Demonstration der Vielen bei #unteilbar in Dresden | Deutschland | DW | 24.08.2019
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Protest gegen Rechts

Demonstration der Vielen bei #unteilbar in Dresden

Bei einer Großdemonstration in Dresden kamen Zehntausende zusammen und setzten vor der Landtagswahl in Sachsen ein Zeichen für eine solidarische Gesellschaft - und damit auch gegen die rechtspopulistische AfD.

Deutschland Unteilbar Demonstration in Dresden (Getty/AFP/J. MacDougall)

Demo gegen Rechts: Zehntausende kamen zu #unteilbar nach Dresden

Um zwölf Uhr läutet die Frauenkirche zum Mittag. Es ist Samstag, das letzte Wochenende vor der Landtagswahl in Sachsen. Das Bündnis #unteilbar hat zur Großdemonstration nach Dresden gerufen. Das Ziel: Sich "gemeinsam gegen Diskriminierung, Verarmung, Rassismus, Sexismus, Entrechtung und Nationalismus" stellen - so heißt es im Aufruf zur Demonstration.

Noch ist der Altmarkt, an dem der Zug starten wird, nur vereinzelt mit Menschen gefüllt. Doch nach und nach sammeln sich Hunderte, Tausende, Zehntausende auf dem großen Platz. Etwa 40.000 werden es nach Angaben der Veranstalter am Ende sein. Darunter Linke aus der Bewegung, migrantische Verbände, Kirchen, Gewerkschaften, Klimaaktivisten, Parteien. Es ist eine Zusammenkunft der Vielen in Dresden, der Stadt, die in den vergangenen Jahren vor allem durch die rassistischen Pegida-Demonstrationen in den Schlagzeilen war.

Solidarisch für Demokratie

Dresden | Unteilbar-Demo: Gertrud Graf (DW/F. Thiem)

Gertrud Graf: eine "Oma gegen Rechts"

Gertrud Graf ist eine dieser Vielen. "Jetzt muss man auf die Straße gehen", sagt die aus Berlin angereiste "Oma gegen Rechts". Denn der Anlass ist einer, der vielen hier Sorgen macht: Die Umfragewerte der rechten Alternative für Deutschland (AfD) klettern in Wahlprognosen immer weiter nach oben. Insbesondere in Sachsen ist die Partei für ihre nationalkonservativen bis rechten Positionen bekannt. "Wenn wir nicht mit allen Generationen etwas unternehmen, finden wir uns in einem Land wieder, das nicht mehr die Demokratie ist, die wir schätzen und wollen", sagt Graf.

Um ein Uhr startet die Auftaktkundgebung: Auf einer großen Bühne, bei strahlendem Sonnenschein und einem inzwischen prall gefüllten Platz. Rund um diesen sind es die AfD-Wahlplakate, die die Laternenpfähle dominieren - doch auf dem Platz sind es diejenigen, die für eine bunte, diverse und solidarische Gesellschaft einstehen. Ulla Heinrich, die den Auftakt moderiert, zeigt, wie ein solches Miteinander aussehen kann. Überwältigt lächelt sie von der Bühne in die Masse: "Es ist heiß heute, also passt aufeinander auf.”

Was treibt sie an? "Ich bin heute hier, weil ich aus Dresden komme und die Ergebnisse der Europawahl mich unglaublich deprimiert haben”, sagt Heinrich. "Aber #unteilbar zeigt mir heute, dass wir sehr viele sind." Sie hoffe, dass alle Menschen in Dresden, Sachsen und ganz Deutschland heute noch einmal in dieser Diversität und dem Gefühl, Viele zu sein, bestärkt würden.

Dresden | Unteilbar-Demo: Ulla Heinrich (DW/F. Thiem)

Moderatorin Ulla Heinrich: "Ergebnisse der Europawahl haben mich deprimiert"

Lachen und Tanzen in der Sonne

Wer in Sachsen lebt, weiß von der Angst und dem Hass, die die Gesellschaft umtreiben. Der weiß von den Angriffen auf Geflüchtete, von den Drohungen gegen politisch Aktive. Erst vergangene Woche hatte die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) Morddrohungen erhalten.

Heute zeigt sich auf den Straßen ein anderes Bild. Als der Zug sich bewegt, ist es schwer, noch den Überblick zu behalten. Bunte Fahnen und Plakate glitzern in der Sonne, Musik schallt von über vierzig Lautsprecherwagen. Die Menschen lachen und tanzen, sie singen und jubeln. Der Protest ist kreativ, er ist jung und alt, er ist geschlechterdivers und von Menschen vieler Herkünfte. Familien sitzen auf den Wiesen am Rand. Ein schnelles Picknick zwischendurch, das Laufen in der heißen Sonne erschöpft.

Renzo de Pablo aus Curaçao ist vor Kurzem nach Leipzig gezogen. Heute hält er in Dresden ein riesiges Schild mit einem überdimensionalen Herz in der Hand. Es mache ihn glücklich zu sehen, dass mehr Inklusivität kein fernes Ideal sei, sagt Renzo. "Ich sehe hier bereits, dass es möglich ist."

Dresden | Unteilbar-Demo: Renzo de Pablo (DW/F. Thiem)

Demonstrant Renzo de Pablo: "Es ist möglich"

Die Themen Flucht und Migration dominieren

Als der Schlussblock der Demonstration die Carolabrücke über die Elbe passiert, ist die Spitze der Demonstration schon längst über die benachbarte Albertbrücke gezogen. Es ist eine der größten Demonstrationen, die Dresden je gesehen hat. Gewiss, mit der #unteilbar-Demonstration in Berlin im vergangenen Jahr sind die Zahlen nicht vergleichbar, aber für Sachsen - und das im Vergleich zu Berlin wesentlich kleinere Dresden - ist es ein enormer Erfolg.

Mehr als 400 Organisationen und Einzelpersonen hatten zu der Demonstration aufgerufen, unter anderem Gewerkschaften, Sozialverbände sowie die beiden großen Kirchen. Politiker von SPD, Linken und Grünen hatten ihr Kommen zugesagt. Sie alle gehen an diesem Nachmittag für eine "offene und freie Gesellschaft der Vielen" auf die Straße - wie es im Aufruf des Bündnis #unteilbar heißt.

Es geht um bezahlbaren Wohnraum, um Klimagerechtigkeit, um Altersarmut und Feminismus. Vor allem aber die Themen Flucht und Migration sind an diesem Tag omnipräsent. Denn sie sind der Stoff, der den Diskurs zum Brennen bringt, der Pegida und AfD antreibt, der Rassismus in der Gesellschaft offenbart. Diesen Diskurs will #unteilbar nicht den Rechten überlassen. "Die Perspektive der Migration ist unser gemeinsamer Ausgangspunkt", sagt Vincent Bababoutilabo von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland. "Wir sind hier, wir gehen nicht weg. Uns kann man nicht abstechen und nicht wegbomben."

Keine Zwischenfälle

Die Demonstration wirkt immer wieder wie eine große Feier - mit breiter Musikauswahl: von Trommelgruppen bis Techno-DJs. Bei der Abschlusskundgebung auf der Dresdner Cockerwiese herrscht Festivalstimmung. Später am Abend spielen die Band Silbermond, Sänger Max Herre und Sebastian Krumbiegel von der Band "Die Prinzen". Vorher gibt es Redebeiträge. Verbände geben Sticker aus, Initiativen sammeln Spenden. 

Zuvor hatte die AfD behauptet, die Polizei rechne mit Ausschreitungen am Rande der Demo. Die Polizei dementierte. Tatsächlich halten sich die Beamten an diesem Tag eher im Hintergrund. Von Zwischenfällen ist bis zum Abend nichts bekannt. "Die gesamte Demonstration verlief friedlich", steht am Ende des Tages in der Pressemeldung der Polizei Sachsen. 

Zu der Anzahl der Teilnehmer sagt die Polizei: "Aufgrund der Größe der Veranstaltung können wir keine seriöse Schätzung abgeben." Später werden die Veranstalter von rund 40.000 Menschen sprechen. Doch eines ist sicher: Es waren viele.

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