″Den Menschen ein bisschen Glück und Unbeschwertheit geben″ | Europa | DW | 11.03.2021
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Geburtstag

"Den Menschen ein bisschen Glück und Unbeschwertheit geben"

Horst Eckert alias "Janosch" liebt seine Hängematte und die Sonne - und Kinder lieben seine Bücher. Im Rampenlicht steht der Autor und Illustrator ungern, gegenüber Medien ist er skeptisch. Heute wird er 90 Jahre alt.

Horst Eckert alias Janosch

Der Zeichner und Erzähler Horst Eckert alias "Janosch" bei einer Veranstaltung in Aachen 2009

Von sich selbst sagt er, er sei weder Deutscher noch Pole - und schon gar kein Oberschlesier. "Wer ich bin, hängt davon ab, wo ich bin", erklärt Janosch 2016 in Wojciech Królikowskis Dokumentarfilm "Mein Niemandsland". Nun lebt der Illustrator, Kinderbuchautor und Schriftsteller, der eigentlich Horst Eckert heißt, schon seit vielen Jahren auf Teneriffa - aber auch als Spanier fühlt er sich nicht. Die Kanareninsel wählte Janosch nach eigener Aussage vor allem wegen der Sonne und der im Vergleich zu Deutschland geringeren Bürokratie.

Nach Deutschland, genauer: nach Westdeutschland war der 1931 geborene Autor von über 300 Kinderbüchern mit seinen Eltern nach Ende des Zweiten Weltkriegs gekommen. Seine Kindheit im oberschlesischen Zabrze, das damals Hindenburg hieß, beschreibt Janosch als alles andere als idyllisch: ein Vater, der ständig betrunken war, und eine Mutter, die drohte, ihn umzubringen, sollte er einnässen - was dann auch jedes Mal passierte, wenn sie das Haus verließ.

Buchautor Janosch und der polnische Regisseur Wojciech Królikowski

Janosch (l.) und Regisseur Wojciech Królikowski bei den Dreharbeiten zum Film "Mein Niemandsland" auf Teneriffa 2016

Janoschs früheste Lebenserinnerungen prägten das Geräusch des sich in der Tür drehenden Schlüssels und die Angst, dass seine Mutter nie wieder zurückkehren würde. Wenn sie dann endlich nach Hause kam, habe sie erneut gedroht, ihn zu töten, wenn er nicht aufhören würde, zu weinen. "Sie war ein bisschen dumm. Was ist denn das für eine Logik? Wenn man weiter schlägt, wird es nur schlimmer", so Janosch im Film. Trotzdem habe die Mutter ihn geschlagen, bis er "nicht mehr Luft holen" konnte.

Manche seiner Erinnerungen, schränkt Janosch in Królikowskis Film ein, basierten tatsächlich auf Erzählungen seines Vaters, und der habe oft gelogen. Er selbst wisse nicht mehr so richtig, was in seinem Leben Wahrheit sei - und was Lüge. An der Beerdigung seiner Eltern hat er jedenfalls nicht teilgenommen. Als er in "Mein Niemandsland" gefragt wird, wie er sich nach der Nachricht vom Tod der Mutter fühlte, antwortet er: "Es tut mir leid, dass sie so ein schlechter Mensch war und leben musste".

Fahrt im Viehwaggon

In Zabrze wuchs Horst Eckert in einem typischen oberschlesischen Mehrfamilienhaus aus roten Ziegeln auf. Der Geruch von Knoblauch und Urin sei noch immer präsent, erzählt er im Film. Kaum in seinen Kindheitserinnerungen ist zu finden, was seine Kinderbücher ausstrahlen: Wärme, Unbekümmertheit, Freundschaft, Güte und Vertrauen. Janosch ist 15 Jahre alt, als er 1946 mit seiner Familie Oberschlesien in Richtung Westen verlässt. Als er während der Fahrt in einem Viehwaggon an Typhus erkrankte, habe sein Vater versucht, ihn mit Selbstgebranntem zu "heilen", was er nur "knapp überlebte".

Deutschland Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM in Oldenburg

Die Janosch-Biografin Angela Bajorek (vorne rechts) bei der Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM in Oldenburg 2017

In einem Interview mit der polnischen Redaktion der Deutschen Welle erzählt Angela Bajorek, die Autorin der bisher einzigen Janosch-Biografie (deutscher Titel: "Wer fast nichts braucht, hat alles"), der Schriftsteller betone, dass er ohne seinen Geburtsort Zabrze nicht der wäre, der er heute ist. Die Autorin unterstreicht, dass "alle Arbeiten von Janosch auf seinen Kindheitserinnerungen in Oberschlesien beruhen". Bajorek ist wohl der einzige Mensch, den Janosch so nah an sich heranlässt, dass die Person hinter dem Künstler spürbar wird.

Zwischen Polen und Deutschland

In Polen wurden Janoschs Kinderbücher erst nach dem Ende der kommunistischen Diktatur 1989/90 bekannt. Dabei erschien sein Kultroman "Cholonek" (deutsche Fassung: "Cholonek oder der Liebe Gott aus Lehm") bereits in den 1970er Jahren auf Polnisch und wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt.

Deutschland Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM in Oldenburg - Janosch

Kinderbücher von Janosch bei der Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM in Oldenburg 2017

Eine Bühnenfassung wird heute auch im Korez-Theater in Katowice (Kattowitz), unweit von Janoschs Geburtsort, aufgeführt und erfreut sich seit über 16 Jahren großer Beliebtheit. Es handle von Menschen, die "zwischen Deutschland und Polen leben" und sei geschrieben worden "für Schlesier und Leute, die Schlesien nicht verstehen. Ein Stock im Ameisenhaufen schlesischer Komplexe, Nationalismen und des Unrechts gegen Polen und Deutsche", wie es in der Beschreibung des Stücks heißt.

Die Perspektive der Schlesier

Einige Monate nach der Premiere sah sich Janosch höchstpersönlich eine Aufführung in Katowice an. "Zuerst flüsterte ihm der Dolmetscher die Übersetzung ins Ohr, aber dann winkte Janosch ab und sagte, das sei nicht nötig, denn er verstehe", erzählt der Schlesier und Co-Regisseur des Theaterstücks, Robert Talarczyk, der DW. "Nach dem Auftritt kam er gerührt auf die Bühne. Tränen rannen ihm aus den Augen und er rief in schlesischer Mundart: 'Job twoju mać'!" (sehr frei übersetzt: "Affengeile Nummer!").

Deutschland Kinderbuchautor und Maler Janosch in Dortmund

Janosch versteckt sich am 20.04.2007 in einer Galerie in Dortmund hinter seinem Bild "Meine Frau mit den Locken"

Der Regisseur meint, die Popularität des Janosch-Stücks sei auch darauf zurückzuführen, dass es eines der wenigen ist, in dem über Schlesier aus der Perspektive von Schlesiern erzählt wird - und das mittels schlesischer Darsteller: "Es klingt vielleicht chauvinistisch und nationalistisch, aber es ist wichtig, dass das Schlesische im Blut liegt". Alle Versuche mit Schauspielern, die diesen polnischen Dialekt erst hätten lernen müssen, seien fehlgeschlagen.

Deutsch aus Angst vor der Gestapo

Janosch selbst wuchs zweisprachig auf, da alle Verwandten sowohl Deutsch als auch Polnisch sprachen. In Królikowskis Film präzisierte der Künstler, während der Nazi-Herrschaft (1933-45) hätten die Erwachsenen untereinander Polnisch beziehungsweise Schlesisch gesprochen - aber mit ihm fast ausschließlich auf Deutsch. Sie hatten Angst, der Junge könnte die Aufmerksamkeit der Gestapo auf die Familie lenken, wenn er auf der Straße Polnisch geredet hätte, vertraute Janosch 2005 der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" an.

Janosch, Kinderbuchautor, Schrifftsteller und Illustrator

Janosch während der Dreharbeiten zum Film "Mein Niemandsland" von Wojciech Królikowski 2016 auf Teneriffa

Wojciech Królikowski erzählt, dass Janosch von der Idee, einen Film über ihn zu drehen, nicht begeistert war. Seine Biografin Angela Bajorek habe er sogar gebeten, ausrichten zu lassen, dass er bereits gestorben sei. "Das ist Janosch", sagt Królikowski und betont, es sei seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass der Film überhaupt entstand. Das erste, was ihn überrascht habe, sei die Größe des Schriftstellers gewesen. "Ich habe keinen so großen, stämmigen, kräftigen Mann erwartet", so Królikowski im Interview mit der DW.

Nie wieder Fernsehteam

Der Regisseur und sein Team verbrachten zwei Tage im Haus von Janosch. "Am dritten Tag muss er genug von uns gehabt haben, denn er hat uns nicht mehr reingelassen", berichtet Królikowski. Im Film erklärt Janosch dann auch, dass er nie wieder ein Fernsehteam in sein Haus lassen würde.

Noch im selben Jahr sagte er in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa), er habe noch viele Ideen und arbeite jeden Tag an einem neuen Buch. "Es sieht so aus, als würde es für mich noch 20 Jahre dauern, bis es endlich vorbei ist", so Janosch weiter. Mit seiner Arbeit wolle er "den Menschen ein bisschen Glück und Unbeschwertheit geben" - etwas, das die meisten nur in der Kindheit genössen. Und das ihm selbst nicht vergönnt war.