische Höhen und Tiefen zur Folge hat. In New York allerdings, so sagt sie, bleibe sie von diesen Störungen verschont. 2013 widmete ihr das Museum of Modern Art eine umfassende Retrospektive.

Dreimal war Isa Genzken bei der internationalen Kunstschau "documenta" in Kassel dabei. Bei der documenta 11 zeigte sie "Neue Gebäude für Berlin". Das waren abstrakte Hochhaus-Modelle aus farbigem Industrieglas, die auf schlanken Stehlen standen. Auch in "Fuck the Bauhaus, New Buildings für New York" schuf sie Stadtmodelle aus Plastik, Holz, Muscheln, Spielzeug und Spiegelfolie und setzte sich auf diese Weise mit der Architektur und den Utopien der Moderne auseinander.

Biennale in Venedig 2007 - Werk von Isa Genzken mit Rollkoffern im Raum(picture-alliance/dpa/A. Merola)

Rollkoffer im Deutschen Pavillon der Biennale

Der andere Blick

Ihren großen Durchbruch hatte Genzken bei der Biennale in Venedig, wo sie 2007 den Deutschen Pavillon gestaltete. Auch hier arbeitete sie mit Schaufensterpuppen, die als Astronauten verkleidet von der Decke hingen, mit Spielzeug, venezianisch verkleideten Totenköpfen auf Podesten und mit Rollkoffern auf dem Boden. Die Assoziationen reichen vom Scheitern einer Gesellschaft des Fortschritts bis hin zu Gedanken an Kriege und Klimakatastrophen. Letztere legte schon der Titel ihrer Schau "Oil" (dt. Öl) nahe.

"Ihre Arbeiten sind nie nur das, was man sieht. Sie hat einen ganz besonderen, anderen Blick auf die Dinge, der nicht ausgedacht ist, sondern wirkliche Empfindung", sagte Genskens langjähriger Galerist Daniel Buchholz der Deutschen Presseagentur. Zu ihrem 70. Geburtstag am 27. November wird er eine Ausstellung für sie ausrichten und hofft, dass auch Isa Genzken zur Eröffnung kommen wird, sofern es ihre Gesundheit zulässt.

Deutschland Isa Genzken erhält Kaiserring (picture-alliance/dpa/S. Pförtner)

Isa Genzken bekommt den Kaiserring in Goslar

2014 zeigte die Kunsthalle Wien eine Ausstellung mit Werken, in denen sich Isa Genzken mit der urbanen Architektur auseinandergesetzt hat. Die Schau hieß "I'm Isa Genzken, The Only Female Fool". Ein Titel wie ein Lebensmotto. Ihr gesamtes Œuvre umfasst neben Skulpturen und Malerei auch Installationen, Filme, Fotografien und Künstlerbücher.

2017 wurde Isa Genzken der Kaiserring verliehen, einer der bedeutendsten Preise für moderne Kunst. Zur Begründung hieß es, ihre Installationen und Skulpturen machten auf die Gegensätze und Brutalitäten in der Gesellschaft aufmerksam.  Außerdem habe sie eine Vorreiterrolle im "internationalen Diskurs der Bildhauerei", den sie "nie ohne Humor" führe.

 

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