Das Spionage-Nest in den Alpen | Europa | DW | 06.12.2019
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Russische Agenten in Frankreich

Das Spionage-Nest in den Alpen

Ein französisches Département in den Alpen diente wohl jahrelang als Basis für russische Agenten. Die Enthüllungsstory dazu wurde wohl nicht ganz zufällig gerade jetzt bekannt.

Mitten in Westeuropa, am Fuße des Montblanc, hatten sie ihre Basis: 15 russische Spione nutzten das französische Alpen-Département Haute-Savoie vier Jahre lang als Stützpunkt für Einsätze in ganz Europa, wie die Pariser Tageszeitung "Le Monde" berichtet. Demnach solle es sich um Agenten des russischen Militärgeheimdiensts GRU handeln, allerdings nicht um irgendwelche niederen Schergen.

Von 2014 bis 2018 sollen, laut "Le Monde", vielmehr Mitglieder der Eliteeinheit 29155 dort im Einsatz gewesen sein - zuständig für das gesamte Geheimdienstrepertoire mit toten Briefkästen, Sabotageakten und Auftragsmorden. Darunter auch Alexander Petrow und Ruslan Boschirow. Ihnen wird vorgeworfen, an dem versuchten Mordanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Großbritannien beteiligt gewesen zu sein.

Fahndungsfoto von Alexander Petrow und Ruslan Boschirow (picture-alliance/Met Police UK)

Verdächtige Petrow und Boschirow: Mordversuch mit Nervengift

Nach diesem Anschlag vereinten Geheimdienste aus Großbritannien, der Schweiz, Frankreich und den USA ihre Kräfte, um den Fall Skripal aufzuklären. Ergebnis: Neben Petrow und Boschirow sollen sich weitere hochrangige GRU-Mitarbeiter in Haute-Savoie aufgehalten haben - darunter Agenten, die verdächtigt werden, 2015 hinter einem Vergiftungsfall in Bulgarien und einem Putschversuch 2016 in Montenegro zu stecken. Russland hat wiederholt jede Verbindung mit den Vorfällen von sich gewiesen.

Eine "Geheimoperation"

Wie die Zeitung berichtet, landeten die Agenten normalerweise auf Großstadtflughäfen in der Region, beispielsweise in Lyon oder Nizza und reisten dann ins eher beschauliche Haute-Savoie, das an die Schweiz und Italien grenzt. Einige der Russen "kamen viele Male, andere ein oder zweimal", so Le Monde. Sie wohnten dann in Städten und Dörfern des Départements, bevor sie von dort zu ihren Missionen starteten. Haute-Savoie diente als Basis für alle geheimen Operationen der Einheit 29155 in Europa, so die Einschätzung eines von "Le Monde" befragten französischen Geheimdienstlers. Das Département wurde wohl ausgewählt, weil es eine diskrete und doch einfach zu erreichende Region sei, das an die Schweiz angrenze und in dem mehrere Orte von vielen Russen frequentiert würden, so etwa der noble Wintersportort Megève.

Großbritannien Salisbury - Sicherheitspersonal nach Vergiftung von Ex-Spion Sergei Skripal (picture-alliance/AP Photo/F. Augstein)

Ermittlungen im Fall Skripal: Reisten die Täter aus den französischen Alpen an?

Die Ermittler konnten allerdings weder Waffen finden, die von den Agenten benutzt wurden, noch Komplizen vor Ort enttarnen. Auch sonst wurde kein Material der Spione entdeckt, so "Le Monde". Dennoch konnte die westliche Spionageabwehr die Aufenthaltsorte der russischen Agenten anhand ihrer Unterkünfte sowie Restaurantbesuche und Shoppingtouren nachweisen.

Der Plan des Präsidenten

Die Enthüllungen kommen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versucht, Spannungen mit Russland abzubauen, die Gespräche über die Ostukraine wieder aufzunehmen und mit dem Kreml in Sachen Nahost-Politik zusammenzuarbeiten.

Die französische Regierung werde wohl in Moskau protestieren und russische Diplomaten aufgrund des Berichts ausweisen, so die Einschätzung von Martin Michelot von der Prager Denkfabrik "Europeam". Aber der Le-Monde-Artikel könnte Macron bei dessen Bemühungen sogar nützlich sein. Möglicherweise - so die These des Experten - wurden die Geheimdienstinformationen über die russische Agentenbasis in den Alpen an die Pariser Zeitung durchgestochen, um ein subtiles Signal an den Kreml zu senden. "Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall ist", sagte Michelot der DW. "Es ist reine Strategie - und ich denke wirklich, es ist eine ziemlich gute Strategie."

Frankreich l Martin Michelot - Experte bei Denkfabriken Institut Jacques Delors (DW/L. Sheiko)

Experte Michelot: "Eine ziemlich gute Strategie"

Da Macron sich darauf vorbereitet, nächste Woche Friedensgespräche zwischen der Ukraine und Russland zu führen, könnten die Veröffentlichungen über die Haute-Savoie-Connection deutlich machen, dass "Frankreich nicht naiv ist", so der Politikwissenschaftler. Seitdem er seine Aufgeschlossenheit gegenüber Russland signalisiert hat, habe Macron nie durchblicken lassen, dass er tatsächlich  einen Trumpf besitze, mit dem er an den Verhandlungstisch kommen könnte, irgendetwas, das seine Stärke und seine Entschlossenheit beweisen würde. Das scheint nun anders zu sein."Deshalb kommt die Sache jetzt raus", schätzt Michelot, "und deshalb ist das so wichtig."

Keine ganz geheimen Agenten

Die Liste der Vergehen der GRU in ganz Europa ist lang: Neben der Vergiftung von Skripal und dessen Tochter mit einem Nervengift in Großbritannien 2018 wird der russische Militärgeheimdienst GRU in den vergangenen Jahren mit mehreren Komplotten auf höchster Ebene in Verbindung gebracht:

  • Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", des britischen Recherchenetzwerks Bellingcat und des russischen Internetmagazins "The Insider" steckte die GRU vor vier Jahren hinter dem Versuch, den bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrew zu vergiften. Laut Laborergebnissen hatte Gebrew Spuren von Nowitschok im Körper, also von genau dem Nervengift, mit dem die Skripals ermordet werden sollten. Die drei Medien berichten, dass sieben GRU-Agenten damals nach Bulgarien gereist waren, um an dem Mordplan mitzuwirken. Vier von ihnen tauchen auf "Le Mondes" Haute-Savoie-Liste auf.
  • 2018 wurde in der Republik Moldau ein früherer Abgeordneter wegen Spionage für Russland verurteilt. Nach Ansicht der Richter war der Politiker von der GRU angeworben worden, um "Informationen von nationalem Interesse" zu liefern.
  • Zudem wurden in Montenegro die beiden mutmaßlichen GRU-Agenten Eduard Schischmakow und Wladimir Popow in Abwesenheit zu Höchststrafen verurteilt, weil sie 2016 an einem Putsch-Plan gegen den montenegrinischen Langzeit-Herrscher Milo Djukanovic beteiligt gewesen sein sollen. Sowohl Schischmakow als auch Popow stehen laut "Le Monde" auf der Liste der 15 verdächtigen Haute-Savoie-Besucher.
  • Im vergangenen Monat tauchte in Serbien ein Video auf, auf dem ein GRU-Agent zu sehen ist, wie er einem pensionierten Offizier der serbischen Armee Geld aushändigte. Die Behörden in der Hauptstadt Belgrad, sonst eher auf Seiten des Kreml, bestätigten die Echtheit des Videos.
  • Spanische Stellen vermuten, dass Mitglieder der Einheit 29155 versucht haben, die katalanische Unabhängigkeitsbewegung anzustacheln, berichtet die Zeitung "El Mundo".

Offen ist noch, ob die GRU im August auch bei der Ermordung eines Georgiers im Kleinen Tiergarten in Berlin die Finger im Spiel hatte. Im Zusammenhang mit diesem Fall hat die Bundesregierung am Mittwoch die Ausweisung von zwei russischen Diplomaten angeordnet. Das 49-jährige Mordopfer hatte im zweiten Tschetschenienkrieg gegen russische Truppen gekämpft. Obwohl sich die deutschen Behörden nicht ausdrücklich auf die GRU bezogen, erklärten sie, es gäbe "ausreichende Beweise", die darauf hindeuten, dass der Kreml oder die Behörden der russischen Republik Tschetschenien hinter dem Anschlag stecken.

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