Das sagen unsere Aktivisten zum Thema | Alle Macht dem Volk? | DW | 21.05.2013
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Alle Macht dem Volk?

Das sagen unsere Aktivisten zum Thema

Welchen Einfluss haben moderne Informationstechnologien wie Facebook auf die Protestbewegungen? Machen sie den gegenseitigen Austausch wirklich einfacher? Unsere Aktivisten haben dazu unterschiedliche Auffassungen.

Journalistin Tetiana Chornovol aus der Ukraine:

Jedes Medium ist für die Entfaltung einer Protestbewegung wichtig. Klar, dass Twitter und Facebook Medien sind, die dazu beitragen. Aber man darf die Rolle der sozialen Netzwerke im ukrainischen Fall nicht überschätzen. Viele hier denken sogar, dass Twitter und Facebook eigentlich Feinde der Zivilgesellschaft sind, da sie zur sozialen Isolation beitragen und "Dampf" sozusagen nur virtuell abgelassen wird. Eine bekannte zivile Aktivistin in der Ukraine, Viktoria Sjumar, brachte es einst auf den Punkt: "Hätte es Facebook 2004 schon gegeben, hätten wir nicht eine Million Menschen auf dem Maidan-Platz gehabt, sondern eine Million "Likes" in Facebook." Ich persönlich teile diese Auffassung so nicht. Aber man darf eben auch die Schattenseiten von Twitter und Facebook nicht übersehen. Über soziale Netze bekommen repressive Staatsorgane auch eine Möglichkeit, die Protestbewegungen zu manipulieren und mehr über die Aktivisten und ihre "wunden Punkte" zu erfahren.

Oppositionspolitiker Amr Badr aus Ägypten:

Moderne soziale Netzwerkplattformen haben einen großen Einfluss auf Protestbewegungen. Dank dieser Technik kann man viel mehr Demonstranten erreichen, und sie erleichtern die Organisation von Protestmärschen - unabhängig von der Medienberichterstattung. Allerdings ist es schwerer, damit ältere und arme Menschen oder gar Analphabeten zu erreichen, denn diese haben naturgemäß keinen Zugang zum Internet.

Umweltaktivist Quentin James aus den USA:

Die Erfindung von Twitter und Facebook hat die Kommunikation weltweit vereinfacht. Vor allem vor dem Hintergrund von Protestbewegungen haben diese Plattformen ein großes historisches Problem gelöst: Sie ermöglichen endlich die schnelle, freie und sachliche Informationsverbreitung. Jetzt muss man keinen großen Sender mehr mit Engelszungen überreden, eine bestimmte Story zu bringen, denn sie ist ruckzuck weltweit online.

Rechtsanwältin Lila Bellou aus Griechenland:

Die sozialen Medien, das Internet und Blogs helfen dabei, Informationen zu verbreiten und tragen so zum Pluralismus von Ideen und Meinungen bei. Traditionelle Massenmedien wie das Fernsehen oder Zeitungen können das nicht leisten. Auf der anderen Seite führt die Flut von Informationen manchmal zu Verwirrung – besonders bei denjenigen, die das Ganze nicht mit kritischem Abstand beobachten und Probleme nur vordergründig beurteilen. Wenn man anderseits zum Beispiel den "Arabischen Frühling" sieht, habe die sozialen Netzwerke den Leuten eindeutig geholfen; denn für sie gab es doch keinen anderen Weg, ihre Ideen der Welt mitzuteilen und sich im Kampf für die Demokratie zu organisieren.

Japanischdozentin Isabelle Makgoeva aus Russland:

Das Problem ist, dass es in von Diktaturen beherrschten Ländern kaum freie und unabhängige Massenmedien gibt. Die sozialen Netze geben uns Aktivisten und politischen Organisationen die Möglichkeit, so etwas wie eigene Massenmedien aufzubauen. In der aktuellen Situation sind private Blogs eine zuverlässigere Informationsquelle als offizielle oder halboffizielle Medien. In der heutigen Zeit, in der Straßenproteste eine Zeit lang ausgesetzt wurden, wird Politik bei Twitter und Facebook gemacht. Dank dieser sozialen Netze können Informationen über Fälle von staatlicher Gewalt, Repressalien und Wahlfälschungen schnell landesweit verbreitet werden. Auch bei der Mobilisierung der Menschen für Massenaktionen sind Facebook und Twitter nicht zu unterschätzen. Sie sind und bleiben das effizienteste Instrument.

Grafikdesigner Marc Masmiquel aus Spanien:

Die sozialen Netzwerke können Proteste sehr schnell verbreiten. Aber ihr tatsächlicher Einfluss ist beschränkt und wird von den Medien sehr überschätzt. Es handelt sich eher um "leichtgewichtige Proteste", denn sie gefährden weder die Aktivitäten noch die Ressourcen der Wirtschaftsmafia. Lediglich das öffentliche Image nimmt Schaden. Die sozialen Netzwerke sind Medien, die die Kommunikation vereinfachen und die Anzahl der Empfänger um ein Vielfaches erhöhen, aber die Qualität der Botschaft bleibt oft auf der Strecke. Mit 140 Zeichen kann man eben nur sehr wenig sagen.