Daunen-Labels – reines Wohlfühl-Marketing? | Wissen & Umwelt | DW | 06.11.2018
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Tierschutz in der Textilbranche

Daunen-Labels – reines Wohlfühl-Marketing?

Der Winter kommt und mit ihm die Daunenjacke, für deren Produktion Gänse oft leiden müssen. Es gibt aber auch Labels, die sich damit schmücken, die Federn tierfreundlich gewonnen zu haben. Können wir ihnen trauen?

Daunenjacken im Geschäft (Creative Commons)

In den Wintermonaten sind bunte Daunenjacken in Mode. Nicht alle sind tierfreundlich produziert.

Ich ziehe die Schultern hoch und schaudere, eine kalte Windböe fährt unter meinen dünnen Cardigan, während ich mein Fahrrad aufschließe. Ich scrolle besorgt auf dem Smartphone durch die Wetteraussichten. Die neue Winterjacke rückt auf meiner To-Do-Liste rasant nach oben.

In den Schaufenstern posieren Schaufensterpuppen, die mit ihren quietschbunten Daunenjacken wie schlanke Versionen, des Michelin-Männchen aussehen. Soll ich mir auch so eine zulegen? Plötzlich drängen sich Bilder in meinen Kopf: Bilder aus einer Dokumentation, die mich vor ein paar Tagen unsanft aus dem Halbschlaf vor dem Fernseher gerissen haben.

Ein Stiefel drückt den Hals der Gans fest auf den Boden. Ihre Flügel sind zusammengebunden. Die schwarzen Augen voller Schmerz. Ein unerbittlicher Rhythmus: Die Hand greift zu, reißt Federn aus, die Gans zuckt. Die Haut ist freigelegt, bis auf das rohe Fleisch. Blut, hilfloses Geflatter gegen die Schnüre, Geschrei. Dann fällt die Gans und flieht verstört zurück in die Schar der anderen Tiere.

Lebendrupf nennt man das. In der EU ist dieses brutale Vorgehen aufgrund des Tierschutzes verboten. Die Formulierung "für etwas Federn lassen" werde ich in Zukunft nicht mehr unbedacht verwenden. Und Jacken, die so mit Federn gefüllt werden, möchte ich nicht tragen. Geht Wärme nicht auch mit gutem Gewissen?

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Lebendrupf für Daunen-Produktion (PETA Asia)

Beim Lebendrupf werden den Gänsen bei vollem Bewusstsein die Federn auf brutale Weise ausgerissen.

Labels versprechen tierfreundliche Produktion

Für Menschen, die sich das fragen, wurden die Daunen-Labels TSD oder RTD entwickelt:  Global Traceable Down Standard  oder Responsible Traceable Down Standard. Klingt seriös. Dahinter stecken große Versprechen: Diese Daunen würden ganz ohne Tierquälerei gewonnen.

Also Label drauf und alles wird gut? Sind diese Daunen-Labels nicht mehr als bloßes Wohlfühl-Marketing für die Kunden? Oder kann ich doch guten Gewissens eine Jacke mit diesem Label kaufen? Der Deutsche Tierschutzbund empfiehlt beispielsweise das Label Global-TDS, weil es die "höchsten Tierschutzstandards" in der Daunenbranche aufweise.

Das bedeutet: Hier wird die Einhaltung des Tierschutzes ohne Ankündigung kontrolliert, bis zurück zur Ausgangsfarm. Und die Tiere werden nicht lebend gerupft. "Das klingt zwar gut, reicht uns aber nicht", sagt Johanna Fuoß. Sie ist Fachreferentin für Bekleidung und Textil bei der Tierschutzorganisation PETA. 

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"Die Labels sind in erster Linie Marketing"

Erstens seien diese Labels von der Industrie für die Industrie geschaffen. Somit gebe es keinerlei unabhängige Kontrollen. Zweitens sei die Branche unübersichtlich: Ein Betrieb könne zum Beispiel auf Lebendrupf verzichten, gleichzeitig aber durch einen Zulieferer genau solche Daunen beziehen. Sobald die Daunenfedern einmal gewaschen sind, könne sowieso niemand mehr nachverfolgen, ob sie von lebenden oder toten Tieren gerupft worden seien. Das Fazit der Tierschützerin: "Die Labels sind in erster Linie Marketing für die Unternehmen und sollen dem Konsumenten ein gutes Gefühl geben."

Daunenfeder (picture-alliance/Wildlife/D. Harms)

Daunen isolieren gut, aber Kunstfasern können locker mithalten

Selbst wenn die Daunen tierfreundlich gewonnen würden, leben viele Gänse immer noch unter katastrophalen Umständen, beklagt PETA: winzige Käfige und tagelanges Stehen im eigenen Kot.

Die Idee, mich mit einer Daunenjacke vor der Kälte zu schützen, erscheint mir mittlerweile nicht mehr ideal. Primaloft, ein Isoliermaterial aus Polyester, könnte eine Alternative sein. Oder die Pflanzendaune Kapok, die in Südamerika aus der Hohlfaser des Kapokbaums gewonnen wird.

Kritische Verbraucher befördern Kontrollen

Tierschutzorganisationen wie PETA wünschen sich vor allem mehr Kontrollen von unabhängigen Organisationen, die nichts mit der Daunenbranche  zu tun haben. "Wir sind zuversichtlich, dass das kommt, denn die Verbraucher werden immer kritischer und fragen bei den Händlern nach der Herkunft der Daunen", sagt Johanna Fuoß. 

Ich bin diesen Winter auf jeden Fall ein alternatives Michelin-Männchen. Tschüss Daune, hallo Primaloft. 

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